Online-Protest: Der neue Bond hat fiese Feinde - DER SPIEGEL
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Online-Protest Der neue Bond hat fiese Feinde

Der designierte James-Bond-Darsteller Daniel Craig hat bereits vor Ende der Dreharbeiten erbitterte Feinde. Auf einer eigens eingerichteten Webseite wird zum Boykott des Films aufgefordert, Craig wird mit Tieren, Comedy-Schwachköpfen und Urmenschen verglichen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Daniel Craig hat keinen leichten Job. Er soll Pierce Brosnan ablösen, einen Bond-Darsteller, der den Fans inzwischen so ans Herz gewachsen ist, dass sie Petitionen anstießen und sich in zahlreichen Umfragen immer wieder durchsetzten: Stets stand Brosnan an erster Stelle, wenn es darum ging, wer den nächsten Bond spielen solle. Noch heute versammeln sich in Mailing-Listen und Internetforen die Verbitterten , die einfach nicht wahrhaben wollen, dass 007 ein neues Gesicht bekommt. Und, was viele mindestens ebenso schlimm finden, blondes Haar.

Inzwischen richtet sich der Zorn nicht mehr nur gegen die böse Produktionsgesellschaft Eon, eine Art Bond-Produktions-Familienbetrieb - jetzt geht es gegen Craig selbst. Seit dem 20. Februar gibt es craignotbond.com , eine Seite, die sich ausschließlich und auf vielfältige Weise der Verunglimpfung des künftigen Topagenten-Darstellers widmet. Craig sei "außerordentlich viel weniger gutaussehend und charismatisch als alle anderen Männer, die jemals Bond gespielt haben" heißt es da zum Beispiel.

Er habe sich bislang darauf beschränkt, "die Rollen von Kriminellen, Alkoholikern, Süchtigen, Psychopathen, Kindsmördern, Dieben, Perversen und Gigolos zu spielen". Craig wird mit einem blauäugigen Lemur verglichen, und per Morphing-Software wird von einem erfundenen italienischen Wissenschaftler nachgewiesen, dass Craig allem Möglichen ähnelt, nur nicht Sean Connery. Besonders frappierend seien die Parallelen zu zweien der drei Stooges und zur Schädelrekonstruktion eines Neandertalers, behauptet "Professore Angelo Baccigaluppi".

Nun hat beispielsweise Sean Connery selbst gesagt, er halte Craig für eine interessante Wahl für die Rolle, und selbst Pierce Brosnan, der ja eigentlich selbst gern noch mal ranwollte an Girls und Gadgets, hat ihm Mut zugesprochen. Das aber bringt Craigs Feinde nicht von ihrer Mission ab: Dieser Film-Agent muss gestoppt werden - und zwar per Boykott. Man möge eine E-Mail an die - auf der Webseite gezeigten! - Adressen aller beteiligten Entscheider bei Sony Pictures, MGM, United Artists und an den US-Kinobesitzerverband National Theater Owners Association schicken, in der man seinem Unmut Luft macht.

"Offensichtlich das falsche Aussehen"

Die freundlicherweise zur Verfügung gestellte Modell-Mail beginnt mit den Worten "ich schreibe Ihnen, um sie über meine entsetzliche Verzweiflung über ihre Entscheidung in Kenntnis zu setzen, Pierce Brosnan mit einem so unbekannten und unattraktiven Schauspieler wie Daniel Craig zu ersetzen, denn Craig hat offensichtlich das falsche Aussehen, um die Rolle des Bond zu spielen."

Die Boykott-Ankündigung soll man mit detaillierten Angaben über den eigenen Beruf, Familienstand, das eigene Einkommen und so weiter garnieren, denn die Filmindustrie interessiere sich sehr dafür, wen sie da als Kunden verlieren werde. Auch eine Online-Petition  gegen Craig gibt es bereits, die, zu dem Zeitpunkt, da dieser Text entsteht, mehr als 1600 Menschen digital unterzeichnet haben.

Aufgesetzt hat die Petition übrigens eine fünfzehnjährige Tschechin, die neben Pierce Brosnan auch noch Robbie Williams verehrt. Wer hinter Craignotbond.com steckt, ist dagegen unklar - die Domain ist in Australien registriert, allerdings auf den Namen eines Herrn in Kalifornien. Die Briten selbst, so scheint es jedenfalls, bleiben kühl und besonnen, wenn es um die Neubesetzung des britischsten aller Filmhelden geht.

Aufzuhalten ist Daniel Craig trotz aller Mühe wohl nicht - immerhin hat er auch ein paar Fans , die voll auf seiner Seite stehen. Und wer die schwarzhumorige, hochglanzpolierte Gangstergeschichte "Layer Cake"  gesehen hat - gibt's auf DVD - wird vielleicht seine Meinung über den armen Mann doch noch ändern.

Übrigens: Der neue Bond "Casino Royal" basiert auf dem ersten Bond-Roman von Ian Fleming. Der wurde 1967 schon mal verfilmt, als bizarre, ziemlich zerfahrene Bond-Parodie, von einer ganzen Parade von Regisseuren - darunter immerhin John Huston - und mit mehreren drastischen Drehbuchänderungen. Den 007 gab damals der gutaussehende sehr britisch-bondhafte David Niven - und der Film war ein grandioser Flop.

Christian Stöcker