Raubkopien Ende der Schonzeit
In Sachen Raubkopien kämpft die Industrie gegen Windmühlen. Einer aktuellen deutschen Studie zum Schutz digitaler Inhalte zufolge sind technische Mittel gegen den Missbrauch völlig unzureichend. Medienverbände fordern nun schärfere rechtliche Rahmenbedingungen.
"Mit Sorge beobachten wir die ungeschützten Zugriffe auf geistiges Eigentum und digitale Dienste", sagte Marcus Englert, Vizepräsident des Verbands Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT), der zusammen mit dem Deutschen Multimedia Verband (dmmv) das neue Gutachten vorstellte. Die Software-, Film- und Musikindustrie hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben durch Datenpiraterie 1,6 Milliarden Euro Verlust erlitten - und schert aus ihrer Perspektive das massenhafte Raubkopieren von CDs und Filmen, das Cracken von Pay-TV-Codes und Filesharing über einen Kamm.
Nach dem Gutachten haben die Urheber nur unzureichende technische Schutzvorrichtungen gegen Raubkopierer von CDs und Pay-TV-Karten - und unzureichende Mittel gegen Hobbytüftler, die die jeweils neuesten Sicherheitscodes etwa für die Set-Top-Boxen für das Pay-TV veröffentlichen.
Hinter diesen Cracks, die einen nicht geringen Anteil etwa an den Debakeln von Kirchs Pay-TV oder auch des englischen ITV-Digital hatten, stecken oft organisierte Banden - und manchmal gar echte Profis. In Großbritannien erschütterte Anfang des Jahres ein Skandal die Branche, als sich die Hinweise darauf verdichteten, dass gecrackte Pay-TV-Codes mitunter von der lieben Konkurrenz unters Volk gebracht wurden. Doch so oder so: "Die Technik bietet auf Dauer keine zuverlässige Lösung", resümierte Andreas Pfitzmann von der Technischen Universität Dresden seine Untersuchung.
Und auch die Gesetzgeber sind gegen die Datenpiraten offenbar machtlos.
"In der Strafverfolgung passiert nicht allzu viel", sagt Ulrich Sieber von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der die rechtlichen Rahmenbedingungen untersucht hat. Im vergangenen Jahr gab es nur 300 Verfolgungen von Kopierern von Pay-TV-Karten. 2000 Strafverfolgungen wegen illegal kopierter Spiele stehen in der Statistik. "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Sieber.
Neben der besseren Strafverfolgung fordert er zudem strengere Richtlinien. So mache sich etwa ein Internetnutzer, der sich aus dem World Wide Web eine Software herunterlädt, nicht strafbar - nur der Anbieter. Auch ein User, der sich auf Internet-Tools über die Umgehung von Schutzprogrammen informiert und dann eine Seite "knackt", bleibe unbestraft, wieder könne nur der Anbieter belangt werden.
Auch bei Musik-CDs sei der Gesetzgeber in vielen Fällen machtlos. Wer eine Zweit-CD fürs Auto brennt, macht sich nicht strafbar. Ob er allerdings die originale CD besitzt, muss er nach geltendem Recht nicht nachweisen. "Hier besteht erheblicher Reformbedarf", sagt Sieber.
Doch auch mit einem verlässlichen Rechtsrahmen sei das Problem nicht gelöst. Die Cracker und Raubkopierer fühlen sich selten im Unrecht. Hoch problematisch wird es, wenn es um die so genannte P2P-Szene geht: Deren Nutzer sind keine Cracker, sondern Kunden - und zwar der Industrie. Eine Kriminalisierung der P2P-Szene, befürchten Experten, könnte sich für die Industrie letztlich negativ auswirken.
"Mit der Bagatellisierung von Piraterievergehen muss endlich Schluss sein", sagt Alexander Felsenberg vom dmmv. Auch bei gebrannten CDs und kopierter Software gelte: "Diebstahl bleibt Diebstahl."
Zusammen mit dem Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation fordert er jetzt öffentliche Kampagnen und Aktionen, um das Unrechtsbewusstsein in der Bevölkerung zu wecken. Sonst gehe wegen der Milliardenverluste der Anbieter irgendwann auch die Qualität verloren.