Popcorn-Business: Amazon.com, digitaler Filmverleih - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Popcorn-Business Amazon.com, digitaler Filmverleih

Egal, was Amazon bisher versuchte, um das Geschäftsfeld zu erweitern: Wahrgenommen wurde und wird die Firma als Versandhandel. Das könnte sich nun abrupt ändern. Seit eineinhalb Jahren spielt Amazon Videothek mit DVD-Versand, jetzt macht die Firma ernst: mit Film-Downloads.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gut möglich, dass sich Steve Jobs an diesem Morgen ins Knie beißt. Angeblich plant der stets auf einen rumsenden Showeffekt hinarbeitende Apple-Chef, die Eröffnung eines iTunes-Movie-Stores zur Hauptattraktion eines "Special Event" zu machen, der für den Dienstag nächster Woche in San Francisco geplant ist. "Showtime" soll der neue Service heißen, munkelt das gemeinhin gut informierte CNet.

Jeff Bezos: Die Frohnatur unter den Dotcom-Bossen wagt den Einstieg ins Geschäft mir dem digitalen Filmvertrieb

Jeff Bezos: Die Frohnatur unter den Dotcom-Bossen wagt den Einstieg ins Geschäft mir dem digitalen Filmvertrieb

Doch diesmal stahl dem charismatischen Apple-Guru jemand die Show: "Unbox" soll der neue Amazon-Service heißen, den das Unternehmen heute unangekündigt aus der Kiste ließ. Was nicht heißen soll, dass dies völlig unerwartet geschah, denn der Schritt kam fast schon zwangsläufig: Schon seit dem Frühjahr 2005 übt sich Amazon mit unbekanntem Erfolg auch als DVD-Verleih, allerdings per Postversand. Film gehört neben Musik und Buch seit langem zum Stammrepertoire des Versandhauses.

Deshalb kann von Überraschung im eigentlichen Sinne keine Rede sein. Von einem Internet-Erfolgsunternehmen der ersten Stunde mit einer weltweiten Markenbekanntheit wird der Schritt, all diese Waren digital zu vertreiben, natürlich erwartet. Auch dass Amazon ausgerechnet jetzt vorprescht, ist verständlich.

Denn weltweit konkurrieren bereits zahlreiche Unternehmen um den keimenden Digital-Verleihmarkt. Wie und teils weit vor Amazon setzten in den letzten Jahren Unternehmen wie Netflix, Netleih oder Amango ihre Duftmarken, indem sie versuchten, sich als Verleih-Marken in den Köpfen der Verbraucher zu etablieren. Ihr Geschäftsmodell: Sie versenden Leih-DVDs per Post, oft für eine pauschale monatliche Zahlung ("Film-Flatrate") und mit lockeren Verleihbedingungen (Filme kann man in der Regel so lang behalten, wie man will), und unterbieten so die örtlich gebundenen Videotheken.

Letztlich aber ist das alles Trockenschwimmen, denn viel Geld wird sich so nicht verdienen lassen - auch von Amazon nicht. Zwar verlangt das Unternehmen immerhin 7,99 Euro für zwei Filme im Monat, aber da ist das Porto bereits enthalten - weitere Kosten entstehen dem Kunden also nicht. Wohl aber dem Verleiher, dessen Marge so zwangläufig schmaler ausfällt als die der Videothek an der Ecke, die für ähnliche Preise verleiht.

Das Porto und die Anschaffung so teurer wie empfindlicher Verleih-DVDs aber kann man sich sparen, wenn man Filme digital ausliefert.

Filmhandel: Der kommende Trend

Genau das will Amazon mit "Unbox" nun tun - sowohl als Verkäufer als auch als Verleih. Und diesmal will Amazon früh genug in den Markt einsteigen: Bei den Musikdownloads spielt Amazon in Amerika bis heute keine nennenswerte Rolle, in Deutschland hat die Firma dieses Geschäft schlicht völlig verpasst.

Der neue Filmservice ging in den USA nun bereits am frühen Morgen online und bietet neben populären TV-Serien (1,99 Dollar pro Folge) auch Filme führender Filmstudios zum Download.

Das kostet den Kunden entweder zwischen rund 8 und 15 Dollar pro Film (der DRM-geschützt ist, aber Freigaben für mehrere Abspielgeräte bietet), oder aber 3,99 Dollar im Verleih. Dann ist die Datei mit einem 30-Tage-Verfallsdatum versehen - allerdings nur "eingepackt". Das funktioniert wie bei verderblichen Lebensmitteln: Einmal geöffnet (oder angefangen zu sehen) sollte man die Ware binnen 24 Stunden verzehren, sonst verdirbt sie.

Das Brennen von DVDs erlaubt Amazon ebenfalls, allerdings nur als Backup: Die Dateien können von normalen DVD-Playern nicht gelesen, wohl aber zurück auf den Rechner übertragen werden. Von dort lassen sich die Filme per TV-Schnittstelle natürlich auch auf den Fernseher übertragen - anders allerdings nicht.

Klingt leicht umständlich, aber fairer als viele andere Angebote und soll außerdem ungewöhnliche Qualität bieten, verspricht Amazon: Die Firma setzt auf einen eigenen Player und hoch komprimierte Bilder, die aber in DVD-Qualität ausgeliefert werden sollen - und das bei zwei Gigabyte Größe für zwei Stunden Film. Mächtige Downloads sind das, auf deren Ende man aber nicht unbedingt warten muss. Eine "progressive Download"-Technik soll es erlauben, die Filme bereits während des Downloads zu sehen, sobald genügend Material im Puffer ist.

Ähnliche Modelle bieten andere Unternehmen bereits seit einiger Zeit an, in Deutschland beispielsweise Arcor und die Telekom. Ihre Erfolge aber sind bisher verhalten, was kaum verwundert: Bisher ist es keinem größeren Unternehmen gelungen, Lizenzen für den digitalen Vertrieb wirklich attraktiver Filme zu erhalten.

Da hat bei den Filmvertrieben aber offenbar ein Umdenken stattgefunden. Einige bauen eigene Online-Vertriebe auf, während sie zugleich Lizenzen an andere Unternehmen vergeben - wie nun Amazon und offenbar auch Apple. Damit dürfte der digitale Filmvertrieb binnen kürzester Zeit auch den Massenmarkt erreichen. Die Kundschaft, die schon jetzt lieber vor dem Breitband-Fernseher als im Kino hockt, wird es freuen. Für die Betreiber klassischer Videotheken aber hat der Anfang vom Ende längst begonnen.