Schnüffel-Training Denunziantenkurs im Internet
Dreimal ist das blaue Nummernschild zu sehen, jeweils für eine Sekunde. Mehr Zeit gibt's nicht, um sich die wesentlichen Infos zu merken: 853-NUX, Bundesstaat Connecticut, Registrierung abgelaufen. Alles richtig? Test Nummer eins bestanden.
"Testen Sie ihre Beobachtungsgabe" heißt es auf der Internet-Seite, die mit "rewards for justice - Belohnungen für Gerechtigkeit" überschrieben ist. Die Belohnungen verspricht das US-Außenministerium, die Gerechtigkeit soll Terroristen widerfahren. Das Ganze ist vor allem gedacht für den gemeinen amerikanischen Staatsbürger.
Ein solcher dürfte eigentlich keine Probleme mit Aufgabe Nummer zwei haben. Ein Foto zeigt den US-Präsidenten George Bush neben seinem Außenminister Colin Powell. Dennoch bleibt das Bild diesmal länger zur Begutachtung stehen. Wäre gar nicht nötig. Dass beide Staatsmänner Pins mit Stars-and-Stripes-Emblem am Revers tragen, ist seit dem 11. September alltäglich. Und die Frage, wer links und wer rechts saß, erscheint dann doch allzu läppisch.
22 Top-Terroristen, 22 Top-Schnüffler
Alles nur Taktik vor dem Tennisplatz. Hier spielt das wahre Agentenleben. Viele Menschen auf den Tribünen wollen beobachtet, drei Fragen beantwortet werden. Wie viele Menschen hatten eine rote Mütze auf? In welcher Reihe saß die Frau, die ein schwarzes T-Shirt hochhielt? Wie viele Sitzreihen gab es überhaupt?
Keiner will erfahren, dass der Court grün war, das Wetter bescheiden, der Ballwechsel langweilig. Weiß ja eh jeder. Reicht aber nicht. Agenten-Karriere adé.
1984 gab es diesen Test noch nicht, als das Programm "Belohnungen für Gerechtigkeit" aufgelegt wurde. Trotzdem kassierten seitdem Hobby-Agenten viele Dollars. In den vergangenen sieben Jahren bekamen 22 Menschen insgesamt acht Millionen Dollar dafür, dass sie Hinweise auf Terroristen lieferten, die anschließend hinter Gittern landeten.
22 Menschen sind es auch, die die USA unbedingt bald in ihren Gefängnissen sehen wollen: die "most wanted" Terroristen, darunter Osama Bin Laden. Erst in diesem Monat hat das Außenministerium daher im Inland eine große Medienkampagne gestartet, die das Programm der Belohnungen noch bekannter und die Menschen auch auf den Web-Auftritt aufmerksam machen soll.
Schwammige Ratschläge für die Big Brothers
Das Außenministerium ruft dort auf zum Big-Brother-Benehmen: "Sagen Sie uns, was Sie wissen. Wir können Sie schützen. Wir werden sie vielleicht belohnen. Sie bleiben anonym." Der Außenminister erklärt: "Rewards for justice gibt uns Millionen zusätzlicher Augen und Ohren. Es sorgt für potenzielle Informanten an jedem Ort, an dem ein Terrorist sich eventuell verstecken oder operieren möchte. Und es funktioniert."
Das wundert einen schon etwas, wenn man die Tipps bedenkt, die die Internet-Seite bereithält. Die Amateur-Agenten sollen alles berichten, das verdächtig erscheint. Was das sein soll? Ein Verhalten, das anders als üblich ist. Aha. Fahrzeuge, die stehen, wo man sie nicht erwartet. Soso. Schwammige Ratschläge wie diese sind so zahlreich vorhanden, dass sie sogar in Zielgruppen unterteilt werden. Anleitungen zum Schnüffeln für Pendler, Vermieter, Arbeitgeber, Eltern und andere.
Wer auch immer dem FBI Spitzel-Arbeit abnehmen möchte, sollte als Grundvoraussetzung übrigens den Internet Explorer von Microsoft mitbringen. Netscape-Nutzer bekommen nämlich häufig leere weiße Seiten angezeigt. Sieht die US-Regierung die Produkte des Patrioten Bill Gates einfach lieber? Oder ist schon gleich ein potenzieller Terrorist, wer Netscape nutzt?
Ansonsten gilt: Auf offene Augen kommt es an. Wer also durch Amerika fährt und das Nummernschild 001-UBL sieht, sollte Herrn Powell benachrichtigen. Schließlich heißt Osama in den USA Usama Bin Laden. Allein für den winken als Belohnung 25 Millionen Dollar.