Rückkauf einer Web-Legende Wired schluckt Wired.com
Mit dieser Nachricht schließt ein Kreis: Wired News, einst in einem großen Ausverkauf von seinem Muttermagazin "Wired" getrennt und an Lycos verkauft, wechselt wieder unter das Dach des Magazins. Relativ magere 25 Millionen Dollar legte der Verlag Conde Nast nach eigenen Angaben für die Newsseite auf den Tisch, die einstmals als prominenteste Nachrichtenquelle im World Wide Web gelten durfte. Jetzt hoffen Magazin wie Webseite darauf, endlich an der Ernte der Früchte beteiligt zu werden, die sie einst selbst mit ausgesät hatten.
Denn die ganz spezielle Tragik von "Wired" und den mit dem Magazin verbundenen Unternehmungen lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Sie ahnten jeden kommenden Online-Trend, bereiteten dem Web-Boom den Weg und schafften es doch nicht, daran zu verdienen. Jedenfalls nicht im gleichen Maße wie andere.
Mitte der Neunziger glaubte die Telekom noch an BTX, Bill Gates hielt es nicht für nötig, viel Geld oder Zeit in die Entwicklung eines Web-Browsers zu investieren und "Onliner" waren Menschen, die sich mit Hilfe fiepender Modems quälend langsam durch quasi Styling-freie Textwüsten surften.
"Wired", bereits im März 1993 als Magazin für digitale Kultur gegründet, leitete aus all dem die Prophezeiung eines nicht nur die Medienwelt erschütternden Umbruches ab: Bits und Bytes, so eine der Kernthesen des Magazins, würden das auf "Brick and Mortar" (Stein und Mörtel) basierende Wirtschaftsgefüge erschüttern. Information sollte "Atome" ersetzen, predigte Nicholas Negroponte, Gründer des Media Lab am MIT, Finanzier und damals Dauer-Kolumnist von "Wired".
Die Welt wunderte sich über das inhaltlich wie gestalterisch schrille neue Magazin. Verleger Louis Rossetto ließ dem Heft im Oktober 1994 mit HotWired die angeblich erste kommerziell orientierte Web-Newsseite folgen. Als "Wired" vier Jahre nach seiner Gründung und nach einem missglückten Versuch, die Firma an die Börse zu bringen, in finanzielle Schwierigkeiten geriet, setzte Rossetto weiter auf Online und leitete so seinen Abgang beim Magazin ein. Doch HotWired wurde keine Goldgrube - die Zeit für große Online-Werbeumsätze war noch nicht reif.
Im Mai 1998 verkauften Rossetto und seine Partnerin Jane Metcalf die Firma, die 1999 schnell aufgeteilt wurde: Das Magazin wechselte in den Besitz der Verlagsgruppe Conde Nast ("New Yorker", "Vogue" u.a.), HotWired, dessen Nachrichtenteil inzwischen Wired News hieß, zu Lycos.
Die Firma unter dem Logo des schnüffelnden Hundes gehörte damals - vor dem Aufstieg von Google - zu den führenden Webmarken. So wie Wired News, an denen man über Jahre nicht vorbei kam, wenn man sich für den Newsbeat des Internet interessierte. Das aber ist lang her.
Niedergang der Web-Pioniere
Denn im Web wurden die Wired-Marken bald rechts und links überholt. Slashdot war der Community näher, Google News dem Mainstream-Nachrichtenfluss. Geredet wurde über andere, neue Boom-Unternehmen und innovative Konzepte. Die Pioniere und "Helden" der frühen Web-Tage - Lycos, Netscape, HotWired u.a. - gingen teils in die Geschichte ein, teils über den Jordan. Die stärksten Marken wurden verramscht und überlebten so den Dotcom-Crash.
Auch über Wired News war selten Positives zu lesen. Erst im letzten Jahr musste die Webseite die Hälfte ihrer Angestellten entlassen - eine Scheiternsgeschichte inmitten des von "Wired" mehr als ein Jahrzehnt zuvor vorhergesagten Booms.
Dem Eignerunternehmen Lycos Inc., das nicht mit Lycos Europe verbunden ist, ging es nicht besser. 2000 wurde es erst von Terra Networks (einer Tochter der spanischen Telefonica), 2004 dann vom koreanischen Suchmaschinenbetreiber Daum Communications geschluckt. In jeder Hinsicht ist das eine Geschichte fortschreitenden, katastrophalen Wertverlustes: 1999 hatte Lycos Wired News noch für 83 Millionen Dollar in Aktien gekauft. Der Abverkauf an "Wired" und Conde Nast brachte sieben Jahre später nur noch 25 Millionen.
Noch weit schlimmer aber erging es Lycos selbst. Der Verkauf an Terra erbrachte - auf dem Höhepunkt des Dotcom-Booms - die astronomische Summe von 12,5 Milliarden Dollar. Vier Jahre später wurde Lycos für 95,4 Millionen Dollar an Daum verhökert. Die Koreaner werden nun versuchen, die Marke neu zu positionieren.
Auf Seiten der "Wired"-Marken dagegen herrscht nun eitel Freude. Geradezu euphorisch bejubeln die Geschäftsleitungen von Magazin und Newsseite die Wiedervereinigung: Da wachse wieder zusammen, was zusammen gehöre, so der Refrain. Vor allem auf Seiten der Newsseite, die seit letztem Jahr mit einer Rumpfmanschaft, viel Nachrichtenagentur-Material und gelegentlichen Autorenbeiträgen über Wasser gehalten wird, ist die Freude verständlich und glaubwürdig: Das Conde Nast den verbliebenen Redakteuren die Übernahme und Weiterbeschäftigung garantiert, ist mehr, als ihnen Lycos in letzter Zeit versprechen konnte.
Das Magazin "Wired", einst Vorreiter des Online-Publishings und paradoxerweise seit Jahren ohne echten eigenen Auftritt, hofft nun auf ein größeres Stück des Online-Profite-Kuchens, den es selbst einst mitgebacken hatte. Die Redaktionen freuen sich darauf, nach einer Phase des durch Dauer-Finanznot erzwungenen Stillstands wieder mit Ideen Akzente zu setzen.
Und Lycos? Der ehemalige Suchmaschinengigant, spätere Web-Portalbetreiber, E-Mail-Service, Homepage-Anbieter, Inhalte-Produzent? Sucht sein Heil im nächsten Trend: Lycos sei noch immer "eine der bekanntesten Internetmarken der Welt", sagt dazu Lycos-Chef Alfred Tolle, und die wolle er wieder erstarken lassen. Diesmal ganz konsequent als "Anlaufstelle für Breitband-Entertainment".