Segensreich Pope on demand
Darauf hat die Welt gewartet, gerade die geistliche. In Zeiten, in denen sich Pfarrer zwar immer öfter über das üppige Platzangebot in ihren Kirchen, aber immer seltener über Kirchenbesucher freuen dürfen, verheißt das Web völlig neue Möglichkeiten. Der Vatikan erkannte das bereits 1996 - und ging online.
Im Vorfeld der Papstreise nach Israel wies nun auch Claudio Giuliodori, Sprecher der italienischen Bischofskonferenz, noch einmal deutlich darauf hin, dass man Netze ja zum Menschenfischen nutzen könne und solle: "Ich weiß nicht, ob Jesus an das Internet dachte, als er seine zweifelnden Jünger hieß, ihre Netze auszuwerfen", sagte Giuliodori, "aber es ist klar, dass es uns darum gehen sollte, ihn beim Wort zu nehmen. Er lud uns ein, zu den Menschen zu gehen, wo auch immer sie sich befinden. Es steht außer Frage, dass heute viele von ihnen in den elektronischen Netzen unterwegs sind."
Wohl wahr. Und das tolle am Web ist ja, dass man jeden jederzeit und überall erreichen kann, ohne sich zu bewegen. Das versetzt den kontaktwilligen Klerus in die Lage, sich völlig neue Zielgruppen zu erschließen. Entsprechend zahlreich sind religiöse Angebote im Netz der Netze - auch wenn vielleicht nicht alle den Beifall der Kirchen finden mögen.
Dass das Web nun eine audiovisuelle 24-Stunden-Berichterstattung ohne Werbepausen über die aktuelle Papstreise ermöglicht, wird vatikanischen Beifall finden. Zwar sind kurze News-Happen von solchen Reisen auch im Angebot der Fernsehnachrichten immer wieder beliebt, aber auf eine quotenkillende mehrstündige Berichterstattung lässt sich seit dem Aufkommen des Privatfernsehens kein Sender mehr ein. Zum Glück wimmelt es im Web von tollen Angeboten - wenn auch meist in englischer Sprache.
Ein ganz besonders originelles Angebot kommt aus Israel. Das Unternehmen Net2gether bietet 24-stündige Web-Führungen über die Schauplätze der Hauptevents an, und natürlich stehen auch Visiten bei den Live-Veranstaltungen auf dem Programm. Selbst das mag auch Herr Giuliodori noch begrüßen. Dass aber das Jerusalemer Unternehmen Waytopray nicht nur einen Online-Devotionalien-Shop eingerichtet hat, sondern auch gleich eine Vielzahl an Dienstleistungen anbietet, auf die die Kirche Monopolansprüche erhebt, dürfte für Irritationen sorgen. (Der Server von Waytopray ist derzeit überlastet und kaum erreichbar!)
Zum Angebot gehört zum Beispiel der virtuelle Segen. Kostenfrei, außer man möchte, dass an einem der Originalschauplätze auch der eigene Name im Gebet erwähnt wird. Auch das Entzünden von Kerzen per Klick gehört nicht zu den Free-Be's, ist vielmehr kostenpflichtig. Das ist war auch im Dom zu Köln nicht anders, dort aber zumindest überprüfbar: Eine Webcam, die das Entzünden des Dochtes sichtbar machte, fehlt dem Angebot.
Neid dürfte dagegen der Devotionalien-Shop erwecken, da dieser so einige neue Produkte bereithält. Weder Magnete mit christlichen Motiven, noch 3D-Laser-Bilder auf Kristall hat man so bisher bewundern können. Wenig saisongerecht, aber dafür im Sonderangebot gibt es derzeit ein entzückendes 3D-Engelchen mit dem Schriftzug "Merry Christmas" für nur 59,95 Dollar zu erstehen. Womit sich das Web einmal mehr nicht nur als Message-, sondern auch als Schnäppchen-Medium erweist.
Frank Patalong