Online-Spiele: Comeback der Alternativwelten - DER SPIEGEL
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Online-Spiele Comeback der Alternativwelten

Gespielt wurde online, seit es das Internet gibt. Doch die "Games" werden immer besser, "Game-Portals" mausern sich zu populären Dreh- und Angelpunkten des Webs. Bald schon, meint das Marktforschungsunternehmen Datamonitor, werden Onlinespiele den Erfolg von Konsolen- und PC-Spielen überflügeln.
Von Niels Gründel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Diese Gefahr sehen auch die Großen im Geschäft: Sie alle haben angekündigt, ihren Spielekonsolen eine Internetschnittstelle zu verpassen. Auf der Website des Gameboys hat Nintendo  schon mal einige Shockwave- und Java-Spiele bereitgestellt. Als "Appetizer", zum Beispiel für die "Pokémon"-Produktlinien.

Der Anfang: "Multi User Dungeons"

Onlinespiele sind so alt wie das Web selbst. Doch in den Anfangstagen des Webs war auch beim Spielen vor allem noch eigene Phantasie gefragt: Die textbasierten Abenteuer in den "MUDs" ("Multi User Dungeons") fesselten eine eingeschworene Fangemeinde. Das "Hineinkommen" in diese Spielwelten war dagegen schwer, ohne eine echte "Einarbeitungszeit" war dort kaum etwas zu reißen.

Die nächste Welle der Onlinespiele wurde durch die (in Deutschland zumeist indizierten) "First-Shooter"-Ballerorgien vom Schlage "Doom" und "Quake" eingeleitet: Spiele, die von vornherein darauf ausgerichtet waren, über Netzwerke gespielt zu werden. Zunächst verstopften sie Firmennetzwerke, zunehmend bessere und schnellere Internet-Verbindungen machten bald auch grenzüberschreitende Mordorgien möglich.

Und damit auch teils extrem gewalttätige Onlinewelten, die über lange Zeiten bestehen. In den Vereinigten Staaten entstand der "Beruf" des virtuellen Auftragskillers: Die "erledigten" - oftmals gegen Zahlung - besonders gute Spieler und hielten Anfängern so den Rücken frei, um online genug üben zu können, sich für eine Weile im Onlinekrieg zu behaupten.

Auch diese Szene blüht weiterhin - und sucht und findet ihre Kontakte zunehmend über spezialisierte Game-Portals . Beliebter noch dürften allerdings die zahlreichen grafischen MUDs sein: Phantasiewelten, die immer "bildlicher" werden. Kultstatus haben hier die ungezählten "Communities" rund um das Rollenspiel "Das schwarze Auge" (zum Beispiel "Güldenland "). MUDs sind alternative Welten im Sinne des Wortes - Fluchtburgen für Escapisten. Wem eine Welt, ein Leben nicht reicht, der siedelt halt im Mittelalter  oder auf dem Mond .

Spielten 1999 weltweit gerade 12 Millionen Spieler online, so soll diese Zahl bereits in drei Jahren auf 40 Millionen hochschnellen. Bedenkt man den Preisverfall bei Telefon- und Internetkosten und die kommenden Flatrates, dann scheinen solche Prognosen gar nicht einmal so utopisch.

Trend: "Back to the roots"

Erfolg dürfte dem Onlinespiele-Sektor aber vor allem der Trend "Back to the roots" bringen - zurück zu den Multiplayer-Games (MUDs). Das hat mehrere Gründe: Tatsächlich sind Computer als Gegenspieler nur noch wenig unterhaltsam. Sie bieten inzwischen zwar perfekte Animation, doch ihr Verhalten ist für die Profis oft vorhersehbar. Interessanter ist und bleibt aber der menschliche Gegenspieler. Darüber hinaus sind alle "Actionspiele" nur so lang spannend, wie sie neu sind. Sie fesseln die Kundschaft für relativ kurze Zeit - dann kommt der nächste Knaller. MUDs hingegen binden ihre "Kundschaft" oft über Jahre: Der Spieler wird zum Mitgestalter einer alternativen Realität, die Teil seines Lebens wird.

Das größte deutschsprachige Onlinespiele-Portal im Web ist nach eigenen Angaben Onlinespiele.org  . 240 Spiele stehen zur Zeit zum Abruf bereit. Die Multiplayer-Spiele sind der kleinste Bestandteil der Seite, dafür sind alle Spiele kostenlos verfügbar und die Seite ist vorbildlich gepflegt: Sie weist keine toten Links auf. Um den Überblick zu bewahren, gibt es jeden Monat einen Newsletter mit aktuellen Tipps und Neuheiten.

Definitiv kostenlos bleibt auch das Angebot der deutschen Net-Games AG . Die Firma, die schon heute zu den führenden Anbietern zählt, wurde von aktiven Spielern gegründet. Die FSGS-Technologie des Unternehmens (Free Standard Game Server) stellt inzwischen den Quasi-Standard im Spielebereich dar.

An der Entwicklung von Spielen beteiligen sich die Münchener Zocker nicht aktiv, sie konzentrieren sich vielmehr mit ihrem Angebot auf diejenigen Multiplayer-Spiele, die dem aktuellen Spieleangebot am Markt und den Vorlieben der Community entsprechen. Mit dieser herstellerübergreifenden Unabhängigkeit können sie sehr flexibel auf Trendänderungen reagieren und so das jeweils optimale Umfeld für alle Spiele bieten: ein internationales Team, Szene-News, Erfahrungsberichte und Downloads.

Der Erfolg scheint Net-Games Recht zu geben: Von fünf Millionen Spielern sind täglich 350.000 auf der Plattform. Fast 1500 Clan- & Fan-Sites der Spielergemeinschaften werden als zusätzliches Angebot kostenlos gehostet.

Im Bereich der Multiplayer-Spiele erfreuen sich besonderer Beliebtheit Kauf-Strategie-Spiele, bei denen die Gegenspieler durch Gebietseroberungen übertrumpft werden, und Rollenspiele, bei denen Aufgaben in einer eigenen Fantasie-Welt gelöst werden müssen. Dafür ist teils erhebliches Hintergrundwissen nötig. Anfängern im "Güldenland" geben die Website-Betreiber vorab den Tipp, sich erst einmal mit gültigen Zahlungsmitteln einzudecken: "Man sollte bei Wyrm, dem Fischer, Fische putzen, oder in der Herberge zum Sphaerentor Teller waschen". Wenn das keine Alternative ist zum tristen Büroalltag: The game has just begun!

Unter Mitwirkung von Frank Patalong