Phenomedia Invasion der Kuh-klauenden Aliens
Noch im Herbst 1999 so gut wie unbekannt, schwemmte der Erfolg eines kleinen Werbespiels die Bochumer Firma Phenomedia glatt an die Börse: Die "Moorhuhnjagd" war das Kultspiel des Frühjahrs, machte bundesweit Schlagzeilen. Doch aller Ruhm ist vergänglich, jedes Fieber nimmt einmal ab, und Phenomedia - die Nase im Trendwind - verkaufte die Verwertungsrechte an dem kleinen Flattertier rechtzeitig an Ravensburger. Danach wurde es einige Wochen ruhig um die Bochumer.
Jetzt sind sie wieder da, es gibt ein Leben nach dem Moorhuhn. "Rettet die Kühe!" heißt das neue Machwerk. Wieder ist es ein Werbespiel, und Aufbau und Regeln sind ähnlich "kompliziert" wie im Falle Moorhuhn.
Das Spiel
Auf den Seiten der bayerischen Milchwirtschaft ist - wohl erstmalig in der Geschichte der Web-Präsenz - Entertainment angesagt. "Rettet die Kühe!" soll für regen Surferverkehr sorgen und sowohl das Kind im Manne als auch den gemeinen Bauern ansprechen.
Identifikationsfigur des Spiels ist ein mit einer Mistgabel bewaffneter Bauer, der versuchen soll, außerirdische Kuh-Entführer per Gabelstich zu evaporieren, bevor die Aliens mit ihrer muhenden Beute in anscheinend beam-fähigen Gullis verschwinden. So weit so gut: Es gibt ein Opfer ("Aliens"), eine Waffe ("Mistgabel"), eineinhalb Minuten Zeit und Punkte zu sammeln. Ein vertrautes Rezept.
Das Spiel ist ein Shockwave-Applet und somit ein klassisches Online-Spiel, wird daher kaum die Festplatten und Netzwerke irgendwelcher spielwütigen Bürobetriebe blockieren. Die Grafiken sind ganz lustig, die abgeschleppten Kühe gucken hinreichend dämlich, um in den ersten zwei Minuten ein Lächeln zu ernten, und der Bauer tapst mit seiner Gabel ebenfalls genügend ulkig über das Spielfeld. Rechts, links, vorwärts - Stich: Ein Alien zuckt kurz auf, streckt die Zunge heraus, entwickelt Glupschaugen - und verschwindet.
Das war's, herzlichen Glückwunsch lieber Spieler, 160 Liter Milch gerettet. Dass eine gute bayerische Milchkuh hier auf den Wert von 20 Liter Milch herabgewürdigt wird, ist eine Kritik, die wir dem Bauernverband gern überlassen. Da die Kühe ansonsten unbehelligt bleiben und Aliens hier zu Lande bisher keine Lobby haben, dürften diesmal auch Publicity-trächtige Proteste des Tierschutzverbandes ausbleiben. Dass in dem ruckelnden, trägen und wenig abwechslungsreichen Spiel ansonsten wenig passiert, ist da schon relevanter. Mehr als ein, zwei Mal spielt das wohl kaum jemand: So viel Kind findet sich noch nicht einmal im (Büro-) Manne.
Schade für Phenomedia - und zugleich wäre es unfair, der Firma diesen Flopp-Kandidaten vorzuwerfen. Die Erwartungen an das Bochumer Softwarehaus sind nach dem Moorhuhn-Erfolg hoffnungslos überzogen, Phenomedia ist in den Köpfen der Menschen schlicht "überzeichnet" - und dies gilt vor allem für Medienmenschen. Ohne den Erfolg des Moorhuhns hätte es die Kuh-Rettungsaktion niemals als Nachricht in die Agenturmeldungen gemacht, wäre auf keiner Zeitungsseite verewigt worden.
"Rettet die Kühe" ist ein nettes kleines Werbespiel, eines wie viele andere. Schön, dass es dafür sorgen wird, dass die Web-Seiten der bayerischen Milchwirtschaft auch einmal bemerkt werden. Zum Quotenkönig wird es die Bayern nicht machen. Phenomedia hat mit dem "Moorhuhn" ein Stück deutscher Internet-Geschichte geschrieben. Mit Kühen lässt sich dieser Erfolg nicht wiederholen: Auch die Bochumer haben kein Patentrezept für das ultimative Web-Werbespiel mit Kult-Potenzial. So bleibt es unrelevant, wie viel Milch der Bauer am Ende "rettet" - am Ende kochen alle nur mit Wasser.
Frank Patalong