Rindvieh-Leasing: Kuh, Knete, Käse - DER SPIEGEL
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Rindvieh-Leasing Kuh, Knete, Käse

Der kleine Bauer hat's nicht leicht, denn die Agrarpolitik begünstigt die Großen. Nur 20 Kühe nennt Paul Wyler sein Eigen, doch dafür hat der Mann Ideen. Über das Web verleast er seine Rindviecher für einen Sommer – und auch der Kunde hat was davon.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Deal ist nicht schlecht. Irgendwann im Herbst können sich die Kunden von Paul Wyler und seinem kleinen bovinen Team 70 bis 120 Kilogramm Bergkäse direkt beim Erzeuger auf der Alp Tschingelfeld abholen. Die liegt "in der Gemeinde Brienz im Quellgebiet des Giessbachs", ist "die grösste Alp auf dem Brienzerberg" und liegt dazu noch schön hoch: "Der tiefste Punkt im Bödeli liegt auf 1600 m, das obere Ochsenläger und der Chüeberg liegen auf 2300 m. Somit liegt der grösste Teil der Alp oberhalb der Waldgrenze."

Aber den Weg kennen die Kunden ja bis dahin, schließlich haben sie sich im Rahmen ihres Kuh-Leasingvertrages verpflichtet, dort mindestens einen Tag unbezahlt zu arbeiten.

Klingt zunächst seltsam, ist aber wohl ernst gemeint: Warum auch nicht? Leben wir nicht in einer Welt, in der sich erwachsene Menschen Jahrzehntelang davon ernährten, Büro-geschädigte Großstädter und -verdiener zum Urschreien in die Pampas zu führen oder sie mit wachsender Begeisterung über Glut laufen zu lassen, bis der Arzt kommt? Der Kuh-Deal bringt dem Kunden dagegen echte Gegenwerte, und er lernt sogar noch was:

  • für einen Sommer ist man irgendwie ein bisschen Bauer und
  • im Herbst gibt's Käse, der zwar kein Dumping-Angebot, aber gut werden soll

Doch damit nicht genug: Das Leasingmodell verspricht dem wahrscheinlich eher städtischen Kuh-Mieter nicht weniger als ein Stück Reintegration in natürlichere Lebensumstände: So erhalte man nicht nur "Einblick in die Berglandwirtschaft, deren Bedeutung für die Natur und den Tourismus, sowie die Notwendigkeit der Landwirtschaft im Berggebiet", sondern auch "Kontakt zu den anderen Bauern und Bergbauern". Keck lockt es auf der Website: "Sie sind im weitesten Sinne nun einer von Ihnen".

Das ist pfiffig, und man muss noch nicht einmal viel dafür tun: Zu zahlen sind 380 Schweizer Franken pro Sommer (rund 245 Euro), zuzüglich natürlich des Melklohnes für den Senn, der dafür aber nur 0,40 Franken pro Liter verlangt. Das bringt den Käsepreis - je nach erzielter Menge - auf "höchstens 16 Franken pro Kilo, "den Sie weiterverkaufen, weiterverschenken oder selber essen können".

Das ist nicht schlecht: Die reguläre Preisspanne für die berühmten Alpkäse (Hart- und Hobelkäse mit Reifezeiten bis zu drei Jahren) liegt derzeit bei etwa 16 bis 40 Franken pro Kilo, je nach Reifegrad und Qualität. Kein Wunder also, dass zu den ersten Leasingkunden Restaurantbesitzer gehörten.

Na also. "Ein Manntag Frohndienst auf der Alp" muss natürlich auch noch sein, "wo Sie am Abend, nach einigen Kaffee 'Chelli' mit Paul, unserem Senn, zufrieden wie noch nie ins Bett sinken".

Da ist's dann auch für den Senn nicht mehr so einsam, der sich im übrigen darauf freut, dass seine Leasing-Kunden beim "Alpaufzug und Alpabzug, an der Kästeilet, beim Käsen auf dem Holzfeuer etc." dabei sein werden.

Noch, sagt Helga Wyler, die Ehefrau des Senn, könne man eine Kuh ergattern. Im Stall der heimischen Genossenschaft stehen 42 davon, 20 gehören den Wylers, und ein sattes Dutzend ist noch "frei" für diese Saison. Das Ganze ist für das Ehepaar zwar ein Experiment, aber unerfahren sind sie nicht. "Das Kuh-Leasing", sagt Helga Wyler, "machen wir im kleinen Rahmen schon seit rund zehn Jahren. Jetzt wollten wir das mal mit dem Internet probieren."

Mit Erfolg? "Ja, das ist schon verrückt. Ich habe heute schon Anfragen aus Amerika gehabt!"

Da wird man sich dann wohl beeilen müssen, wenn man am Saisonende einen schönen Käseertrag einstreichen möchte, denn natürlich schwankt die Käsemenge von Kuh zu Kuh. Nur, wer da früh genug zuschlägt, hat die Wahl: "Die Käsemenge", versichert aber der Senn, "können wir Ihnen je nach Kuh voraussagen."

Frank Patalong