Postfach voll: Viel Mail, viel Müll - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Postfach voll Viel Mail, viel Müll

Visitenkarten ohne E-Mail-Adressen? Lang her, gibt's nicht mehr. Aus dem ehemaligen Statussymbol mit dem @ ist längst eine Notwendigkeit wie die Telefonnummer geworden. Und eine Last und Belästigung im Arbeitsleben, die das Telefon um Längen schlägt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michael Gloger ist ein viel beschäftigter Mann. Der Siemens-Projektleiter erhält mindestens 100 E-Mails pro Arbeitstag. Doch Gloger reagiert zunehmend gereizt auf die Flut elektronischer Briefsendungen. Im Schnitt eine Stunde seiner kostbaren Arbeitszeit verbringt er täglich damit, wichtige News herauszufischen und Belanglosigkeiten in den Papierkorb zu verfrachten.

"Unbestritten ist, dass die schnelle Art des Kommunizierens per E-Mail in unserer Bürowelt nicht mehr wegzudenken ist. Aber im modernen Business entwickeln die Leute regelrechte Strategien zur Kommunikationsabwehr", analysiert Angelika Storrer vom Institut für deutsche Sprache in Mannheim.

E-Mail: Immer gern belangslos...

An wessen elektronischen Briefkasten sind noch keine ebenso ungebetenen wie nichts sagenden Werbetexte versandt worden? Besonders in Großunternehmen können sich die Bildschirmarbeitnehmer kaum der Vielzahl an Abschiedsgrüßen ("macht's gut und ich werde Euch nicht vermissen"), der Menüauswahl in der Betriebskantine oder Verlustanzeigen ("Wer hat meinen wahrscheinlich in der Tiefgarage liegen gebliebenen Schal gesehen?") erwehren. Nicht zu überbieten sind allerdings Kilobyte fressende Bilddateien als Anhang, die den Laptop schon mal zehn Minuten lahm legen können, bis sie endgültig abgespeichert sind.

...und oft auch bewusst gehässig

Wer seine Mitmenschen im täglichen E-Mail-Verkehr absichtlich nerven möchte, kann auf ein reichhaltiges Repertoire an Gemeinheiten zurückgreifen, wie sie Lars Kasper in seinen "35 goldene Regeln für schlechte E-Mails" zusammengetragen hat. Das reicht vom Tipp, möglichst viele Abkürzungen und Smileys zu verwenden, sich weder an die Groß- und Kleinschreibung oder sonstige orthografische Vorschriften zu halten bis zu dem perfiden Rat, die E-Mail mindestens fünfmal und "mit Kopie an alle" zu versenden.

Sprachforscherin Storrer interessiert vor allem, wie sich die E-Mail-Sprache von der sonstigen Kommunikation in Wort und Schrift unterscheidet. Allgemein gilt, dass E-Mails sich umso stärker an der Mündlichkeit orientieren, je enger man sich kennt und je höher der Zeitdruck ist, unter dem die E-Mail entsteht. Im allgemeinen E-Mail-Geschäftsverkehr gilt natürlich, dass die "Netiquette" eingehalten werden sollte - wie beim normalen Brief auch.

Unsere britischen Nachbarn fühlen sich indes durch zu locker verfasste dienstliche E-Mails empfindlich in ihrem Stilempfinden gestört. Wie eine vom Microsoft Internet-Portal MSN erhobene Umfrage ergab, ärgerten sich 56 Prozent der Befragten über elektronische Nachrichten, in denen ein zu vertrauter Ton angeschlagen wird. Fast zehn Prozent aller dienstlichen E-Mails würden ohne Anrede verschickt und mehr als 15 Prozent endeten ohne Unterschrift.

Ausgrenzung per elaborierten Code

"Aus dem Internet-Chat haben sich außerdem eigene Soziolekte entwickelt", berichtet Storrer weiter. Ihren Ursprung hat diese - für den Normaluser vollkommen unverständliche Netzsprache - in der Hacker-Kultur der siebziger Jahre. Zum einen lässt sich damit sehr viel Zeit sparen, weil ganze Sätze standardisiert verkürzt werden (tinwis steht beispielsweise für "this is not what I said").

Die Abkürzungen dienen allerdings zugleich der sozialen Gruppenbildung, ähnlich wie die Sprache der Amateurfunker. Wer in dieser Dialogform nicht die passenden Abkürzungen oder Anglizismen verwendet oder nicht adäquat antwortet, gibt sich sogleich als Neuling zu erkennen. www.et.fh-osnabrueck.de/~uklopp/cal-de.htm listet die 400 gängigsten Chat-Abkürzungen auf.

Einen Trost hält die Deutsche Post derweil für diejenigen bereit, die wegen E-Mails den guten alten Standardbrief in Gefahr sehen. Erstaunlicherweise blieb der von vielen erwartete Einbruch nämlich aus. "Wie bereits beim Fax sind auch die Vorhersagen über das vorzeitige Ende des Briefes nicht eingetreten", freut sich Post-Sprecher Norbert Schäfer. Die Zahl der beförderten Briefe stieg von 1991 bis 1999 sogar von 16 auf 21 Milliarden an.

Andreas Schmitz, ddp