Ransomware: Spiel mir das Lied vom Erpressungstrojaner - DER SPIEGEL
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Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Patrick Beuth

meinung •Song über Ransomware Spiel mir das Lied vom Trojaner

Patrick Beuth
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im August 2011 schrieb Marc Andreessen den legendären Satz »Software is eating the world« . Heute, knapp zehn Jahre später, müsste der lauten: »Ransomware is eating the world« – Erpressungstrojaner fressen die Welt auf. Und sie machen vor nichts und niemandem halt. Das kriminelle Geschäftsmodell – die Täter verschlüsseln Dateien und Laufwerke ihrer Opfer und legen damit die IT lahm, bis ein Lösegeld gezahlt wird – ist durch und durch professionalisiert und immens erfolgreich.

Im Mai wurden bekanntlich unter anderem der Ölpipeline-Betreiber Colonial und der Fleischfabrikant JBS gehackt und erpresst. Vor einigen Tagen kam noch ein Auftragnehmer der US-Regierung hinzu, der irgendwas mit Atomwaffen macht . Man könnte argumentieren, dass eine Welt ohne Öl, Fleisch und Atomwaffen gar nicht so verkehrt wäre. Aber zur gleichen Zeit hat es auch das staatliche irische Gesundheitssystem, die Polizei von Washington, D.C., und diverse weitere Unternehmen getroffen. Schulen und Universitäten, Gerichte, Krankenhäuser und Privatpersonen werden auch nicht verschont. Der IT-Sicherheitsveteran Kevin Beaumont ist sich sicher: »Wir sind noch nicht einmal in der Nähe des Höhepunkts.« Nicht sicher ist er hingegen, »ob die Menschen die Situation verstehen«.

Vielleicht hilft ja... Gesang.

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Das jedenfalls dachte sich Forrest Brazeal , ein Spezialist für Cloud Computing aus North Carolina. Also hat er sich ans Klavier gesetzt und den »Ransomware-Song« komponiert . Der ist zwei Minuten kurz, fröhlich und bringt auf den Punkt, wer wirklich schuld ist an dieser Plage: die Mathematik. Schließlich ist Verschlüsselung nichts anderes als angewandte Mathematik. Und so singt Brazeal:

»Next time there's no meat or water or gas

And we slide a little closer to the day of wrath

You can blame IT, or some russian sociopath

But personally, I blame math.«

Und jetzt alle im Chor: Soon may a Criminal come...

Und jetzt alle im Chor: Soon may a Criminal come...

Foto: imago stock&people / imago/Future Image

Zugegeben, das musikalische Genre IT-Sicherheitspop ist vielleicht noch nicht reif für eine eigene Grammy-Kategorie. Aber ich erkenne ein gewisses Potenzial: Als Anfang des Jahres der »Wellerman«-Song über TikTok ins Internet schwappte, adaptierte die Hackerin Rachel Tobac die Seemanslied-Melodie für ihren Passwort-Song »Soon may a Criminal come« . Wer den hört und danach immer noch nicht auf Zwei-Faktor-Authentifizierung und Passwortmanager setzt, dem ist wohl nicht zu helfen.

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Zurück zur Ransomware: Das Lied von Brazeal ist – so amüsant es sein mag – natürlich nicht die Antwort auf die globale Erpresserplage. Ich denke, die muss umfassender ausfallen als ein Zwei-Minuten-Song oder die Losung »Haltet eure Software aktuell und macht Back-ups« – auch wenn mir Branchenexperten da nicht unbedingt zustimmen.

Kevin Beaumont schlägt unter anderem  eine verschärfte gesetzliche Regulierung von Kryptowährungen vor, um sie »für Kriminelle umständlicher« zu machen, die ihr Lösegeld in Bitcoin oder Monero kassieren. Oder wie es Agustín Carstens von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel gerade meinen Kollegen sagte: »Der Bitcoin ist nur für zwei Dinge gut – zum Spekulieren und für Lösegeldzahlungen«.

Beaumonts weitere Vorschläge zur Lösung der Krise enthalten viel Wenn und Aber, umso simpler ist seine Beschreibung des Problems: »Ransomware ist das Risiko, dass dein Unternehmen einen Herzinfarkt erleidet.« Das ist mindestens so einprägsam wie der Ransomware-Song.

Fremdlinks: drei Tipps aus anderen Medien

  • »Cybersicherheit: Seehofer für Nutzung von Zero-Day-Exploits und für Hackbacks«  (5 Leseminuten)
    Der unermüdliche Stefan Krempl von »heise online« hat den 128 Seiten langen Entwurf des Bundesinnenministeriums für eine »Cybersicherheitsstrategie« zusammengefasst. Die enthält unter anderem Wünsche nach »neuen Herangehensweisen in Bezug auf den unverschlüsselten Zugriff auf ursprünglich verschlüsselte Kommunikationsinhalte« – weil dem Ministerium ein paar Staatstrojaner nicht genug sind.

  • »Konzerne wollen Quantencomputer testen«  (3 Leseminuten)
    Wenn Quantencomputer die Lösung sind, welches passende Problem hätten deutsche Großunternehmen dann? Ein kurzer Überblick der »Süddeutschen Zeitung«.

  • »Der digitale Wahlkampf ist hier«  (Podcast, 39 Minuten)
    Es klingt nach einem Besuch auf einem fremden Planeten: In der aktuellen »Breitband«-Sendung geht es unter anderem um deutsche Politikerinnen und Politiker sowie Parteien auf TikTok.

Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche!

Patrick Beuth