Salon "Wir sind gerne unabhängig"
SPIEGEL ONLINE:
Sie haben gestern bekannt gegeben, 2,5 Millionen Dollar frisches Kapital bekommen zu haben. Wie lange wird das reichen, den Betrieb aufrechtzuerhalten?
Scott Rosenberg: Das kann ich nicht sagen. Es hängt von unseren Einnahmen ab. Aber selbst wenn der Werbemarkt so schlecht bleiben sollte, glauben wir, dass wir mit den 2,5 Millionen die Gewinnschwelle erreichen können.
SPIEGEL ONLINE: Ebenso haben Sie gestern angekündigt, eine Eintrittsgebühr für den Diskussionsbereich TableTalk auf Salon zu verlangen. Im April haben Sie bereits Salon Premium eingeführt: Für 30 Dollar im Jahr bekommen die Leser Zugang zu besonderen Inhalten. Wie reagieren Ihre Leser darauf?
Rosenberg: Aus der Werbeflaute des vergangenen Jahres haben wir gelernt, dass es ganz schlecht ist, sich auf eine einzige Einkommensquelle zu verlassen. Mit Salon Premium und TableTalk wollen wir einen anderen Weg erschließen. Und das Klima im Internet hat sich geändert: Die Nutzer sind eher bereit zu zahlen, seit so viele Gratis-Websites verschwinden. Vor zwei oder drei Jahren konnte man das nicht machen. Heutzutage verstehen die Nutzer, dass das Geld irgendwoher kommen muss.
SPIEGEL ONLINE: Bisher sind alle Content-for-Cash-Modelle im Internet gescheitert. Das Online-Magazin Slate, das zu Microsoft gehört, hat den Versuch nach kurzer Zeit aufgegeben. Ist Salon so viel besser?
Rosenberg: Das Timing von Slate war schlecht. Sie haben es 1998 versucht. Damals platzte das Internet nur so vor Gratis-Inhalten. Außerdem hat Slate für die gesamte Seite Geld verlangt. Bei uns sind nur zehn bis zwanzig Prozent der Seite kostenpflichtig. Mit der Zeit wollen wir den Anteil zwar erhöhen, aber ein großer Teil der Salon-Inhalte wird immer gratis sein. Wir versuchen beides: Wenn Sie zahlen, gibt es Salon ohne Werbung, wenn Sie nicht zahlen, sehen Sie Banner.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind Ihre Erfahrungen mit drei Monaten Salon Premium? Haben Sie weniger Seitenaufrufe?
Rosenberg: Unsere Erfahrungen sind sehr gut. Wir haben ja auch nicht ganz Salon in eine Bezahlseite umgewandelt. Die Zahl unserer Besucher wächst weiter, inzwischen sind es 3,6 Millionen Unique Visitors im Monat. Für das erste Jahr erwarten wir, dass ein bis zwei Prozent davon den Premium-Service abonnieren, also 36.000. Bisher haben 12.000 bezahlt, damit sind wir zufrieden. Die Abo-Einnahmen sollen auch nur eine zusätzliche Quelle sein. Wir glauben, dass die Bannerwerbung nicht verschwindet. Es ist eine zyklische Branche, und im Moment sind wir ganz unten. Aber sie erholt sich wieder.
SPIEGEL ONLINE: Salon ist bekannt für lange, ausgiebig recherchierte Texte. Glauben Sie, dass diese Art von Journalismus im Web überleben kann?
Rosenberg: Wir haben immer aktuelle und unabhängige Hintergrundberichte gebracht. Ein Beispiel ist die Berichterstattung über die Auszählung der Präsidentschaftswahl in Florida. Unsere Texte sind anders als die Mainstream-Nachrichten. Das ist auch weiterhin unser Ziel. Natürlich sind unsere Ressourcen gerade etwas knapp, deshalb werden wir weniger produzieren. Die Zahl der Artikel wird abnehmen, aber nicht die Qualität.
SPIEGEL ONLINE: Sie könnten die Artikel auch einfach kürzer machen...
Rosenberg: Lange Texte haben vielleicht wirtschaftlich nicht immer Sinn. Aber Sie können auch nicht nur Fragmente und Soundbites anbieten. Kein kreativer Journalist würde sich damit zufrieden geben. Er würde gehen und etwas anderes machen.
SPIEGEL ONLINE: Für guten Journalismus braucht man gute Leute. Wie bekommen Sie die? Bezahlen Sie genauso viel wie große Zeitungen und Magazine?
Rosenberg: Wir bezahlen etwa so wie Tageszeitungen. Natürlich könnten unsere Autoren bei einem Hochglanzmagazin mehr verdienen. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir etwas bieten, was andere nicht haben. Zum einen gutes Redigieren, zum zweiten viel mehr Feedback von den Lesern. Und drittens können sie schreiben, was sie wirklich interessiert. Wir sind ziemlich offen. Viele Artikel bekommen wir von Redakteuren anderer Publikationen, die frustriert sind. Sie wollen etwas schreiben, können es dort nicht und geben es dann zu uns.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den letzten drei Monaten nur eine Million Dollar eingenommen. Kann Salon unabhängig bleiben, oder werden Sie irgendwann von AOL Time Warner assimiliert?
Rosenberg: Wir sind gerne unabhängig. Mit dem neuen Business-Plan, dem Sparkurs und der neuen Investition werden wir das auch bleiben können. Allerdings: Wenn jemand an uns herantritt und ein gutes Angebot macht, dann würden wir nicht kategorisch nein sagen. Wir würden uns das genau überlegen. Aber wir sind stolz auf unsere Unabhängigkeit.
SPIEGEL ONLINE: Die Weblandschaft hat sich in den vergangenen fünf Jahren stark verändert. Hat Salon an Einfluss gewonnen oder verloren?
Rosenberg: Schwer zu sagen. Aber ich würde sagen, einfach weil wir so viele andere Seiten überlebt haben, haben wir an Einfluss gewonnen.
SPIEGEL ONLINE: Die etablierten Verlage haben inzwischen aber auch sehr professionelle Websites.
Rosenberg: Das stimmt. Aber was uns einzigartig macht und unseren Einfluss sichert, ist die Tatsache, dass wir nicht an einen großen Verlag gekettet sind. So können wir zum Beispiel unsere Serie über Medien-Konglomerate machen. Das werden Sie nirgendwo anders besser lesen, denn die berichten ja nicht über sich selbst.
Das Interview führte Carsten Volkery, New York