Online-Proteste: Druck auf Scharon? - DER SPIEGEL
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Online-Proteste Druck auf Scharon?

Im Web formieren sich die Gegner des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon. Die Electrohippies organisieren die bequemste DoS-Attacke aller Zeiten, und Uno-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson bekommt angeblich Post: 520.000 E-Mails. Fürs Erste.
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Lange schon hat sich das Internet zum Instrument für politische Proteste gemausert. Die Erfahrungen damit sind durchwachsen: Verbleiben die Proteste im Friedlich-Symbolischen, so bleibt es den Adressaten überlassen, wie ernst sie diese nehmen. Online-Demos gegen Telekom und Lufthansa, gegen anstehende Gesetze oder für diverse (Internet-)Volksbegehren zeigten in der Vergangenheit, dass es damit oft nicht weit her ist: Die Adressaten spielen das, was ihnen nicht passt, locker herunter.

Dann gibt es da noch diese anderen Protestformen des "Hacktivismus". Wenn Web-Server unter DoS-Attacken in die Knie gehen, Cracker oder Hacker die Verschönerung ihnen unliebsamer Webseiten angehen, Mailrouter mit Fluten automatisierter Protestbriefe nicht mehr fertig werden - dann ist all das immer wieder eine herrliche Gelegenheit, nach Law und Order zu rufen, als drohe der Untergang des Abendlandes.

Ob der massenhafte Aufruf einer Website bis zum Zusammenbruch des betroffenen Servers nun "Denial-of-Service-Attack" heißt oder "virtuelles Sit-in", das ist oft nur eine Frage der Perspektive.

Hinsetzen zur DoS-Attacke

Die Electrohippies, eine lose organisierte Cyber-Protestgruppe, ziehen es derzeit vor, von einem "Sit-in" zu sprechen. Wem die Tausenden, die die Hippies mobilisieren wollen, sich auf die Türschwelle setzen sollen, ist auch klar: Ariel Scharon. Der israelische Ministerpräsident, argumentieren die Electrohippies, habe "den Friedensprozess vergiftet".

Nicht weniger als den "militärischen Rückzug aus den palästinensischen Gebieten und die bedingungslose Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen" wollen die Hippies erzwingen - per konzertiert herbeigeführtem Zusammenbruch israelischer Regierungs-Websites .

Nicht ohne Augenzwinkern, denn natürlich sind die Hippies nicht so dumm zu glauben, dass sich eine Richtungsänderung in Nahost per DoS-Attacke erzwingen ließe. Aber ein Zeichen wollen sie setzen und demonstrieren, wo derzeit niemand demonstrieren kann. Das ist nicht unmoralisch.

Zur "Besetzung des Cyberspace der israelischen Regierung" stellen die Hippies ein Tool vor, das die DoS-Attacke zum einen zum bewussten Akt macht, zum anderen aufs Bequemste automatisiert. Ein kleines Applet soll der geneigte Demonstrant kurz herunterladen, und schon geht's los: Nonstop bombardiert das Applet die betreffende israelische Website mit massenhaften Anfragen. Doch Vorsicht: Einen fitten Rechner sollte der Online-Demonstrant schon mitbringen. Das Tool lastet die Ressourcen "bis an die Grenze" aus, warnen die Hippies.

Und zeigen mit ihrer Aktion, wohin sich der symbolische Online-Protest in den nächsten Jahren entwickeln mag. Wenn weltweit Visionen wie Otto Schilys Vernetzung der Verwaltung, wenn E-Government und Online-Wahlen Wirklichkeit werden, dann mögen solche Protestformen tatsächlich zu empfindlichen Funktionsstörungen in der Maschinerie der Staaten werden. Vorerst stört es Scharon dagegen wohl eher wenig, wenn man für ein paar Stunden seine Grußworte nicht lesen kann - und das auch nur, wenn die Aktion gelingt. Strafbar dürfte die Teilnahme in vielen Ländern schon jetzt sein.

