Plagiapedia-Wiki: Plagiatejäger suchen den nächsten Täter - DER SPIEGEL
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Plagiapedia-Wiki Plagiatejäger suchen den nächsten Täter

Ein Doktor ist noch lange nicht genug: Nachdem sie mit dem GuttenPlag-Wiki bereits erfolgreich Plagiate in der Dissertation von Verteidigungsminister zu Guttenberg aufgespürt haben, wollen Internetaktivisten jetzt die Doktorarbeiten weiterer Politiker unter die Lupe nehmen.
GuttenPlag-Wiki: Aktivisten wollen bei Plagiapedia weitere Doktorarbeiten untersuchen
GuttenPlag-Wiki: Aktivisten wollen bei Plagiapedia weitere Doktorarbeiten untersuchen

GuttenPlag-Wiki: Aktivisten wollen bei Plagiapedia weitere Doktorarbeiten untersuchen

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Liste ist lang. Mehr als 30 Einträge lang. Und sie enthält bekannte Namen wie Dr. Guido Westerwelle, Gregor Gysi und Angela Merkel. Die Liste wurde von einer Gruppe Freizeitforscher - von denen einige sicherlich echte Forscher sind - zusammengetragen. Viele von ihnen haben schon am GuttenPlag-Wiki mitgearbeitet, haben die Doktorarbeit von Verteidigungsminister zu Guttenberg nach nicht markierten Zitaten aus fremden Texten abgesucht. Doch jetzt wollen sie mehr, sie wollen überprüfen, ob Persönlichkeiten, "die in herausstechend verantwortungsvollen Positionen unserer Gesellschaft stehen", bei ihren wissenschaftlichen Abschlüssen geschummelt haben.

Für ihr Vorhaben nutzen sie ein Wiki, der Name Plagiapedia-Wiki  erinnert nicht zufällig an die umfangreiche Wikipedia und das GuttenPlag-Wiki . Ganz wichtig ist den Initiatoren beider Projekte, dass Plagiapedia und GuttenPlag-Wiki nicht in einen Topf geworfen werden. Über den Twitter-Account @PlagDoc heißt es: "Plagiapedia & Co. sind keine 'offiziellen' GuttenPlag-Projekte." Auf der Startseite der Plagiapedia wird klargestellt: "Entgegen anderslautender Medienberichte ist dieses Wiki nicht von den Initiatoren des GuttenPlag-Wikis. Es ist eine unabhängige Initiative."

Dass sich dieser Initiative allerdings etliche Unterstützer des GuttenPlag-Wiki angeschlossen haben, wird wohl kaum jemand anzweifeln wollen. Die Trennung der beiden Aktionen ist schon der Glaubwürdigkeit geschuldet. Denn es wäre vermessen und fragwürdig, würde ein allgemeines Plagiatejäger-Portal sich mit einer Anspielung auf den Namen Guttenberg betiteln.

Politiker im Visier

Der Auslöser für die Gründung des Plagiapedia-Wiki war der Vorschlag eines GuttenPlag-Mitstreiters, nach der Dissertation von zu Guttenberg weitere Doktorarbeiten der letzten Jahre nach ähnlich gravierenden Abschreibereien zu durchsuchen. Ganz ohne Blick auf die politische Kaste wollte er mit dieser Fleißarbeit die Diskrepanz von Guttenbergs Ausarbeitung "zur üblichen wissenschaftlichen Praxis" belegen. Sein Ansinnen war es, mit Blick auf GuttenPlag klarzustellen, "dass diese Aktion nichts mit politischer Ausrichtung, persönlicher Schmutzkampagne oder ähnlichem zu tun hat." Doch daraus wurde nichts.

Denn auf der Liste, die sich die Plagiatejäger nun vorgenommen haben, finden sich reihenweise Politiker. Selbst die Dissertation von Ex-Bundeskanzler Kohl wollen die Verfehlungsfahnder noch einmal gründlich überprüfen. Und auch der Kriminologe Christian Pfeiffer, der aufgrund seiner kritischen Haltung zu Medienkonsum und Computerspielen bei Jugendlichen als streitbarer Geist gilt, ist mit seiner mehrfach ausgezeichneten Doktorarbeit "Kriminalprävention im Jugendgerichtsverfahren", auf der Liste zu finden.

Man will eigentlich keine Fehler finden

Konkrete Verdachtsmomente gegen eine der gelisteten Personen haben die Betreiber von Plagiapedia allerdings nicht. Vielmehr wollen sie erst einmal eine grobe Analyse der Arbeiten vornehmen, um zu sichten, "wo sich tiefergehende Untersuchungen lohnen". Sprich: Wer Dreck am Stecken haben könnte. Das Wunschergebnis der Plagiapedia-Initiatoren wäre es nach eigener Aussage dennoch, wenn sich dabei herausstellte, dass "alle überprüften Arbeiten wissenschaftlich korrekt entstanden sind".

Die Reihenfolge der Personen auf der Plagiapedia-Liste ist dabei vollkommen willkürlich. Nicht mal alphabetisch sortiert sind die Einträge derzeit. Jeder solle einfach bei jenen Arbeiten anfangen, an die er herankommt - was bei älteren Texten schwierig werden kann. Vor allem, wenn man die Texte in digitaler Form benötigt, um sie automatisiert nach Plagiaten durchsuchen zu können.

Bloß ein Strohfeuer?

Die Aktivisten gehen deshalb auf durchaus unkonventionelle Art vor, um an die gesuchten Texte zu kommen. Die Doktorarbeit von Familienministerin Kristina Schröder haben sie deshalb schlicht per E-Mail bei der Ministerin selbst angefragt . Deren Formulierung hat allerdings einige Ecken und Kanten. So heißt es darin, es würden nun "auf Wunsch vieler Bürger und auch zur Gleichbehandlung" weitere Doktorarbeiten geprüft. Eine weit gefasste Formulierung. Geschickt hat die Ministerin bisher nicht.

Aber, wie es die Betreiber des neuen Plagiate-Wikis selbst sagen: "Dieses Wiki ist noch ganz frisch". Und deshalb bleibt abzuwarten, ob es bloß ein kurzes Strohfeuer oder ein lodernder Waldbrand wird. Denn in der Sonne, die der Medienrummel um die Doktorarbeit Guttenbergs über dem GuttenPlag-Wiki scheinen ließ, werde sich die neuen Plagiatejäger nicht wärmen können. Zumindest, solange sie nicht fündig werden, was sie ja eigentlich auch nicht wollen, wie sie sagen.

Wie sehr das neue Projekt sich noch im Aufbau befindet, hat sich schon beim Schreiben dieses Textes gezeigt: Am Freitagnachmittag wurde das Projekt von Plagipedi in Plagiapedia umbenannt.