Shortnews: Wo der User Schlagzeilen macht - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Shortnews Wo der User Schlagzeilen macht

Die Website Shortnews rühmt sich selbst als die Nachrichtenagentur der Zukunft. Statt Journalisten bestimmen Internet-User, was berichtenswert ist: Jeder darf posten, was er irgendwo im Internet gelesen hat - bei minimaler Qualitätskontrolle. Ein Knüller oder ein Reinfall?
Von Fiete Stegers
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nachrichten auf den Punkt gebracht, rund um die Uhr aktualisiert und ohne Vorauswahl durch einen Redakteur: Das verspricht die Internet-Plattform Shortnews . Newsgroup-ähnlich posten über 8000 Nutzer als "Web Reporter" möglichst knapp gefasste Neuigkeiten. Dank ihrer mit Community-Punkten belohnten Zulieferer träumen die Betreiber schon davon, die größte Nachrichtenagentur der Welt zu werden. Tatsächlich sind die meisten News zusammengefasste Berichte anderer Medien, mit deren Glaubwürdigkeit Shortnews wuchert.

Aus über 1500 "Channels" können sich die Surfer ihr persönliches Nachrichtenprofil zusammenstellen – von E-Commerce über Amokläufe bis zu maltesischer Politik (1 Eintrag). Auf den Überblicksseiten werden die am häufigsten abgefragten Nachrichten präsentiert. "Welche Themen gerade populär sind, entscheidet nicht ein Einzelner, sondern die gesamte Community" – statt Gängelung und Nachrichtenauswahl durch redaktionelle Schleusenwärter gelte das Prinzip "Viele für Viele", preist Shortnews sein Konzept an. Eingespeist werden die Nachrichten wie im Usenet von den Nutzern selbst. Mitmachen kann jeder, "unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Religion", schwärmt Shortnews weiter.

Eine kurze Anleitung klärt künftige "Webreporter" darüber auf, welchen Kriterien ihre Beiträge entsprechen müssen: Vor allem kurz sollen sie sein. Schließlich rühmt sich Shortnews, die Nachrichtenflut des Internets überschaubar zu machen. Als Qualitätsmerkmal soll die Quelle – meist eine Internet-Seite – angegeben werden. Auch wenn einfaches Übernehmen mit Copy- und Paste-Funktion ausdrücklich verboten wird: Die Tätigkeit der "Webreporter" läuft in der Praxis aufs kurze Zusammenfassen anderswo gesichteter Meldungen heraus.

Beschweren sich deshalb die ausgeschlachteten Medien bei Shortnews über systematischen Nachrichten-Klau? Nein, sagt Gesellschafter Oliver Stangl, seine Firma habe sich vor dem Start im November rechtlich abgesichert: Das Zusammenfassen längerer Meldungen sei eine eigene geistige Leistung. Shortnews versteht sich laut Stangl als "Sammelbecken", nicht als Konkurrenz zu anderen Medienanbietern und führt diesen sogar noch Nutzer zu: "Zwanzig Prozent klicken auf die angegebene Quelle."

Warum, ist für Wiebke Loosen klar. "Wenn eine Nachricht von Webreporter 'Promi21' kommt, bin ich erst mal misstrauisch", meint die Kommunikationswissenschaftlerin der Universität Münster. Glaubwürdigkeit verbänden Internet-Nutzer am ehesten mit den Internet-Seiten etablierter Medien. Kritisch beurteilt Loosen, dass Shortnews vollmundig als unabhängige Nachrichtenquelle auftritt: "Da wird relativ sorglos mit journalistischen Aufgaben und Funktionen umgegangen." Eine "journalistische Basisqualifikation im Instant-Format", wie sie die Anleitung für "Webreporter" verspreche, hält Loosen nicht für ausreichend. "Ich traue Journalisten eher zu, die Glaubwürdigkeit von Quellen zu beurteilen."

Eine redaktionelle Auswahl der eingelieferten Nachrichten findet bei Shortnews nicht statt. 25 zu "Channel"-Cops ernannte Hardcore-User und 15 studentische Hilfskräfte wachen lediglich darüber, dass die Inhalte den Formalkriterien von Shortnews entsprechen. "Eine rechtsradikale Nachricht fliegt innerhalb von 10 Minuten raus", ist Stangl sicher. Auch reine Meinungsäußerungen und Schleichwerbung dürften nicht als Nachrichten verkauft werden. Das gibt Minus-Punkte für die Community-Visitenkarte des Nutzers. Bislang müssten aber nur sehr selten Texte aus inhaltlichen Gründen gesperrt werden, sagt Stangl. "Häufiger kommt es vor, dass News doppelt sind" – etwa wenn mehrere User innerhalb von Minuten die gleichen Fußballergebnisse posten.

Seine Aktualität stellt Shortnews als entscheidende Stärke gegenüber anderen Nachrichtenangeboten im Internet heraus. Wiebke Loosen schränkt ein: "In Nischen mag das sein. Viele Surfer finden natürlich viel." Vor allem im netzspezifischen, anwendungsorientierten Bereich, wo User-Wissen gut verwertet werden könne, sieht sie die Stärke von Shortnews.

Tatsächlich ist der Bereich Hightech mit rund zehnmal so vielen Beiträgen wie in den Rubriken Politik oder Kultur am umfangreichsten. An zweiter Stelle kommt die Kategorie Entertainment. Top-Thema in der User-Gunst ist die Containershow "Big Brother". "Das ist eben vergleichbar mit den Einschaltquoten im Fernsehen", kommentiert Loosen. Die Nachrichtenauswahl durch das Publikum garantiert aber nach Auffassung der Wissenschaftlerin keine umfassende Information.

Eine große Nutzerzahl findet aber offenbar Gefallen am Shortnews-Konzept. "Größer als die 'Zeit online' sind wir", gibt Oliver Stangl als Hinweis auf die Nutzerzahlen an. Ihre 2,3 Millionen Pageimpressions (April) will die Firma über Werbebanner jetzt in klingende Münze umsetzen. Außerdem sollen die Nachrichten für einen WAP-Service und als Content für andere Internet-Seiten weiter vermarktet werden. Die Webreporter profitieren davon wenig: Wer Nachrichten schreibt oder andere kommentiert, erhält Community-Punkte, die er gegen Sachpreise eintauschen kann. "Für die User rechnet sich das nicht", weiß auch Stangl: "Für sie zählt der Spaß-Effekt."