Phonoline-Eröffnung Schröder lädt legal
Musik ist eine universelle Form der Kommunikation, sagt man. Wissenschaftler bestätigen das mittlerweile: Tatsächlich ähnele das, was beim Hören von Musik im Kopf vorgeht, sehr dem, was bei der Verarbeitung sprachlicher Signale passiere.
Da war also eine bewusste Entscheidung gefragt, als Kanzler Gerhard Schröder symbolisch die gemeinsame Vertriebsplattform der deutschen Musikindustrie "Phonoline" eröffnete. Ein an sich so interessanter Vorgang wie das Durchschneiden eines Seidenbandes bei der Einweihung einer Brücke: Jeder weiß, dass das Funktionieren des so eingeweihten "Bauwerkes" nicht von der symbolischen Handlung abhängt.
Und doch war schon im Vorfeld klar, wieviel vom Funktionieren von Phonoline abhängen würde - und wie wichtig die "höhere Weihe" wäre, die der Kanzler dem Projekt verleihen könnte. Die kommerzielle Download-Plattform soll ab sofort diversen Web-Shops als Vertriebs-Dienstleister dienen und den legalen, bezahlten Download auch in Deutschland etablieren.
Bisher stehen da einige Tausend zahlende Kunden einigen Millionen Datensaugern gegenüber, die sich in P2P-Angeboten bedienen, statt ihr Geld in den Musikladen zu tragen. Deshalb steht das Musikbusiness als gebeutelter Teil einer Branche da, die am digitalen Fortschritt sonst gut verdient. Bei den Musikfirmen aber herrscht Katzenjammer, die Profite sind im freien Fall und immer mehr Mitarbeiter werden dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt.
Das Business hat den Blues
Da ließ sich der Kanzler dann doch gern breitschlagen, seinen diesjährigen symbolischen Akt der Musikindustrie zu widmen. Nach Stippvisiten bei IBM Deutschland, Sun Microsystems, Sony, SAP, debitel und Siemens endete der Kanzler-Rundgang am Phonoline-Stand. Was aber würde der Kanzler symbolträchtig herunterladen?
Bekannt ist, dass er zu den allerletzten Fans der Altherren-Rocker Scorpions zählt. Deren Ergüsse dürfte der Kanzler zwar auswendig kennen, da da ja länger nichts Neues mehr kam, aber wäre nicht gerade das ein falsches Signal? Olle Kamellen erwartet man nicht vom Kanzler, sondern erhofft frische Töne, aber bitte nicht zu aggressiv und laut, auf dass sich niemand erschrecke.
Dann vielleicht besser Blues? Der tut ja keinem weh, kommuniziert aber immer auch eine traurig-melancholische Note. Keine ideale Wahl, die man dem Kanzler böswillig sowohl als Kommentar zur eigenen Regierungsbilanz als auch zum Zustand des Musikbusiness deuten könnte.
Das Zuckerbrot steht bereit
Die aber will jetzt lächelnd, wenn auch grimmig in die Zukunft sehen: Passend wäre da die so beliebte "Supermarkt-Musik", bei der Kunden vergessen sollen, dass sich mit zunehmender Füllung des Einkaufskorbes das Portemonnaie rapide leert. Das klappt bestimmt auch bei Phonoline, denn die deutsche Musikindustrie lässt sich nicht auf Dumping ein: Wer sich aus dem Bestand von 250.000 Titeln einen eigenen Sampler mit Songs für 1,19 bis 1,99 Euro zusammenstellt, zahlt am Ende deutlich mehr als für eine CD im Laden und muss die Ware noch selbst brennen, selbst ein Cover drucken.
Aber das, weiß Universal-Manager Victor Antipas ist ja gar nicht relevant: "Es kommt nicht auf die Höhe des Preises an", erklärte er SPIEGEL ONLINE, "sondern darauf, dass jemand bereit ist zu zahlen." Da kennt sich Antipas aus, gehört er doch zu den Verantwortlichen von Popfile, der ältesten, aber weitgehend unbekannten legalen deutschen Download-Plattform. Popfile geht nun als erster Phonoline-Shop an den Start.
