"realMyth" Die Rückkehr eines Mythos
"Myst" war bereits ein Anachronismus, als es auf den Markt kam. Ein Spiel, in dem man sich "nur" Schritt für Schritt durch eine Art gigantische Diashow klicken konnte, Rätsel lösen musste, in dem alle "Action" allein im Kopf des Spieles stattfinden sollte - konnte so ein Konzept zum Erfolg werden?
Es konnte: Zwar schieden sich an dem ruckeligen, aber so poetischen wie anspruchsvollen "Spaziergang" durch Cyans virtuelle Welten die Geister - Myst konnte man nur lieben oder hassen - aber am Erfolg des Konzeptes gab es nichts zu deuteln. Myst wurde zum - bis dahin - erfolgreichsten Computerspiel.
An den Erfolg anknüpfen konnte 1997 erst die Fortsetzung "Riven". Das Erfolgsrezept hatte sich nicht verändert: Auch Riven setzte auf besinnliche, sphärische Musik, opulente Grafiken und optische und akustische Rätsel, die kaum ein Spieler völlig ohne Zuhilfenahme der schnell zusammengeschriebenen "Cheat-Guides" vollständig lösen konnte. Fast schien es, als sei mit Myst und Riven ein neues Spielegenre entstanden.
Doch es blieb bei den beiden Spielen. Rand und Robyn Miller, die kreativen Geister hinter der ehemaligen Garagenfirma Cyan , zerstritten sich und gingen eigene Wege. Anderen Unternehmen gelang es nicht, etwas ähnlich erfolgreiches (und schönes) wie Myst und Riven zu entwickeln.
Und auch Cyan gelang der Anschluss an die Erfolge der ersten Jahre nicht: Echte Neuigkeiten über das Unternehmen gab es seit 1997 nicht mehr zu vermelden. Auch Gerüchte über eine Verfilmung von Myst und Riven haben sich bisher nicht bestätigt.
Des Kaisers neue Kleider...
Bewegung kommt nun auf andere Weise in die Welt von Myst. Cyan legt ein Remake vor, welches den Klassiker in eine volle 3D-Umgebung befördert: "realMyst ".
Der Spieler landet noch immer auf einer geheimnisvollen Insel und rätselt sich durch eine liebevoll ausgearbeitete Hintergrundgeschichte. Die grafischen und akustischen Puzzle entsprechen hierbei exakt dem Original. Dafür wechselt der Protagonist nun nicht mehr von Standbild zu Standbild, sondern steuert mit der Maus durch tatsächliche 3D-Landschaften.
Die verblüffen durch Detailreichtum und Realismus. Der Pferdefuß daran: Nur auf einem Highend-Rechner, etwa Pentium/800 aufwärts, lässt sich das Ganze halbwegs flüssig erleben. Außerdem bereitet die Steuerung Probleme, da der Spieler mit dem Mausknopf sowohl die Charakterbewegung als auch die Manipulation von Objekten tätigt. Entsprechende Komplikationen liegen auf der Hand.
Wer diesen Widrigkeiten trotzt, bekommt am ursprünglichen Ende des Abenteuers eine neue, nicht unbedingt umfangreiche Welt mit frischem Knobelmaterial serviert. Letztendlich müssen sich also begeisterte "Mystiker" die Frage stellen, ob ihnen die spielerischen Detail-Veränderungen und die technische Grunderneuerung einen Kauf wert sind. Bei der Entscheidung, ob man sich das aufgepeppte Spiel kaufen soll oder nicht (im Handel ab 16. November, ca. 100 Mark), mag die Demoversion helfen, die man im Netz erhält. Das Download sollte man jedoch auf die "verkehrsarmen" Zeiten verlegen: Die Datei ist satte 50 MB groß.
Volker Schütz/Frank Patalong