Raubkopien Online Oscar on demand
Der Film "The Wrestler", mit dem Altstar Mickey Rourke in diesem Frühjahr ein überraschendes Comeback feiert, das ihm nach einem Golden Globe als bester Darsteller sogar noch den entsprechenden Oscar einbringen könnte, ist auch aus Vermarktungssicht ein seltsamer Film: Fast scheint es, als hätten seine Macher selbst nicht an einen Erfolg geglaubt. Seit Dezember 2008 hatten sie ihn auf rund einem Dutzend Filmfestivals weltweit gezeigt. Als er in der ersten Januarwoche aber endlich ins Kino kam, geschah dies in den USA mit gerade einmal vier Kopien.
Der Vertrieb ließ weitere 140 folgen, aber selbst das sind Zahlen, mit denen man vielleicht die Programmkinos bedienen kann, nicht aber das Mainstream-Kino. Im Rest der Welt läuft der Film nun in der Zeit bis Ende Mai an, international gibt es vierzehn verschiedene Starttermine.
Ach ja: Wenn man vom Internet absieht.
Denn dort ist The Wrestler schon seit dem 28.12.2008 das, was man ihm in der Offline-Welt des Kinos offenbar nicht zugetraut hat: Ein Blockbuster.
Gezeigt wird im Internet nur eine Kopie, aber das reicht ja bekanntlich. Immerhin ist sie von bester Qualität, hat fast DVD-Standard. Zu finden ist sie über diverse Film-Tracker-Seiten der Donkey- und Bittorrent-Netze und andere P2P-Plattformen, und seit einigen Tagen sogar auch auf immer mehr Streaming-Seiten.
Dass dies so ist, dürfte niemanden wundern: Es ist längst Standard. Alles, was irgendwie Popularität oder zumindest Aufmerksamkeit erntet, ist schnell auch Online zu finden. Sehr oft sogar, bevor es im Kino zu sehen ist. Den Wrestler wird man in Deutschland erst ab dem 26. Februar zu sehen bekommen.
Der "Leak": Ein Dauerproblem
Die Branche weiß, woran das liegt: Mal sind es Testvorführungen oder Presse-Previews, bei denen Besucher oder - wahrscheinlich weit öfter - der Filmvorführer selbst einen Camcorder mitlaufen lässt. Über 90 Prozent aller Web-Raubkopien, behauptet die amerikanische Filmlobby MPAA zumindest, seien solche schlechten Camcorder-Mitschnitte oder qualitativ etwas besseren Telesyncs .
Eine Zahl, die nicht zu überprüfen ist, den Realitäten aber durchaus nicht zu entsprechen scheint: Stichproben in P2P-Netzen und Streaming-Sites zeigen, dass die Qualitäten in der Regel gut sind. Tracker-Seiten warnen regelrecht vor Cam-Mitschnitten, indem sie sie kennzeichnen - viele davon findet man in der Regel nicht.
Stattdessen findet man DVD-Qualität, behauptet der US-Filmjournalist Andy Baio, der eine wahre Fleißarbeit geleistet hat: Sechs Jahre lang hat er protokolliert, welche und wie viele für Oscars nominierte Filme vorab im Web zu finden waren und in welcher Qualität. Im letzten Jahr veröffentlichte er seine Befunde, ließ es sich aber nicht nehmen, dem ein Update für dieses Jahr folgen zu lassen. Und das hat es in sich .
Online erhältlich sind demnach in diesem Jahr bereits 25 von 26 nominierten Filmen. Allerdings bekommt man online "nur" 24 davon in DVD-Qualität. Ein Film liegt nur als wackelige Cam-Kopie vor und einer bisher gar nicht.
Die Branche hat ein Insider-Problem
Baio vermeidet denkbare Klagen, indem er keinen direkten Zusammenhang zwischen der Auslieferung der Filme an die Oscar-Jury und der Veröffentlichung online herstellt. Den gab es zumindest in der Vergangenheit nachweislich: Zahlreiche über P2P-Börsen verbreitete Filme zeigen in regelmäßigen Abständen Bildunterschriften, die darauf verweisen, dass die Kopien nur für den Gebrauch der Academy-Jury gedacht sind.
Dass das Gros der frischen Raubkopien von Brancheninsidern in die Welt gesetzt wurde, war der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die den Oscar vergibt, bereits Anfang des Millenniums klar geworden. Weil dies so ist, führte sie testweise bereits 2003 digitale Wasserzeichen ein, die eine Rückverfolgung der verbreiteten Kopien bis zu einem veröffentlichungsfreudigen Juror erlauben.
Den fand die Academy 2004 mit dem Schauspieler und Juror Carmine Caridi, dem das FBI die Weitergabe von rund 60 für die Oscar-Juroren bestimmten Filme nachweisen konnte. Caridi wurde aus der Jury entlassen und angeklagt: Noch immer anhängig sind Klagen wegen der Verbreitung diverser Filme, die Industrie fordert pro Film 150.000 Dollar Schadensersatz.
Das Exempel hat das Problem entschärft, aber nicht gelöst. Auch Baio zeigt, dass es immer länger dauert, bis eine Kopie der an die Jury verteilten Filme online auftaucht. War es seinen Erkenntnissen nach 2003 im Schnitt nur ein Tag, braucht es heute elf Tage, bis eine - im für den Leaker günstigsten Fall - von ihren Wasserzeichen gesäuberte Kopie ihren Weg ins Web findet. Üblich ist heute zudem eine Abfolge von Veröffentlichungen, bei der die Camcorder-Kopie nur die erste Version darstellt, die dann bald von qualitativ weit besseren Kopien ersetzt wird. In Bezug auf die Oscar-Filme dokumentiert Baio allerdings akribisch , dass meistens gar keine Cam-Kopien in Umlauf kommen, sondern sofort qualitativ hochwertige.
Die dürften - wenn es nicht um Oscar-Filme geht - in zahlreichen Fällen aus den DVD-Kopierwerken kommen, wie auch die Flut der Raubkopien mit Untertiteln in asiatischen Sprachen belegt. Den Piraten kommt dabei die allgemeine Verkürzung der Zeitfenster in der Verwertungskette von Filmen zugute: Oft werden Filme heute nur drei bis höchstens sechs Monate im Kino gezeigt, bevor die DVD, mit der in vielen Fällen deutlich mehr verdient wird, in den Läden landet. Das bedeutet aber auch, dass mit der Vorproduktion der DVD oft schon begonnen wird, bevor oder wenn der Film ins Kino kommt - entsprechend tauchen immer früher qualitativ hochwertige Kopien im Netz auf.