Und doch ist die Diskussion um die Preise das zentrale Thema. Vollständige Alben solle man immerhin günstiger bekommen, stellt Phonoline in Aussicht. Auf diese nicht mehr angewiesen zu sein ist jedoch gerade der Witz am Musik-Download: Menschen brennen sich selbst CDs, weil sie gern auf die Schrott-Beigaben zu den oft wenigen guten Songs auf einer CD verzichten.
Das alles ist auch den Vertretern der Musikindustrie bewusst. Sie sind erst einmal froh, die schwere Geburt Phonoline endlich hinter sich gebracht zu haben: Der Start der Download-Plattform wurde öfter angekündigt als der Boom von UMTS. Alles hat noch Kompromisscharakter, auch die Preise. "Der wahre Gegenwert eines Songs muss am Markt erst ausgetestet werden", sagte kurz vor Eintreffen des Kanzlers Viva-Chef Dieter Gorny, "sie wissen doch selbst, was ein Klingelton kostet."
Soll heißen: Wenn die Leute etwas wirklich wollen, sind sie auch bereit, aberwitzige Summen zu bezahlen - Krise hin oder her. Und doch werden die Phonoline-Preise irgendwann bröckeln müssen, weiß auch Victor Antipas: "Wir glauben, dass langfristig 1,49 Euro der richtige Preis ist."
Das glaubt der Phonoline-Partner CTS Eventim nicht und greift in die eigene Tasche, um seinen Musikshop anzukurbeln: Eventim verkauft die Phonoline-Ware für 99 Cent. Kostendeckend sei das nicht, sagte ein Mitarbeiter SPIEGEL ONLINE, aber man hoffe, dass Phonoline da mittelfristig ein Einsehen habe.
...wann kommt die Peitsche?
Das alles aber muss den Kanzler natürlich nicht interessieren. In der Terminologie von Douglas Adams ist das ein "PAL" - ein "Problem anderer Leute". Nicht unwahrscheinlich, dass es sogar ein Problem vieler Leute wird: Phonoline ist nicht unattraktiv, allein die Preise dürften abschreckend wirken. Das aber wird dafür sorgen, dass die von der Musikindustrie bekämpften P2P-Börsen keine Massenflucht ihrer User zu kommerziellen Anbietern erleben werden.
Also wird die Musikindustrie nachhelfen müssen, und da bleibt - siehe Amerika - vor allem der Weg der Zwangsmaßnahmen gegen P2P-Nutzer.
Um die möglich zu machen, muss man sich der Unterstützung der Politik versichern. Das versucht die Musikindustrie seit Monaten, indem sie auf schärfere Bestimmungen im so genannten zweiten Korb der Urherberrechtsnovelle drängt, die ihrer Meinung nach auch eine Auskunftspflicht von Serviceprovidern über deren P2P-nutzende Kunden beinhalten sollte.
Auch das sollte die symbolische Phonoline-Eröffnung durch Kanzler Schröder signalisieren: Die Macht ist mit uns, der Kanzler lädt legal - oder besser: lässt laden, denn die Handarbeit erledigte Gerd Gebhard, Vorsitzender der Phonoverbände, für ihn.
Und die Gretchenfrage? Die Frage nach dem Song des Tages, nach Schröders Wahl?
Da überraschte der Kanzler und setzte lauter richtige Signale: "Only if I", die neue Single von Kate Ryan alias Katrien Verbeeck hat er sich gewünscht, und zwar persönlich, verriet eine Phonoline-Mitarbeiterin hinter den Kulissen. Zuckersüß, aber nicht eklig, durch und durch europäisch (kommt aus Flandern, singt in Frankreich), up to date, aber nicht schrill: Das Ding könnte wie Kates erste Hit-Single "Désenchantée" breitesten Wählerschichten gefallen.
Sowas kann er, der Kanzler.