Priester im Sonderangebot Spam als Chance
Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass es schon fünf Jahre her sein soll, dass Wolf Büntig sein bahnbrechendes Werk "Krankheit als Chance" vorlegte. Ist es aber, doch obwohl "KAC", wie Fans des Oeuvres den kleinen Hörbuch-Ratgeber liebevoll nennen, viel bewegt haben mag - so richtig verinnerlicht haben wir die Botschaft immer noch nicht.
Das fängt bei meiner Oma an, die mir die Kassette mit einem unendlich müden Blick wieder in die Hand drückt.
"Hat's Dir nicht gefallen?" frage ich da natürlich. Sie sieht mich an und schürzt die Unterlippe. "Ich wär' lieber gesund", sagt sie müde und humpelt zurück in die Küche.
Nun ja, sie ist jetzt 86. Einen alten Baum setzt man nicht um. Die künstliche Hüfte hat sie seit 1982. Das jetzt noch als Chance zu begreifen, war vielleicht wirklich ein bisschen viel verlangt.
Aber darum geht es ja gar nicht, wie wir alle wissen. Es geht um die Veränderung unserer eigenen Geisteshaltung: Nicht immer nur meckern, will eh' keiner hören. Ein wenig mehr positive Grundeinstellung, und das Leben fluppt wie von selbst. Lege ein Lächeln auf, und dein Hypothalamus sorgt dafür, dass mehr "Wohlbefinden"-Hormone durch die Adern rasen.
Lächle dich vergnügt! Sag laut Ja! zum Morgen. Es ist gar nicht so schwer, den Zustand des Natur-Stoned-Seins zu erreichen. "Always", sangen die weisen Monty Python, "Look At The Bright Side Of Life".
Und die finsteren Seiten des Lebens?
Es ziept und zerrt im rechten Knie? Verbuchen wir das doch als bewusste Körpererfahrung, als Kommunikation mit unserem eigenen Selbst. Was, das ist doch letztlich Büntigs Botschaft, will uns das sagen, das uns gemeinhin nervt?
Wie zum Beispiel Spam?
Spam, die seit 1995 unaufhaltsam rollende Lawine des Web-Werbemülls, gehört zu den Dingen, die den sowieso schon ärgerlichen Büroalltag weiter verschlimmern. Allmorgendlich ärgern wir uns wund über die Angebote von Waffenschiebern, obskuren Kreditgebern und russischen Callgirls. Doch, jetzt mal ganz im Ernst, warum eigentlich?
Ist es nicht so, dass solche Angebote den steten Fluss des immer gleichen Alltags brechen, an unseren Routinen zu kratzen vermögen? Allein die Tatsache, dass der Spam-Download heute Morgen rund zehn Minuten fraß, bescherte mir eine Extra-Tasse Kaffee und ein angenehmes Gespräch.
Entsprechend gut gelaunt tat ich etwas, was man sonst nur selten tut: Ich gab dem Spam eine Chance.
Ohne es zu bereuen.
Ganz oben in der E-Mail-Liste prangte ein Brief von Colby5626. Das ist ein so ungewöhnlicher Name, dass ich mich mit Sicherheit daran erinnern würde, wenn ich so jemanden kennen würde. Ergo: Colby ist ein Spammer.
Und zwar ein durchaus origineller. "Werden Sie Priester!" lädt er mich ein.
Hand aufs Herz: Hatten wir nicht alle, in einer vor- oder pubertären Zeit, eine tief religiöse Phase?
Nein, hatten wir nicht unbedingt, aber man kann sich das ja mal anschauen. Ganz im Ernst: Bereut habe ich das nicht. Und was lese und lerne ich da? Charles Simpson, seines Zeichens Priester, "hat die Möglichkeit, Sie innerhalb von 48 Stunden zum rechtskräftig ordinierten Priester zu machen"! Das ist ja unglaublich! Aber warum sollte ich das wollen?
Das ist doch wohl klar. "Trauen Sie Ihren Bruder, Ihre Schwester oder Ihren besten Freund" lockt die Mail, "geben Sie sich nicht damit zufrieden, nur Trauzeuge oder Brautjungfer zu sein". Hey, cool, das klingt gut!
Und damit nicht genug: "Als Priester haben Sie die Autorisierung, die Riten und Zeremonien der Kirche durchzuführen".
Wow, voll Kult, im wahrsten Sinne des Wortes: Beerdigungen, Taufen, das Vergeben von Sünden - ja, selbst die Eröffnung meiner eigenen Kirche könnte ich endlich angehen! (Wenn das so weitergeht, gibt bald das Ausrufezeichen meiner Tastatur auf!)
Aber halt: Geschenkt bekommt man ja wohl nichts im Leben, oder?
Richtig. Aber, versichert Colby5626, es lohnt sich ja auch: "Wenn man bedenkt, wie viel es wert wäre, ein rechtskräftig ordinierter Priester zu sein", schreibt Colby, "dann würde ich sagen, doch wohl locker 100 Dollar. Oder etwa nicht?"
Mag sein, aber man kennt ja dieses Problem mit dem E-Commerce. Die meisten Menschen - und so auch ich - schrecken davor zurück, irgendwelchen Typen im Web Kreditkartennummern zuzusenden, damit die doch schon etwas größere Summen von unseren Konten abheben. Doch so ist Colby nicht drauf.
"So viel kostet das gar nicht. Es ist mein Ziel, dieses lebensverändernde Programm so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen".
Still!
Einen Augenblick Ruhe bitte!
Habe ich da gerade einen Synthesizer gehört? Oder waren das Engelschöre?
'Tschuldigung, weiter geht's: "Weil ich weiß, wie sehr Sie anderen helfen wollen, werden Sie Ihre Priester-Urkunde für weniger als 100 Dollar bekommen... ...weniger als 50 Dollar... Sie werden diesen ganzen lebensverändernden Kursus für noch 29,95 Dollar erhalten."
Das ist wirklich Wahnsinn. Und was man alles dafür bekommt!
"1. Ein Zertifikat im Format 8 Inch mal 10 Inch, in Farbe, mit Goldsiegel.
2. Die Beglaubigung Ihres Zertifikates mit Ihrem Namen!!
3. Der Versand ist portofrei!!!"
Dass dieses dolle Angebot nur für eine begrenzte Zeit erhältlich sein wird, ist ja wohl klar. Jetzt heißt es, schnell zu reagieren!
Schlappe 30 Dollar, und bald schon bin ich Priester. Spam, Du hast mein Leben verändert. Bald, bald schon darf ich trauen, beerdigen, weiß der Fuchs was noch alles. Bald schon sind wir überhaupt alle Priester und dürfen uns gegenseitig trauen - wenn nur genügend Menschen Colby5626 trauen würden. Und wenn der sich als vertrauenswürdig erweisen würde: Denn wenn sich nicht das Leben, sondern nur der Kontostand verändert, dann dürften die meisten Colby-Gläubiger wohl nur ihren Glauben beerdigen - zumindest den in Spam.
Ich glaube, ich lasse das besser mit dem Priester-Sonderangebot. Aber Spaß hat es gemacht, mein Hypothalamus schüttet vermehrt Ich-fühl-mich-gut-Hormone aus, Spam - wer wollte das bestreiten - hat sich heute Morgen als echte Chance erwiesen.
Und das ist doch auch was wert und zudem völlig umsonst.
Und was für beknackte, erhellende, erheiternde Spam-Erlebnisse haben Sie schon erlebt? E-Mail genügt!