Release AOL 6.0 Virtueller Kontakthof
Wollte Boris Becker in dem legendären Werbespot einfach nur drin sein, um E-Mail abzufragen, werden AOL-Nutzer in Zukunft keine ruhige Minute mehr verspüren. Die Kontaktsuche und das Kennenlernen der Mitglieder untereinander wird zur AOL- Philosophie erhoben. Die neue Version 6.0, die ab Mitte Februar an Mitglieder und Neukunden ausgeliefert wird, krempelt AOLs Benutzeroberfläche um.
Dass mit dem runderneuerten Design und der gediegenen Clubatmosphäre AOL-Mitglieder zunehmend aus dem Internet ausgeklinkt werden, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Buntgemischt und an den Interessen und Bedürfnissen der meinungsbefragten Mitglieder orientiert sind es achtzehn Themenwelten, die mit einer neu entworfenen Bildersprache aufwarten.
AOL Deutschland hat sich mächtig ins Zeug gelegt, damit die Fassade der neu gestylten Benutzeroberfläche von den Mitgliedern nicht abgelehnt wird. Ein Redaktionsstab von angeblich 300 Mitarbeitern - "die größte Onlineredaktion Europas" - produziert Inhalte für Themenwelten, die nur über AOL 6.0 zugänglich sind.
Die Statistik spricht zunächst für AOLs überdimensioniertes Arbeitsbeschaffungsprogramm. Durchschnittlich surft und chattet jedes Mitglied monatlich 370,6 Minuten bei AOL. In der Hamburger Europazentrale am Millerntor weiß man, dass die Zielgruppe des Onlinedienstes knapp über dreißig ist, eine höhere Schulbildung hat, abends und nicht vom Arbeitsplatz aus surft.
"AOL-Mitglieder können sicher sein, immer mit aktuellem, hochwertigen Inhalten und nützlichen Hilfen für den Alltag versorgt zu werden", versichert Klaus Täubrich, Geschäftsführer Interactive Services von AOL Deutschland. Um die zahlenden Kunden nicht an einen Internet-Provider oder die Konkurrenz von T-Online zu verlieren, darf es in den Themenwelten vor allem nicht an Originalität fehlen. Sogar die Auto- und Motorradtestberichte werden von der Fachredaktion selber durchgeführt, anstatt sie bei einem erfahrenen Content-Lieferanten einzukaufen.
E-Commerce mit Händchen halten
Die Themenwelten "Shopping" und "Reisen" kommen trotzdem nicht ohne externe Angebote aus. Unter Shop@AOL hat der Onlinedienst einen virtuellen Konsumtempel ins Programm gehievt, in dem 350 Shops präsent sind. Weil das Herumsurfen in den über 1,5 Millionen Produkten individuell frustrierend sein kann, steht den Kunden ein Trupp von Trend-Scouts mit Empfehlungen zur Seite. Die gestressten AOLianer haben nun einen Terminkalender, der online verwaltet wird und "out of AOL" nicht zugänglich ist.
Auf dem Bildschirm schrumpfen die neu designten Themenwelten auf Postkartengröße zusammen, sie haben eine feste Struktur und verzeichnen eine vorgegebene Anzahl von Inhalten. Die Darstellung von Text und Bild hält sich in etwa die Waage. Wer keine Lust mehr hat, sich mit dem "Content" auseinander zu setzen, wird sich in Chat-Foren austoben oder sich dem Homebanking zuwenden, das nun den HBCI-Sicherheitsstandard unterstützt.
GeWAPnet für die mobile Zukunft
Schon bei der Installation der Zugangssoftware fällt ins Auge, dass AOL die Einwahl über zwei Mobilfunkprovider unterstützt. Auch für die Einwahl über T-DSL oder Satelliten-Kabelmodem hat AOL vorgesorgt. Das Wellensurfen zu AOL mag ein wenig wie Zukunftsmusik erscheinen, aber für die Einwahl per Handy und Organizer zeigt sich AOL heute schon gewappnet.
Zudem hat AOL die schon lange überfällige E-Mail-Funktion überarbeitet. E-Mails sind jetzt html-fähig und können zum Beispiel als Formulare definiert werden. Auch das Versenden von Dateianhängen ist dem Mime-Standard angepasst - im MP3-Zeitalter ein unerlässliches Kriterium, um beispielsweise Audio-Dateien kreuz und quer durchs Internet zu transportieren. Beim Eigenbau-MP3-Player, der in AOL 6.0 integriert ist, zeigt sich wieder einmal, dass bewährte Internettechnologien wie Real Audio oder Windows Media Player hinter AOLs Firewalls weiterhin keine Rolle spielen sollen.
AOL wird auch in Zukunft Mitglieder anziehen, die in den gestylten Themenwelten ein miniaturisiertes Internet sehen, das ihnen auf Mausklick Themen und Angebote en masse zuspielen soll. Einstweilen pokern die AOL-Manager hoch, um Mitglieder mit ihren zielgruppenspezifischen Angeboten zu gewinnen, die sonst leicht an das Internet verloren gehen könnten. Schließlich ist vieles von dem, was AOL in seine Themenwelten gepackt hat, "dort draußen" ohne Mitgliedschaft und in größerer Vielfalt zu haben.