"Salt Lake 2002": Die Spiele sind eröffnet - DER SPIEGEL
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"Salt Lake 2002" Die Spiele sind eröffnet

Am 8. Februar startet die Winter-Olympiade in Salt Lake City. Für Besucher ein teurer Spaß, allein die Eintrittskarten kosten bis 900 Dollar. In den eigenen vier Wänden kann jeder dabei sein: per PC oder PlayStation 2.
Von Richard Löwenstein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ohne Muskelkater und jahrelanges Training kann jeder mittendrin sein statt nur dabei, beim fröhlichen Schneegestöber. Es muss sich auch niemand wie Stefan Raab um die Staatsbürgerschaft Moldawiens bemühen: Ein PC oder eine PlayStation 2 und das brandneue Spiel "Salt Lake 2002" genügen vollkommen. Dabei handelt sich um das offizielle "Video-Game der Olympischen Winterspiele", tönt Hersteller Eidos. Und zwar das einzige, denn die Lizenz ist exklusiv. Sven Hannawald und die Namen anderer, populärer Athleten fehlen trotzdem, man balgt sich mit anonymen Wettkämpfern.

Wie das halt manchmal so ist bei Monopolisten: Sie geben sich nicht immer die größtmögliche Mühe. Denn beinahe, nur beinahe wäre "Salt Lake 2002" beseelt gewesen von jenem Geist, der Mitte der achtziger Jahre die ersten Digi-Daddler am Commodore-64-Heimcomputer zusammenrief. Damals versammelte man sich und wetteiferte bei den legendären Epyx-Titeln "Summer Games" und "Winter Games" um Medaillen. Das Schöne: Anders als bei so vielen Mehrspieler-Wettbewerben heute gab es keine echten Verlierer, niemand blieb in einer Blutlache liegen oder musste seine Truppen opfern. Es zählten nur Zeiten, Weiten, Punkte.

Keine Party vor der PlayStation

Aber zumindest bei der PlayStation-2-Fassung scheitert das fröhliche Stelldichein an einer fahrlässigen Patzerei der Spieldesigner. Die Teilnahme-Anmeldung von zwei Spielern akzeptiert "Salt Lake 2002" nur, wenn ebenso viele Steuergeräte an der Konsole angeschlossen sind; drei müssen es sein für Trios, vier für Quartetts. Skurril, wo doch bei fünf der sechs Disziplinen sowieso abwechselnd gestartet wird. Wieso ist es dann nicht erlaubt, ein Steuergerät durch die Runde zu reichen? PC-Athleten haben es besser. Sie können zu viert spielen, ohne dass sie dem Händler um die Ecke 100 Euro für Extra-Zubehör in die Hand drücken.

Auch ohne Netzwerk-Option wird "Salt Lake 2002" damit eher am PC zum Partygame. Die sechs Basis-Disziplinen Abfahrtslauf, Snowboard, Riesenslalom, Freestyle-Skiing, Skispringen und Bob bilden jede für sich eine spannende Herausforderung. Bobpiloten beispielsweise beschleunigen ihren Schlitten zunächst durch schnelles Eindreschen auf die Tastatur, ganz wie früher bei den "Summer Games". Dann müssen sie bei 130 Sachen die Spur im engen Eiskanal halten. Ein Slalomfahrer braucht dagegen Timing und Geschick, um die Tore zu treffen.

Das alles ist zunächst nicht gar so einfach. Die gut trainierten Computergegner verweisen Neu-Einsteiger erst mal auf die Plätze. Aber egal, man wird besser. Von A wie Abfahrt oder Z wie Zweier-Bob ist die Steuerung besonders auf der PlayStation 2 leicht zu begreifen, sie wirkt durchdacht, geschmeidig, raffiniert: Selbst nach Dutzenden Starts findet sich immer noch ein Kniff, um die eigene Leistung zu steigern. Noch was hält die Motivation auf Trab: Wenn Könner die konventionelle Olympiade abgehakt haben, können sie das Ganze ein weiteres Mal unter erschwerten Bedingungen erleben, mit Regenschauern, bei Nacht und dichtem Nebel.

Rekorde und Bestmarken werden mit eigenem Namen und selbstgewählter Nationalität (16 stehen zur Wahl) gespeichert, auch das tut dem Wettkampfgedanken Genüge. Interessant wäre es noch gewesen, Ergebnisse via Internet mit Spielern aus aller Welt vergleichen und sich nicht bloß beim Snowboard-Slalom direkt mit einem zweiten Spieler duellieren zu können.

Mittendrin statt nur dabei

Bemerkenswert gut gelungen ist die audiovisuelle Umsetzung der Sportarten. Erstaunlich, wie sehr die Unterschiede zwischen Realität und künstlichen Welten aus Bits und Bytes verschwimmen. Gut sehen sie aus, die digitalen Abbilder der Bobbahn im Utah Olympic Park oder der Skisprungschanze in der Snowbasin Ski Area, gerade wenn des Nachts bunte Scheinwerfer die Umgebung in stimmungsvolles Licht tauchen.

Beinahe mag man es der PR-Mitteilung abkaufen, dass die Games-Designer das Gelände auf Basis von Satellitendaten metergenau nachgebaut hätten. Nur, dass "Salt Lake 2002" eher an eine TV-Live-Übertragung als ein Videospiel erinnert, ist doch übertrieben. Dynamisch wirken die Athleten, ja, und klopfen sich nach getaner Arbeit sogar auf die Schulter oder spenden sich Trost. Doch bei allem wirken sie doch noch einen Hauch zu unwirklich und unpersönlich: Dass Atem in der Kälte kondensiert, lenkt nicht von der statischen Mimik ihrer Gesichter ab.

Dennoch handelt es sich bei "Salt Lake 2002" um die bis dato mit Abstand schönste Olympia-Simulation, und um eine unterhaltsame obendrein. Der Erfolg ist vermutlich vorprogrammiert, schließlich glänzen die fünf olympischen Ringe auf der Verpackung. Dieses Symbol brennt sich vom 8. bis 24. Februar durch die "unentkommbare" TV-Übertragung von morgens bis abends in alle unsere Gehirne. Wegzappen beinahe aussichtslos.

Eckdaten:
Die PlayStation-2-Fassung kostet rund 60 Euro, die PC-Version 50 Euro und setzt Windows 98/Me/Xp/2000, 128 MB Ram, einen Prozessor mit 450 MHz sowie eine 3D-Grafikkarte mit 16 MB Ram voraus.