Schlachtfeld Web: "Hey, Mister Taliban..." - DER SPIEGEL
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Schlachtfeld Web "Hey, Mister Taliban..."

Im Web findet der Krieg seine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Die Hauptdarsteller: neidische Extremisten, Wirrköpfe, selbst ernannte Quellen und Medien, die längst den Überblick verloren haben, was wahr sein kann und was nicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt diese Momente, in denen der Krieg in Afghanistan unmittelbarer als jeder andere Krieg der Vergangenheit direkt durch diesen dünnen Draht aus dem Web auf den heimischen Desktop schwappt.

Der Krieg kommt lustig daher: "Hey, Mister Taliban", singt er, "hand over Bin Laden." Und Präsident Bush trommelt so niedlich dazu, und dieser Dingens, dieser Außenminister singt wie Harry Belafonte.

Geschmacklos? Klar, aber auch witzig: Der unzählige Male im Web kursierende Film  ist nur einer von sehr, sehr vielen Spielen, Shock-Applets, Songs, Sketchen und Witzen, in denen es Bin Laden deftigst an die Gurgel geht. Dass all das nicht nur Trotz ist, (Galgen-) Humor oder Satire, sondern auch Effekte hat, begreift man, wenn man sich selbst beim leisen Singen erwischt: "Hey, Mister Taliban..."

Damit beginnt das Verwirrspiel

Was ist wahr, was eine Lüge? Was ist Entertainment, was ist Propaganda? Welche Quelle ist verlässlich, welche auf einem Auge blind?

4000 jüdische Angestellte des WTC, hatte es am 12. September 2001 in über das Web verbreiteten Gerüchten geheißen, hätten sich den 11. September freigenommen. Eine perfide Lüge, die kaum zu entkräften war: Es gab damals niemanden, der hätte sagen können, ob sich jemand freigenommen hatte, wie viele jüdische Angestellte es im WTC gab und so weiter.

Doch der konkreten Lüge kann man nur mit konkreten Antworten begegnen. Der Verweis darauf, dass es im WTC natürlich kein zentrales Büro zur Erfassung der ethnischen und religiösen Herkunft der Angestellten der vielen hundert Firmen gab, wäre wirkungslos verpufft. Und eine gesicherte Gegenauskunft war damals nicht zu haben. Woher aber hatten die Verbreiter der rassistischen Lüge ihr so genanntes Wissen?

Vorsicht Berlin: Heute droht der Aufstand

Aus der gleichen Quelle wie die Verbreiter des folgenden Gerüchtes, das seit kurzem die Runde macht: aus den kranken Windungen ihrer Hirne.

"Hallo", beginnt die Kettenmail ganz freundschaftlich, "ich schreibe Euch, weil ich heute ein beunruhigendes Gespräch mit einer Freundin hatte."

Die konnte dem anonymen Briefschreiber erzählen, dass es in Berlin in den letzten Wochen zu einem seltsamen Ausländerschwund gekommen sei: Iranische und türkische Ehemänner deutscher Frauen seien verschwunden und hätten Abschiedsbriefe hinterlassen. "In allen Fällen", schreibt der Informant, hätten diese Ehemänner ihre Frauen davor gewarnt, am 31. Oktober öffentlichen Plätzen zu nahe zu kommen oder U-Bahn zu fahren.

"Die Berliner Polizei ist bereits davon unterrichtet", behauptet der Briefschreiber (eine Lüge). Und fährt fort mit der Versicherung, dass "ich überhaupt nichts von Gerüchten und Panikmache und erst recht nichts von Scherzen auf Kosten der momentanen Situation halte. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich diese Mail überhaupt senden sollte, allerdings vertraue ich den Worten derjenigen, die mir dies berichtet hat."

Das ist schön und edel, und wenn am 31. Oktober in Berlin der Aufstand der abgetauchten Ausländer losbricht, werden dem Briefschreiber viele dankbar sein, mit dem Leben davongekommen zu sein. Wie schön, dass man noch jemandem vertrauen kann.

Es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, dass dies ein Hoax, gequirlter ausländerfeindlicher Mist ist. Immer mehr Durchgeknallte springen auf den fahrenden Verunsicherungs-Zug auf - und nutzen den 11. September und sein Nachspiel dazu, Stimmung gegen Bevölkerungsgruppen zu machen, die ihnen ein Dorn im Auge sind.

Selbst obskure Gerüchte finden ihren Weg in die Nachrichten. Das Fatale daran: Sie könnten wahr sein. Osama Bin Laden, heißt es heute, könnte tot sein. Oder auch nicht. Die Grenzen zwischen Humor und Hetze, zwischen Nachricht und Nonsense verschwimmen. Weiter zum Teil 2

"Hey, Mister Taliban, hand over Bin Laden":

Humor oder subtile Hetze?

Gerücht und Nachricht vermengen sich zu einem Brei, der selbst für Profis manchmal schwer zu verdauen ist. Pakistanische Hacker "defacen" US-amerikanische Website? In den Nachrichten kommt das daher, als hätte gerade Pakistan die Fronten gewechselt. Die serbischen Hacker von VirusKrew defacen NewYork.com, um zu beweisen, dass sie noch da sind - und schaffen es nur darum in die Nachrichten, weil sie die Seite mit einem Porträt Osama Bin Ladens "verzieren". Der hat zwar nichts mit Serbien zu tun, ist aber "nicht halb so schlimm wie wir".

"One bomb, two bombs, three bombs, four!"...

Durch die japanische Presse geistert seit dem 25. Oktober eine Meldung, die wohl auf eine Nachricht in der chinesischen Presse vom Tag davor zurückgeht. Darin heißt es schlicht, dass Osama Bin Laden bereits am 16. Oktober erschossen worden sei, zusammen mit dem Taliban-Führer Omar und einigen Söhnen der beiden.

