"Pink Slip"-Feten: Party on, Dot.commies! - DER SPIEGEL
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"Pink Slip"-Feten Party on, Dot.commies!

Entlassungspartys zählen seit Monaten zu den angesagtesten Events im Silicon Valley. Zur Freude der Headhunter ist den Internetangestellten die Feierlaune nicht vergangen. Jobs gibt's im gebeutelten US-Techmekka zudem reichlich - nur scheinbar wenig qualifizierte Neu-Arbeitslose.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nervös wippt Terra Nahl von einem Bein aufs andere. Obwohl es gerade mal 17.15 Uhr ist, nippt die 23-jährige Webdesignerin bereits am zweiten Bier: "Ich war noch nie auf einer 'Pink Slip'-Party und muss erst mal meine Nerven beruhigen." Dafür bestand bislang auch kein Anlass, hatte Terra doch bis vor sechs Tagen noch einen Job. Vergangene Woche trennte sich ihre Firma, ein E-Commerce-Start-up, nicht nur von ihr, sondern gleich von jedem Zweiten der 90 Angestellten. "Scheint so, als hätte ich bereits eine typische Dot.com-Karriere hinter mir", sagt sie etwas schüchtern. "Kaum ein paar Monate dabei, schon entlassen."

Dabei braucht Ihr die plötzliche Arbeitslosigkeit kaum peinlich sein. Vor dem Eingang des Palo Altoer Bistro-Cafés "Blue Chalk" warten noch Hunderte unlängst geschasster Kollegen aus der Internet-Branche ungeduldig auf Einlass zum jüngsten Entlassungsevent - Ex-Web-Developer, -Projektmanager, -Designer, -Programmierer, -Marketingmanager und dergleichen.

Und die Neu-Joblosen sind durchaus sehr gefragt: Bereits draußen werden sie nicht nur von Presseleuten und vier Kamerateams belagert, sondern auch von unzähligen Headhuntern. Fast wie Straßenhändler marschieren die "Recruiter" auf der Suche nach potenziellen Kandidaten die gut 50 Meter lange Schlange auf und ab. Unzählige Personaljäger haben sich auch zwischen die wartenden Jobsucher eingereiht und tauschen schon Visitenkarten.

Grün sucht Rot - und umgekehrt

Drinnen im "Blue Chalk" gleichen die Bilder den Szenen vor der Tür. Hektisch streifen junge Leute - kaum einer ist hier über 40 - durch die dicht gedrängten Räume. Die Blicke gelten vor allem den angehefteten Namensschildern: Dot.commies auf Jobsuche erkennt man am roten Punkt. Partygänger, die Personal suchen, tragen einen grünen Punkt.

Schon seit vier Monaten veranstalten Marcus Ronaldi und Patty Barron "Pink Slip"-Feten in San Francisco. "Und jedes Mal derselbe Zirkus", erklärt Ronaldi. "Dabei hatten wir anfänglich wirklich Bedenken, ob überhaupt jemand kommt." Nun organisierte das Duo, das zwei Bay-Area-Szene-Sites betreibt, erstmals einen Entlassungsevent 40 Kilometer südlicher, im Herzen des Silicon Valley. Und die Fete ist ein ebenso großer Erfolg: Mehr als tausend Internet-"Pros" sind gekommen.

Überraschenderweise zieren heute ganz besonders viele Namensschilder grüne "Dots". "Fast unglaublich, wie hoch die Zahl der Headhunter ist", stellt Jill Navarrete etwas enttäuscht fest. "Ich schätze, nicht mal jeder Zweite ist auf der Suche nach einem Job". Dabei hätte ihre Glasfaserequipment-Firma Dynarc gleich zwei Dutzend Stellen zu besetzen. "Wenn ich mit drei oder vier interessanten Kontakten nach Hause gehe, kann ich zufrieden sein", so Navarrete.

Auch Onkel Sam sucht

Die Dynarc-Vertreterin ist alles andere als ein Einzelfall. Der anhaltenden Hightech-Flaute und Tausenden Entlassungen in der Online-Branche zum Trotz haben zahlreiche Valley-Rekrutierer gleich massig offene Stellen: AMD etwa schickte gleich acht "Kopfjäger". Der Chiphersteller sucht mehr als 300 Leute für seine Zentrale in Sunnyvale. Das E-Learning-Unternehmen Docent möchte 270 neue Leute einstellen, um die Belegschaft noch dieses Jahr zu verdoppeln. Selbst zwei uniformierte Vertreter der US-Army suchen Kontakt zu potenziellem Fachpersonal. "Wir stellen jedes Jahr 80.000 Leute ein und sprechen daher mit allen möglichen Leuten aus der Hightechbranche", erklärt Sergeant Albert Deville.

Auch von Cisco sind mehrere Personalmanager vor Ort - dabei hatte der Softwareriese aus San Jose erst wenige Tage zuvor angekündigt, mehreren tausend Mitarbeitern kündigen zu müssen. "Man sollte die Entlassungen bei uns nicht falsch interpretieren", versucht Michael Braderman, Corporate Recruiter bei Cisco, aufzuklären. "Auch wenn wir Massenkündigungen aussprechen, sind wir auf der Suche nach guten Leuten." Die einzige, wenn auch schwer nachvollziehbare Schlussfolgerung hieraus: Der Softwaremulti trennt sich nur von Personal, das sowieso überflüssig war.

"Das ist nicht nur bei Cisco so. Bei den meisten Valley-Unternehmen sind die Gefeuerten einfach nicht die guten Mitarbeiter", weiß Navarrete. "Von denen trennen sich die Unternehmen natürlich erst ganz zum Schluss." Amelia Merrill von VeriSign ist da ähnlicher Meinung: "Hier trifft man vor allem viele 'Juniors' oder Studenten, die das große Geld in der Web-Industrie machen wollen." Qualifizierte Kandidaten sieht die Headhunterin dagegen kaum. "Unter den 35 Lebensläufen, die ich gesammelt habe, sind vielleicht gerade mal drei interessant", so Merrill. Dabei gäbe es auch in ihrem Online-Unternehmen 60 offene Positionen zu besetzen.

Wäre das nicht vielleicht was für Terra? "Wohl kaum. Die meisten Firmen suchen sowieso nur reine Techleute wie Softwareingenieure oder Experten für den Support", winkt sie kurz vor Ende der Party leicht resigniert ab. "Der Großteil der Jobsuchenden hat dagegen 'Soft-Skills' wie Marketing, Management, PR, Sales oder wie ich Design vorzuweisen." Immerhin hat sie einige interessante Kontakte knüpfen können. "Mal sehen, ob sich was ergibt, zudem ist in ein paar Wochen ja schon der nächste Event", so Terra.

Für Michelle Heberling scheint die "Pink Slip"-Fete besser gelaufen zu sein. Die Ex-Projektmanagerin des San Franciscoer Start-ups Cheftonight.com hatte sich geradezu karnevalistisch mit einem Zylinder mit knallgelbem "Will work for money"-Schild ausgestattet. "Unglaublich, wie viel Recruiter mich angesprochen haben", so Heberling. Schließlich hat sie auch sechs Jahre Branchenerfahrung vorzuweisen. "Zudem glaube ich fast, dass meine Strategie mit dem doofen Hut aufgegangen ist."