Popvoice: Der volle Dieter - DER SPIEGEL
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Popvoice Der volle Dieter

Trotz der Inflation der Casting-Shows wird der Konkurrenzdruck nicht kleiner: Zu viele Menschen wollen singend Karriere machen. Denen macht Sony augenzwinkernd ein Angebot: Lernt das erstmal - mit Hilfe einer Software, die Gesangstrainer sein will.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Da ist er wieder, der allgegenwärtige Dieter. Auf dem orangen Karton grinst er sein unerträgliches Blendax-Lächeln, und jeden Augenblick meint man, gleich mache er wieder Werbung (für all das, wofür Franz Beckenbauer noch nicht wirbt).

Irgendwie stimmt das auch, denn natürlich wird Sony einige Euro Fünfzig dafür bezahlt haben, dieses Gesicht zeigen zu dürfen. Es soll eine Software bewerben, die uns Karriere-Aspiranten helfen soll, unsere Singstimmen auf Vordermann zu bringen. Wer jetzt Böses befürchtet, mag jedoch beruhigt sein: Zum Glück ist "PopVoice" kein Produkt, mit dem man uns verbohlen wollte.

Nein, die Macher meinen es Ernst: Spätestens nach der Installation wird klar, dass es hier wirklich ums Singen geht - und nicht etwa um noch ein Ausschlachten der diversen Bohlen-Unternehmungen.

Was ist drin?

Zehn recht aktuelle Liedchen bietet die CD-Rom an, an denen man sich reiben darf. Per mitgeliefertem Sony-Mikrofon von durchaus ordentlicher Qualität besingt man die Stücke im "Studio"-Modus Stück für Stück oder auf der "Stage" gleich live. Ein Sound-Analyzer gleicht sodann die Frequenzen miteinander ab: Wo lag der Sänger daneben, darüber, darunter?

Töchterchen (12 Jahre) ist gleich Feuer und Flamme - und bemerkt, das sie noch etwas tun muss (auch das hat sie mit Papa gemein). Der Analyzer legt den Sänger unerbittlich auf Tontreue fest und erlaubt - leider - auch keine Varianz beim Tempo: Gesungen wird streng analog zur Begleitung. "Maschinell" ist das aber auch kaum anders hinzubekommen. Was soll's? Wer mehr wagt, dafür schlechte Noten aber einen guten Song bekommt, ist wahrscheinlich auch nicht unglücklich.

Und auch Rüstzeug will das Programm gleich mitbringen: Da gibt es Lektionen zur richtigen Atmung am Anfang des Programms und ein kleines Lexikon zu den Fachbegriffen der Musikwelt am Ende. Keck verspricht Sony, das alles sei so gut, dass es wirklich einige Stunden mit einem professionellen Gesangslehrer ersetze.

Mag sein oder nicht, spaßig ist es auf jeden Fall, obwohl das Programm - nach dem Bohlen-Schock der Cover-Gestaltung - überraschend nüchtern und spartanisch daherkommt. Den dollen Dieter hat Sony als eingepapptes Abziehbild zum Kritiker beim Bühnenauftritt gemacht: Sein Feedback kommt schriftlich und knapp oder gar nicht, wenn man nicht will. Schade, dass das nicht immer so ist.

Manko: Fette Systemanforderungen

PopVoice ist ein durchaus interessantes Programm, dass Grundkenntnisse vermittelt und Trainingsmöglichkeiten bietet. Wer diese Angebote annimmt, verbringt etliche Stunden mit dem Programm. Die Liedauswahl ist natürlich quälend Mainstream-orientiert und mit zunächst nur zehn Songs auch etwas mager, aber da mag sich etwas tun: Sony plant die Veröffentlichung von Zusatz-CDs mit frischen Songs. Musik-Sample-Software wie Magix oder eJay zeigen seit Jahren, wie erfolgreich solche auf Ausbau angelegten Konzepte sein können.

Fürs erste bietet PopVoice mehr als nur ein Karaoke-Studio für den Heim-PC, bei dem man sich die gelungeneren Werke am Ende sogar auf CD brennen kann. Auch das drumherum ist stimmig und wertet das Programm zur ernsthaften Spiel-/Lernsoftware auf.

Das Programm kommt nicht zu spielerisch daher, macht aber Spaß - vorausgesetzt, man verfügt über einen genügend dicken PC. Denn die Systemanforderungen haben es in sich: Über 800 Mhz und 128 MB Speicher verfügen heute zwar die meisten Rechner. Doch damit ist es nicht getan: Die duplexfähige Soundkarte sollte nicht nur so heißen, sondern Duplex auch wirklich können, und 1,2 Gigabyte freien Festplattenplatz braucht das Programm obendrein - mindestens. PopVoice kostet rund 55 Euro und ist "von Bohlen empfohlen". Kaufen kann man es trotzdem und macht damit älteren Kindern und sangesfreudigen Jugendlichen eine Freude.

Frank Patalong

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