Gar nicht überraschen konnte diese Nachricht die Diskutanten in diversen Usenet-Newsgroups, die darüber bereits seit dem 8. Oktober diskutieren. Liegt hier die Quelle der Nachricht oder bei der staatlichen chinesischen Propaganda? Oder haben die einen phantasiert, während die anderen nun eine brandheiße Nachricht verbreiten?

Wenn die Quelle im Usenet läge, wäre sie zumindest nicht vollständig zitiert worden: Dort weiß man nämlich auch, dass es vier Doubles Osama Bin Ladens gibt, es also gar nicht darauf ankäme, ob er (oder eines seiner Doubles) nun erschossen wurde: Alles würde einfach weitergehen.

Der Bin Laden aus dem berühmten Video war auf jeden Fall ein Strohmann, glauben viele: Warum sollte ein "Kombattant" wie Bin Laden bei einer Propagandarede die Uniform des Gegners tragen? Deutlicher (und unpassender) noch heißt es in einer Newsgroup: "Trug Churchill etwa eine SS-Uniform, wenn er vor die Presse trat? Symbole sind in Kriegszeiten äußerst wichtig."

Bin Laden als fundamentalistischer Muslim, argumentieren diese Verschwörungstheoretiker, hätte doch irgendwie arabisch aussehen müssen, oder?

Allein darüber, ob es sich nun um einen der Bin-Laden-eigenen Doubles handelt oder um einen Schauspieler, den die CIA angeheuert hat, wird man sich nicht so recht einig.

Die CIA?

Was hätte die CIA für ein Interesse daran, den Tod Bin Ladens zu verschleiern?

Das, wird so mancher gemaßregelt, der sich um ein wenig Pragmatismus bemüht, liegte doch wohl auf der Hand: Wenn es den Amerikanern oder Briten gelungen sein sollte, Osama Bin Laden zu töten, dann gäbe es kaum mehr einen Grund, den Krieg gegen den Terror weiterzuführen. Das aber läge nicht im Interesse des Westens.

Ergo: Sollte Bin Laden erschossen werden (oder worden sein), wird die CIA das verschleiern

Eine Theorie, die sich auch herrlich umdrehen lässt, und auch das geschieht: Die Taliban, gerüchteln andere, täuschen den Tod von Bin Laden und Omar nur vor, um die Amerikaner dazu zu bringen, das Bombardement einzustellen.

Und, um die Verwirrung perfekt zu machen, auch die Theorie, die Taliban täuschten nur vor, Omar und Bin Laden seien noch am Leben, kursiert.

Eine Theorie im Übrigen, die auf ein Interview in der erzkonservativen "National Review"  zurückgeht. Kathryn Jean Lopez befragte darin den amerikanischen Sicherheitsexperten James Robbins zu seiner Erklärung der umhergeisternden Gerüchte rund um die chinesisch-japanischen "Osama ist tot"-Berichte.

Robbins orakelt darin, dass so einige Dinge, die in Afghanistan seit dem 16. Oktober passierten, tatsächlich darauf hindeuteten, dass Omar und Bin Laden tot seien. Die Taliban jedoch hätten kein Interesse daran, dass dies publik würde: Sie hätten sich zur Fortführung des Kampfes gegen den Westen entschlossen.

Robbins liest sich im Übrigen ab und an ganz gern in der "National Review". In der aktuellen Ausgabe glänzt er mit einem Gastkommentar, aus dem man endlich lernt, warum man den Medien im Krisenfall das freie Berichten grundsätzlich verbieten sollte: Fakten über den Krieg seien ja nun einmal sensible Informationen, die nicht nur die eigenen Leute, sondern auch den Feind erreichten. "Kann es daran ein nationales Interesse geben?", fragt Robbins.

Seit heute orakelt der wehrhafte Herr Robbins, der lieber des- als informieren würde, wenn der Feind mithört, auch in deutscher Sprache: Der durchaus angesehene Internet-Newsdienst de.internet.com nahm Gerücht, Nachricht und Interview auf . Die weitere Verbreitung durch die Medienlandschaft ist damit gesichert.

Wie das alles zu bewerten ist?

Das bringt eben jener Mister Robbins, seines Zeichens immerhin Professor an einer Universität der amerikanischen Streitkräfte, im Interview völlig auf den Punkt: "Gerüchte und Krieg", sagt Robbins, "gehen Hand in Hand. Ohne echte Beweise weiß man nicht, was man glauben soll."

Tatsächlich. In einer neuen Medienwelt, in der jedermann - auch jeder Wirrkopf - nicht nur Leser, sondern auch Nachrichtenmacher sein kann, wäre es wohl Zeit, Skepsis neu zu erlernen. Zu fragen, "Wem nützt das, wenn es so ist"? Zu fragen, "Wem nützt es, wenn es nicht so ist"? - das hilft manchmal. Aber nicht immer.

Nehmen wir zum Beispiel diese Frage:
Wem nützt das kleine, witzige "Hey, Mister Taliban "?

Wenn Sie, Leser, darauf eine Antwort haben, dann haben Sie soeben eine Verschwörungstheorie geboren. Veröffentlichen Sie sie nicht im Internet, da herrscht schon Verwirrung genug. In der Web-Welt gehört zur Skepsis gegenüber der Nachricht auch die Skepsis gegenüber den eigenen Ideen und Schlussfolgerungen.

So wie "Mark", der die Diskussion um die Unsicherheit der Quellen in der Usenet-Group "soc.culture.afghanistan" mit einem trockenen, kurzen Statement auf den Punkt bringt:

"Elvis lebt."

So viel ist sicher.