Recht virtuell Boykottiert Napster - nicht!
Fans der Musik-Tauschbörse Napster haben zum Boykott aufgerufen und technische Möglichkeiten geschaffen, um die freiwillige Selbstkontrolle zu umgehen, die Napster vor einer Schließung durch ein US-Gericht bewahren sollte, . Fast 57 Millionen Internetnutzer wären davon betroffen.
Ich kann den Zorn der Fans einerseits verstehen, andererseits ist der Boykottaufruf wirklich das "Ende von lustig". Denn die rechtliche Situation ist klar: Wer Kopien von CDs erstellt und diese nicht nur zu eigenen Zwecken oder im privaten Kreis benutzt, der verstößt gegen das Urheberrecht und die ihn mit dem Kauf übertragenen Lizenzen.
Das ergibt sich aus den Lizenzbestimmungen, die als allgemeine Geschäftsbedingungen allerdings nur dann wirksamer Bestandteil des Kaufvertrages werden, wenn sie vor dem Kauf zur Kenntnis genommen werden können. Was beim "Napstern" nicht unbedingt der Fall ist, weil sie nicht gut sichtbar auf der Verpackung abgedruckt sind. Aber auch die Urheberrechtsgesetze enthalten weltweit entsprechende Regelungen, die unabhängig von den Lizenzbedingungen gelten.
In Deutschland zum Beispiel sagt § 53 UrhG ganz klar, dass die Vervielfältigung nur zum privaten Gebrauch zulässig ist. Kopien bei Napster anzubieten, ist aber kein privater Gebrauch mehr.
Noch schlimmer sieht es für diejenigen aus, die Musik von Napster herunterladen. Sie können sich nicht einmal auf § 53 UrhG berufen. Denn der geht davon aus, dass jedenfalls das Original rechtmäßig erworben wurde. Das ist beim Download von Napster aber gerade nicht der Fall.
Da das Einstellen dort rechtswidrig ist, ist auch das Downloaden nicht erlaubt. Denn man kann an rechtswidrig erstellten Kopien keine Rechte erwerben. Das gilt selbst dann, wenn man gutgläubig der Meinung wäre, was bei Napster angeboten würde, müsste ja okay sein. Es gibt aber im Bereich der so genannten "geistigen Rechte" keinen "gutgläubigen Erwerb" wie in der körperlichen Welt.
Die rechtliche Situation ist also klar, und nichts spricht hier für Napster. Und trotzdem ...
Es gibt für Napster, seinen deutschen Partner Bertelsmann eCommerce Group und auch die vielen anderen Musikverleger meines Erachtens nur eine Zukunft: Beendet den Prozess. Gebt die Lizenzen, die Napster benötigt, um sein Geschäft künftig legal betreiben zu können - aber zu so günstigen Konditionen, dass diejenigen, die bisher kostenlos Musik über Napster bezogen haben, trotzdem bei der Stange bleiben.
Eine Schließung von Napster macht keinen Sinn
Denn gerade denjenigen, die Geld mit Musik verdienen, kann nicht daran gelegen sein, dass die Konkurrenten von Napster ihr Geschäft weiter betreiben und aufgrund technischer Vorkehrungen nicht so leicht zu fassen sind wie Napster.
Es macht auch keinen Sinn, Napster zu einer Alleinveranstaltung von Bertelsmann werden zu lassen, weil das an der grundlegenden Situation nichts ändern würde. Denn dass die zivil- und strafrechtlichen Drohungen der Urheberrechtsgesetze auf aller Welt Täter nicht abschrecken, ist eine uralte Weisheit der Kriminologie. Niemand denkt vor und bei seiner Tat über deren rechtliche Folgen nach. Daher gilt der ebenso alte Grundsatz: "Vorbeugen ist besser als heilen".
Die Musikindustrie sollte sich daher auch überlegen, dass sie beim Vertrieb ihrer Produkte über Napster viel Geld spart. Es entstehen keine Kosten für die Produktion der CDs, und auch die Kosten für Werbung würden geringer, weil die Nutzer von Napster diese zum Teil selbst bezahlen würden in Form ihrer Onlinegebühren.
Die Internetbenutzer sollten sich überlegen, dass kostenlose, rechtswidrige Downloads gerade denen, denen sie mit ihren Downloads huldigen, nämlich den Musikern, die Basis ihrer Existenz rauben. Insoweit liegen alle Beteiligten gar nicht so weit auseinander: Jeder soll angemessen vom künstlerischen Werk der Musiker profitieren! Wenn heute eine CD vielleicht 29,00 Mark kostet, dann kann doch selbst der Top-Titel dieser CD kaum mehr als drei Mark kosten, wenn man ihn über das Internet herunterladen kann - ohne, dass die Musikindustrie große Verdiensteinnahmen zu beklagen hätte.
Wenn sie sich noch dazu durchringen könnte, auch Konzerte gegen entsprechend geringere Vergütungen live im Internet zu übertragen, dann sollten alle ihren Schnitt machen. Die Frage, Napster oder nicht, ist nicht nur eine rechtliche, sie ist auch eine Frage der Vernunft. Wenn von einem Überleben Napsters alle Seiten profitieren würden, dann ist die Einigung überfällig. Bewegt Euch aufeinander zu, statt Euch voneinander zu entfernen!