P2P-Börsen Drohgebärden vergraulen die Nutzer
Derzeit scheint der Punkt erreicht, wo im Gorilla-Clan das Alpha-Männchen mit brüllenden Drohungen allein nicht mehr auskommt. Immer stärker wird die Gegenwehr der P2P-Lobby, die sich von der Klagewelle durch die RIAA zeitweilig hat schocken lassen. Jetzt wird wieder geklagt, und zwar in alle Richtungen.
So geht die RIAA gegen Grokster in die Berufung, nachdem vor einigen Wochen ein US-Richter die Börsenbetreiber für nicht haftbar erklärten für all die Piraterie, die über ihre Software abgewickelt wird. Zeitgleich klagt eine durch die RIAA identifizierte P2P-Nutzerin gegen den Musikverband wegen Verletzung von Bürgerrechten. Unterstützt wird sie von der Electronic Frontier Foundation, die sich mehr und mehr zur P2P-Lobby mausert.
Verklagte Wähler wählen nicht
Schützenhilfe kommt auch aus Senat und Kongress, wo das Treiben der RIAA ebenfalls mit wachsendem Unmut beobachtet wird: Selbst konservative Abgeordnete befürchten ein großes Halali auf Otto-Normalverbraucher. Schon kümmert sich ein Senatsausschuss um die Frage, ob und inwieweit die Musiklobby über das Ziel hinausschießt. Die versichert, man schieße scharf nur auf echte Missetäter. Konkrete Klagen seien ja noch nicht eingereicht - was wohl heißen soll, dass sich nicht jeder Erwischte vor Gericht wiederfinden wird.
Denn dort könnten dann auch Minderjährige sitzen, deren weiterer Lebensweg durch die Ahndung von Britney-Spears-Downloads gefährdet wäre, wie in der US-Presse auf und ab zu lesen war.
Eindeutige Statistiken: Da schrumpft was
Und gerade deshalb funktioniert die RIAA-Strategie wohlmöglich doch, denn die hektische Unruhe rund um P2P führt längst dazu, dass den Börsen die Nutzer davonlaufen.
So soll die Zahl der US-Haushalte, die sich auf unerlaubte Weise Musik verschafft, zwischen Mai und Juni von 14,5 auf 10,4 Millionen gesunken sein. Das jedenfalls teilte am Donnerstag das Marktforschungsunternehmen NPD Group am in Port Washington im US-Bundesstaat New York mit. Die Zahl der unerlaubt aus dem Internet heruntergeladenen oder von CDs gebrannten Musikdateien und -kopien sei Schätzungen zufolge im gleichen Zeitraum von 852 auf auf 655 Millionen gesunken. Die Zahlen beruhten auf der Befragung von 40.000 Internet-Nutzern.
Das glaubt man auch beim Marktforschungsinstitut Nielsen NetRatings. "Das wirkt sich auf jeden Fall auf die Nutzung aus", sagte Internet-Analyst Greg Bloom. So habe die Zahl der privaten Nutzer der Börse Kazaa in der vergangenen Woche bei 4,8 Millionen gelegen. Sieben Wochen zuvor seien es noch 6,5 Millionen gewesen.
Der Rückgang der Musikpiraterie führe jedoch nicht automatisch zu einem Umsatzanstieg bei gewerblichen Musikplattformen im Internet wie beispielsweise dem iTunes-Dienst des Computerherstellers Apple. "Noch haben wir kein Anziehen bei irgendeinem legalen Dienst festgestellt", sagte Bloom. Unerlaubte Tauschbörsen hätten noch immer weit mehr Zuspruch als kostenpflichtige Angebote.
Doch selbst P2P-Experten glauben inzwischen daran, dass die Hochzeit der großen, frei zugänglichen Börsen möglicherweise ihrem Ende entgegen geht. In Anbetracht immer härterer Sanktionen steigt das Risiko in einem Maße, das den persönlichen Nutzwert der Börsen übertrifft. Während viele Gelegenheits-User abspringen, macht sich die "Stammkundschaft" Gedanken über Alternativen. Heiß diskutiert werden neben stärker anonymisierten und verschlüsselten P2P-Modellen auch Tauschbörsen kleineren Ausmaßes, die als intern geschlossene Zirkel funktionieren und schwerer zu überwachen wären.