Passwort-Ärger: Weh, Weh, Weh! - DER SPIEGEL
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Passwort-Ärger Weh, Weh, Weh!

Unsere reale wie unsere virtuelle Welt ist perfekt geschützt - nur dumm, wenn man mal das Passwort vergisst. Ein Erfahrungsbericht
Von Matthias Matussek
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Das Internet und seine Sicherungssysteme sind Steinzeit", sagte mein Freund geringschätzig. "Man könnte schon längst biometrische Zugangskontrollen einrichten. Ein Daumenabdruck würde reichen ... ich meine, seinen Daumen hat man doch meistens dabei."

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal der Wortfolge "seinen-Daumen-hat-man-doch-meistens-dabei" begeistert beipflichten würde. Und dass sie absolut Sinn machen und viel vernünftiger sein würde als alles, was sie ausgelöst hat.

Es begann an einem Morgen, der so verlaufen sollte wie jeder andere - mit dem Erledigen von E-Mails. Hauptsächlich ist es Post, die alle virtuellen Filter durchschlagen hat. Nein, ich brauche keinen Discount-Wein. Und CINDY oder KATHY, seid ihr verrückt, ich bin verheiratet! Im Übrigen bin ich mit meiner Dings-Länge ganz zufrieden, auf jeden Fall für absehbare Zeit. Dass sich so viele so wahnsinnig Sorgen darum machen, ist natürlich auch irgendwie rührend. Jedenfalls scheinen sie immer durch zu kommen.

Deshalb fiel mir die Leere in meinem Posteingang sofort auf. Das machte mich nervös. Ich ziehe gerade wieder um, hatte meine neue Adresse an alle gespeicherten Freunde geschickt, und wartete auf die eine oder andere Reaktion. Nichts. Noch nicht mal: "Was, du lebst noch?". Ich reaktivierte meine Ersatzmail, und fand dort, unter Bergen von Dings-Verlängerungsangeboten, eine Nachricht meines so genannten Hosts von Yahoo - er sei gezwungen, meine Homepage und meine Mail-Adressen zu sperren, weil ich ihm Geld schulde.

Vollkommene Sicherheit, sogar vor mir selbst

Ein Versehen. Ich hatte eine neue Kreditkarte und vergessen, Yahoo die Änderung mitzuteilen. Dazu musste ich nun auf meine "ganz persönliche Seite", und von dort auf eine andere, für die ich einst ein ganz persönliches Passwort erhalten hatte. Und das hatte ich mir irgendwo notiert. Und dann vergessen, wo.

Wahrscheinlich war der Zettel, auf dem ich es notiert hatte, unter irgendeiner Papierlawine auf meinem Schreibtisch verschwunden. Irgendwann hatte ich ihn wahrscheinlich noch einmal in der Hand gehabt, verständnislos draufgestarrt und dann weggeschmissen. Ich kam also nicht in meine virtuelle Wohnung. Jeder Mist kommt in meinen Briefkasten, aber ich war ausgesperrt. Vollkommene Sicherheit, sogar vor mir selbst.

Früher ließen sich Wohnungstüren mit Fußtritten öffnen. Die hier nicht. Mein Web-Host behandelt selbst Leute, die ihm Geld anbieten, wie Bankräuber. Ständig müssen sie sich ausweisen.

Um ein neues Passwort zugeschickt zu bekommen, will er wissen, was man damals eingegeben hat: ID-Name, Geburtsdatum, Postleitzahl. Ganz einfach, sollte man meinen - doch ich patzte bei der Postleitzahl. Mein Host sah keine Übereinstimmung mit jener Zahlenreihe, die ich einst angegeben hatte, als ich meinen Vertrag mit ihm geschlossen hatte. Ich gab die Nummern anderer Wohnorte ein, denn ich war ein paar Mal umgezogen. Erfolglos. Ich schrieb immer ausfallendere Briefe an einen automatisierten Kummerkasten: Ich will euch Geld geben, ihr Idioten!!! - bis man mir schließlich eine Telefonnummer schickte.

Und dann meldete sich Greg

Das Problem war, dass es wirklich nur diese eine Nummer irgendwo im Nordwesten der USA gab und dass man Wartezeiten in Kauf zu nehmen hatte. Lange Wartezeiten. Sehr lange Wartezeiten. Sagen wir es so: Eine Dings-Verlängerungs-Operation geht wahrscheinlich schneller.

Schließlich hob einer ab, der Greg heißt und mir genau drei Fragen vorlas: ID, Geburtsdatum, Postleitzahl. Und wieder patzte ich bei der Postleitzahl. Je mehr ich mich erklärte bei dieser Quizrunde im Weh Weh Weh, desto verlogener hörte ich mich wahrscheinlich an.

