Seelenlos: Flucht vor dem Planet der Affen - DER SPIEGEL
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Seelenlos Flucht vor dem Planet der Affen

"Planet der Affen", verspricht Ubisoft, sei ein "mitreißender Tribut an den Science-Fiction-Filmklassiker mit Charlton Heston". Das ist weise, denn dass der neue Film eher mies ist, hat sich herumgesprochen. Aber auch das neue Spiel ist irgendwie von gestern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gab einmal eine Zeit, in der es als provokant galt, auch nur auf das Thema der Evolution zu verweisen, auf jede irgendwie geartete Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier. Genauer noch: auf unsere Verwandtschaft mit den Affen.

Das ist noch gar nicht so lang her. Noch 1963 gelang es dem Schrifsteller Pierre Boulle, eine erfolgreiche Sci-Fi-Gesellschaftssatire zu schreiben, in der er der Menschheit den eigenen Fortschrittswahn vor Augen hielt, indem er - scheinbar - die Rollen von Mensch und Affe vertauschte.

Die Moral seiner Geschicht lag gerade darin, dass man sich stetig fragte, wie diese Affen jemals die Oberhand hatten gewinnen können - wo sie sich doch so heillos dämlich gegen sich und alle ihre Mitgeschöpfe verhielten. Ha, hoben sich da die moralischen Zeigefinger, genau wie wir! Das war der Unterhaltungsindustrie einen Kultfilm-Schinken mit Hüne Charlton Heston wert, vier Fortsetzungen davon (mit stetig abnehmender Qualität), eine kultverdächtig miese Fernsehserie, trivial geschriebene Romane zu den Filmen und Fernsehfolgen, zahllose Merchandising-Produkte, Comics und, und, und...

Und nun auch ein Spiel, dass mit dem Originalbuch und -film zumindest soviel gemein hat, dass es Fragen aufwirft. Wenn auch andere.

Den Aspekt der Gesellschaftssatire und -kritik kann man dabei natürlich getrost vergessen. Auch der Gedanke daran, dass wir, das Krönchen der Schöpfung, letztlich doch nur Säugetier sind, dürfte heute nur noch Fundamentalisten aller Couleur erregen: Der Rest der Menschheit hat den Glauben daran, dass wir so zu sagen Gottes tiefergelegtes Turbo-Sondermodell darstellen, hoffentlich so langsam verloren.

Bleibt die Frage, die sich heute vielleicht nicht mehr im Kino einstellt, sehr wohl aber im Laufe des Spieles zum Film, das Ubisoft letzte Woche leicht verspätet auf den Markt warf.

Verspätet, weil man den Affen-Rummel allenfalls im Vorfeld zum Filmstart noch als "Kult" verkaufen konnte. Seit klar ist, dass der in die lange Reihe von Filmen der Marke "perfekter Trick statt originelle neue Story" gehört, hat er - im Gegensatz zum Original aus dem Jahre 1968 - jeden Kult-Appeal verloren. Wie ein weltweit in identischer Qualität erhältlicher Standard-Schokoriegel schmeckt er vertraut - aber deshalb muss man ja keinen Fanclub eröffnen.

So ähnlich ist das auch mit dem Spiel

Wie anno dunnemals fragt man sich auch bei der Daddelei schnell, wie diese überaus dämlichen Affen jemals so mächtig hatten werden können. Viel zu hölzern und doof agieren sie im Spiel. Der ultimative Intelligenztest, den man ihnen angedeihen lassen kann: Man haut ihnen auf die Glocke.

Dabei stellt man schnell fest, dass

  • Schimpansen leichter zu plätten sind als Gorillas;
  • Gorillas Keulen haben, mit denen man ihnen - sobald man eine ergattert hat - noch fester auf die Glocke hauen kann;
  • der Mensch (unsere Identifikationsfigur) eine hinreichend kantige Kleiderschrank-Figur mit zombiehaften Zügen und einer klar gestörten Feinmotorik ist, der aber ganz prächtig Affen auf die Glocke hauen kann;
  • Keiner der animierten Glockenhauer menschlicher oder äffischer Bauart den Geist besitzt, auch nur den Kopf einzuziehen: Der mit dem Hirn, signalisiert uns das, sitzt vor dem Bildschirm.

Wenn dem so ist, dann wahrscheinlich nicht lange.

Wie einst im Buch und im originalen Film stellt sich nämlich schnell die Sinnfrage, nur anders: Warum sollte ich mit eckigen Bewegungen durch dieses Ganggewirr schleichen, Gefahren ausweichen, Gorillas umhauen, nützliche Gegenstände und Ausgänge suchen - ...und all das andere Zeugs, das wir in unzähligen Spielen der letzten Jahre viel zu oft getan haben?

"Planet der Affen" ist ein klassisches "Ego"-Adenture, nicht besser oder schlechter als viele seiner Verwandte. Die Gemeinde der Ego-Shooter-Fans langweilt so was in Grund und Boden, andere Spieler spricht es unter bestimmten Umständen an: Ein Star-Trek-Spin-Off wie "Voyager, Elite Force", ebenfalls von Ubisoft als Teil der tatsächlich empfehlenswerten Gold 5-Spielekollektion diesen Monat als eines von fünfzehn Spielen für insgesamt rund 70 Mark auf den Markt geprügelt, bietet da - obwohl zwei Jahre alt - eine fast identische Spielsteuerung - aber viel mehr Spannung.

Das liegt keineswegs daran, dass dieses Spiel so viel besser wäre. Es liegt daran, dass man bei Voyager den Borg auf die Glocke haut, und nicht Gorillas. Die haben zwar Fans, aber eher in Naturschützerkreisen: Borg und alles, wo Star Trek draufsteht, ist dagegen noch immer Kult. Freudig hauen wir also den Borg auf die Glocke und träumen dabei vom Weltall, von unendlichen Weiten. Wer, bitte schön, träumt vom "Planet der Affen"?

Und die Moral von der Geschicht? Ganz einfach: Eine Handlung, in der der Spieler von A nach B muss und dabei egal wem auf die Glocke haut, reicht auf Dauer nicht. Das ist so langweilig, wie das Nachkochen klassischer Filmkost. Das Genre der First-Person-Aventures krankt eben daran, dass man so jeden zweiten Film per Merchandizing auszuschlachten versucht. Das ist ein zu billiges Konzept für zu teure Spiele. Sorry, aber das ist so spaßfrei wie seelenlos.

"Planet der Affen"
Ubisoft
Action-Adventure, ab 12 Jahren
Pentium II, 300 Mhz, 64 MB Ram
Preis: 99,95 Mark

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