Reingefallen: Viren, Virton und virtuelle Mudschahidin - DER SPIEGEL
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Reingefallen Viren, Virton und virtuelle Mudschahidin

"Blame Canada!", hieß es in der berüchtigten US-Trickserie South Park: Wie praktisch ist es doch, wenn man jemanden hat, der automatisch an allem Schuld hat. Als eine US-IT-Newsseite berichtete, eine al-Qaida-nahe Gruppe habe den Slammer-Wurm in die Welt gesetzt, fand auch dieser verfrühte Aprilscherz seine Gläubigen. Eine unglaubliche Geschichte.
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Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt man, und ähnlich ist das mit steilen Behauptungen, abstrusen Thesen und dem Dauerverweis auf Missetäter mit eingebauter Schuldautomatik: Irgendwann beginnt man, selbst den wildest gequirlten Unsinn zu glauben. Begünstigt wird so etwas, wenn sich die Autoritäten des Staates an der Desinformation beteiligen.

Seit dem 11. September 2001 hat die Welt da atemlos so einige Schwachheiten bestaunen dürfen: Angefangen von den US-Geheimdienstwarnungen im Winter 2001, Taliban-Hacker könnten das Internet attackieren, über das FBI-Geraune von Mudschahidin-Hacks in US-Elektrizitätswerke bis hin zu den Schwachsinnigkeiten rund um die angeblich potenziell mögliche, zumindest aber vorstellbare Internet-Kontrolle über die Schließmechanismen von Staudamm-Toren. Al-Qaida, formulierte im letzten Sommer so umständlich und indirekt wie möglich ein FBI-Vertreter, könnte versuchen, eine US-Großstadt per Flutwelle zu verwüsten, wenn es denn möglich wäre.

War es aber nicht.

Was das FBI im übrigen vergaß, ähnlich öffentlichkeitswirksam bekannt zu geben. Informationen über den angeblich minütlich drohenden Cyberwar und Cyber-Terrorismus sind so sehr zur Dauerberieselung geworden, dass man anfängt, immer mehr davon ernst zu nehmen. Selbst wenn nicht die Schließmechanismen eines Staudammes, sondern nur die Rückhaltedämme gegen verbale Diarrhö versagen, finden sich dafür gläubige Zuhörer.

Eine Story mit Wurm drin

So konnte der Journalist Dan Verton von der IT-Newswebsite Computerworld in der letzten Woche eine wahrhaft exklusive Story berichten: Der Slammer-Wurm, der gerade durchs Web gefegt war, wurde natürlich von einer al-Qaida-nahen Gruppe programmiert und ins Web gesetzt. Die heiße Information hatte er aus erster Quelle: Ein "Abu Mujahid" hatte sie ihm gesteckt, angeblich Mitglied der Harkat-ul-Mujahedin, einer Gruppe mit starken al-Qaida-Verbindungen.

Unglaublich daran ist nicht unbedingt die Behauptung, Extremisten könnten ein Virus programmieren: So etwas bekommen schließlich auch ziemlich durchschnittliche pickelige Pubertierende hin - für was gibt es denn sonst Virenbaukästen im Netz? Unglaublich ist viel mehr, wie Verton an seine Informationen kam - und dass er diese überhaupt ernst nahm. Slammer verursachte zwar Schäden, aber letztlich nur durch seine eigene Weiterverbreitung: Das Virus riecht nach einem "proof of concept". Hier zeigt jemand, was möglich wäre, wenn nur jemand böse wollte: Slammer verursachte keine Schäden in den Systemen. Einen Akt des "Cyberwar" darf man sich anders vorstellen.

Doch Zweifel an der Geschichte könnten schon weit früher ansetzen. Dass Gruppen wie al-Qaida nicht etwa subversiv in Chatkanälen, über Remailer und Freemail-Accounts kommunizieren, wenn sie auf das Internet zugreifen, sondern lieber ihre Infos auf ordentlich angemeldeten Websites veröffentlichen und darüber Journalisten-Anfragen beantworten, ist eine dieser FBI-Fakten, an die wir uns langsam gewöhnt haben (siehe oben). Als Verton beim FBI nachfragte, ob die von ihm gefundene Website echt sein könne, erhielt er vom FBI, wie er sagt, "keine abschlägige Antwort" - was weder ja noch nein, sondern wohl eher "keine Ahnung" bedeutet.

Schließlich aber lag die Seite auf einem pakistanischen Server - was sie immerhin von den meisten angeblichen al-Qaida-Seiten unterscheidet, die in der Regel in Amerika gehostet werden. Attackiert wurde sie auch schon, einmal augenscheinlich von amerikanischen Hackern "defaced".

Das klang echt.

Dankbar war Verton auch, über die Domain Kontakt zu Abu Mujahid zu bekommen, der ihm wertvolle Informationen darüber mitteilen konnte, dass seine Mudschahidin-Gruppe das Slammer-Virus, das gerade durch Web fegte, als Teil ihres "Cyber-Dschihad" auf das Internet losgelassen hätte. Was für eine Story, die dann binnen weniger Stunden auf der Website der Computerworld erschien und in 200.000 Exemplaren per Newsletter verbreitet wurde.

April, April (im Februar)

Erst da meldete sich Abu Mujahid zu Wort: Eigentlich heiße er ja Brian McWilliams und sei Journalist, und die Seite habe er nur als Lockvogel-Angebot aufgemacht, mit dem er hoffte, Kontakt zu muslimischen Extremisten zu bekommen. Statt dessen zog die Seite Journalisten an, wie Verton. Als der auftauchte, habe er sich gedacht, dass man dem doch mal eine Lektion über Leichtgläubigkeit erteilen könnte. Das ist McWilliams wohl gelungen.

Für ihn geht der Schuss trotzdem nach hinten los: Am Pranger steht McWilliams, nicht Verton.

Denn McWilliams, ist zu hören, habe die hehren Regeln des Handwerks gebrochen, indem er seine Identität kaschiert habe: So etwas tue ein Journalist nicht. McWilliams entgegnet da nur, er arbeite halt investigativ.

Computerworld hatte Vertons Geschichte wenige Stunden, nachdem McWilliams sich outete, zurückgezogen, und Verton veröffentlichte ein Folgestück: "Ich fühle mich missbraucht", schrieb er, "und das ist nie ein gutes Gefühl. Jetzt sitze ich hier und kratze meine Flohbisse. Das ist der Preis, den man dafür bezahlt, wenn man manchmal mit Hunden schläft".

Vielleicht wäre es besser gewesen, er wäre wach geblieben?

Frank Patalong

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