Politik ist fun, wenn man nur klicken muss

Als schmerzhafter, weil mit Komplikationen behaftet, könnte sich da der klassische Weg der Petition erweisen. Denn auch die Zeiten der mühsam, aber unermüdlich Unterschriften sammelnden Überzeugungstäter in Fußgängerzonen gehen ihrem Ende entgegen. Dafür gibt es doch heute Websites wie "Petition Online", wo man ganz bequem seine Unterstützung für oder seinen Protest gegen was auch immer ausdrücken kann. Das klingt gut und schnell und effektiv, hat aber den Haken, dass man nie weiß, wie ernst es den Veranstaltern selbst ist.

Auf Platz eins in der Hitparade der zehn beliebtesten Petitionen (sic!) bei "Petition Online" findet sich derzeit eine gegen - Ariel Scharon .

Mit dem, finden inzwischen rund 520.000 virtuelle Unterzeichner, sollte sich ein Uno-Untersuchungsausschuss in Sachen Menschenrechtsverletzungen etwas näher befassen. Sobald eine Million Unterzeichner beisammen seien, soll die Petition angeblich an Mary Robinson gehen, die Uno-Hochkommissarin für Menschenrechtsfragen.

Vorausgesetzt, man teilt die in der Petition vertretene Meinung, klingt dies doch wie eine zivilisierte Vorgehensweise. Doch die Sache hat einen Haken: Man weiß nicht wirklich, wem man hier wozu zustimmt.

Die Petition geht auf eine "Justice & Peace Group" zurück, die angeblich über eine Website erreichbar sein soll, die nirgendwo registriert ist. Der Verfasser der Petition ist ebenso angeblich über eine Yahoo!-Adresse erreichbar.

"Petitiononline.com", der "Marktplatz freier Ideen", ist nur Host der dort gesammelten Polit-Aktionen - und wirbt ganz nebenbei fürs eigene Stammgeschäft: Für Designsoftware, Architekturzeitschriften und andere, verwandte Themen.

Neben zahlreichen ernsthaft klingenden Petitionen und politischen Forderungen finden sich dort auch vielleicht weniger unterstützenswerte Anliegen wie "Hutpflicht für Präriehunde", "Protest gegen den afghanischen Missbrauch von Wombats", "Aufruf zur Auflösung des Finanzministeriums", "Petition zur Vertreibung aller Schwuler aus Amerika", "Petition an Britney Spears, sich endlich vollständig anzuziehen" oder "Petition an Warner Brothers, Willy Wonker im 16:9-Format auf DVD herauszubringen". Nicht ganz der Kontext, den man vermutet, wenn man seine Unterstützung für ein im Sinne des Wortes todernstes Thema kommunizieren will.

Des Rätsels Lösung findet sich im unteren Drittel der Website und lautet:

"Create your own Free Online Petition"

Der Link auf die genannte Scharon-Petition kursiert derzeit per Ketten-E-Mail (was die Zahl der Teilnehmer erklärt), ohne einen Hinweis darauf, dass es sich bei der "Gastgeber-Seite" offenkundig um ein "Just-for-Fun"-Angebot handelt. Von der Scharon-Petition gibt es keinen Link zur Übersichtsseite: Wer herausfinden will, wo er jetzt eigentlich abstimmt, muss die Webadresse per Hand bis auf ihre Wurzel zurückkürzen  - und selbst dann ist es nicht sofort offensichtlich.

Das hat nichts mehr mit Online-Politik zu tun, sondern nur noch mit unreifer Ersatzbefriedigung: Politik-Ersatz für die Spaßgesellschaft. Arm - und lehrreich: Völlig abgesehen von Zustimmung oder Ablehnung zu einem Thema sollte man wohl auch online wie in der realen Welt schauen, vor wessen Karren man sich eigentlich spannen lässt, und wer da wie mit Userhilfe wofür Stimmung macht. Klicken ist schnell und billig, bietet tatsächlich neue Möglichkeiten, sich im politischen Prozess zu engagieren - produziert aber auch massenhaft pseudopolitischen Meinungsmüll.

Frank Patalong