Ich bemühte mich, nicht wie ein Weißrusse zu klingen. Weißrussen, hatte ich irgendwann gelesen, stehen unter dem unfairen Generalverdacht, den höchsten Prozentsatz von arbeitslosen und infolgedessen auf Geheimnisdiebstahl spezialisierten Programmierern aufzuweisen. Gregs Stimme klang, als hätte er eine kantige Kinnlade und keinen Hals. Türsteher eben.

Wir hatten uns mit meinen Postleitzahlen eine Weile ergebnislos im Kreis gedreht. Ich fragte, ob er eine Ersatzfrage habe. "Nein." Ob er nicht einfach mein Geld nehmen könne? "Nein." Ob ich meinen Joker setzen dürfte. "Hä?" fragte Greg. "Wie wär's mit der Saalfrage?" Greg verlor sein Interesse an mir und murmelte: "Ich verbinde weiter." Die nächste Station war die automatische Ansage des Empfangs - ich war also wieder ganz unten und ganz draußen gelandet.

Einsatz des Computer-Wizzards

Das war der Moment, an dem ich meinen Freund einschaltete. Nennen wir ihn CW für Computer-Wizzard. Ich muss ihn öfter bemühen, als uns beiden lieb ist, was unsere Freundschaft ständigen Belastungen aussetzt, denn jeder Problem-Anruf bedeutete eine Störung für ihn und eine Demütigung für mich.

CW hat eine ästhetische Theorie des World Wide Web geschrieben, deren dialektische Pracht durchaus an Adorno erinnert, doch sein Geld verdient er mit Türeintreten im virtuellen Raum. Er kennt einige interessante Hacker-Methoden. Vor allem kennt er die Dummheit von Service-Hotline-Mutanten.

"slash" und "dash"

CW fand ziemlich schnell heraus, dass ich statt eines "slash"(Schrägstrich) ein "dash"(Bindestrich) eingegeben, bzw. vorgelesen hatte. Das war tatsächlich der ganze Fehler. Die Zahlen waren richtig, nur im Trennungszeichen hatte ich mich vergriffen. Als das korrigiert war, bekam ich mein Passwort, fünf Minuten später funktionierte alles wieder.

Mittlerweile glaube ich, dass mein Host von Yahoo, das auch schon mal bessere Börsenzeiten erlebt hat, nur durch die Erträge seiner von Greg-Legionen verstellten Sorgen-Hotline wieder schwarze Zahlen schreibt. Transkontinentale Wartezeit kostet nicht nur Nerven, sondern richtig Geld, und Gespräche mit Greg erst recht beides, ausgiebig.

Es ist ein Geschäft wie mit einer 0190er-Nummer, nur wesentlich lukrativer. Denn, machen wir uns nichts vor: Wer will noch Sex, wenn er jeden Tag angebrüllt wird, dass er ein längeres Dings braucht? Da verliert man über kurz oder lang den Spaß. Da will man nur noch in Ruhe arbeiten und verbringt Stunden in Computer-Hotlines, weil es todsicher immer irgendetwas gibt, was nicht funktioniert. Und was bestimmt nicht funktioniert, sind Sicherungen im Netz.

Schon im wirklichen Leben arbeiten die meisten Sicherungs-Systeme gegen den Kunden. Wer jemals mit einem Alzheimer-Anflug vor einem EC-Automaten stand, weiß Bescheid. Der Schlüsseldienst? Kommt in 90 Prozent der Fälle nicht, um Einbruchschäden zu beheben, sondern um den Kunden deren eigene Wohnungen zu öffnen, nachdem das Sicherheitsschloss eingeschnappt war. Andererseits: Kindersicherungen auf Tabletten-Röhrchen? Die einzigen, die sie aufkriegen sind Kinder.

Dann lieber Daumen

Sicherheitsdienste? Zum größten Teil sind es die Bewohner selber, die von übereifrigen Sicherheitsleuten angeschossen werden. Dann wiederum trägt jede Putzfrau in ihrem offenen Kittel so ziemlich alle Geheimkombinationen eines schwer bewachten Wohnhauses mit sich herum.

Sicherungen sind entweder zu kompliziert oder zu leicht. Im Netz ist es genauso. Um sich nie wieder dem Sadismus von Greg und seinen Kollegen auszusetzen, haben deshalb viele das System vereinfacht, so weit es geht. Man nimmt Geburtstage der Kinder, Geburtsnamen der Ehefrauen, also Zeug, das CW knackt wie andere Leute Erdnüsse. Und mein Freund spricht nicht mal weißrussisch.

Wahrscheinlich ist die Sache mit dem Daumen die einzige Lösung. Den hat man nämlich immer dabei. Allerdings traue ich meinem Host durchaus zu, dass er beim nächsten Debakel den Kopf schüttelt und sagt: "Versuchen Sie es mit einem anderen Daumen."

Und noch einem. Und noch einem ...