Sicherheitslücke: Lauschangriff durch den PC - DER SPIEGEL
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Sicherheitslücke Lauschangriff durch den PC

Einem Fernsehteam gelang es, die Grünen-Politikerin Angela Beer über einen Heim-Computer abzulauschen. Das Experiment zeigt eklatante Sicherheitslücken bei serienmäßigen PCs.
Von Susanne Härpfer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Angelika Beer baut ihr Handy auseinander. Wie immer, wenn die rüstungspolitische Sprecherin der Grünen ein vertrauliches Gespräch führt. Sie ist besonders sicherheitsbewusst, seit im vergangenen Jahr auf sie ein Attentat verübt wurde. Drei Sicherheitsbeamte des Bundeskriminalamts (BKA) bewachen die Politikerin rund um die Uhr (Sicherheitsstufe 1).

Doch kürzlich offenbarte ein Experiment eine Sicherheitslücke, mit der die Politikerin und ihre Bewacher bisher nicht gerechnet hatten: Per E-Mail und Internet können halbwegs informierte Computer-Laien serienmäßige PCs und Notebooks mit eingebautem Mikrofon in eine heimtückische Abhörwanze verwandeln. Jedes Gespräch, das nach Aktivierung des Computers in dessen Umgebung geführt wird, kann dann aus der Ferne per Handy oder Telefon abgelauscht werden.

Für das Experiment hatten Mitarbeiter des WDR die Grünen-Politikerin und Computersicherheitsexperten in ein Berliner Hotel eingeladen. Dort hatte das Team eine handelsübliches Notebook aufgebaut, das wie so viele neue Computer serienmäßig mit einem Mikrofon ausgestattet war. Zum Online-Gebrauch war das Gerät per Modem und Kabel ans Telefonnetz angeschlossen. In einem anderen Raum saß ein Computerexperte und startete den Lauschangriff.

"Ich habe Frau Beer eine E-Mail mit einer Virenwarnung geschickt", erläutert Peter Feil; Experte für Computersicherheit. Arglos öffnete sie die E-Mail des vermeintlichen Systemadministrators. Damit war das Notebook "scharf". Jede Unterhaltung, die sie führte, wurde von nun an über Computer und Telefonleitung auf Feils Telefon übertragen - in perfekter Tonqualität.

Bernd Bühner, Geschäftsführer von Control Risks Deutschland, weiß, dass so etwas möglich ist. "Wir ernten oft Unglauben, wenn wir unsere Kunden warnen, dass sie über ihren eigenen PC abgehört werden können", seufzt der Praktiker. "Die halten das für eine Räuberpistole."

Zu Unrecht. Das Verfahren ist allerdings nur Wenigen bekannt. Zwar hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Handys abgehört werden können. Auch bei Telefonanlagen kann die Raummithörfunktion aktiviert werden; quasi wie beim Babyfon. Genauso einfach, zumindest für Computerfachleute, ist es aber auch, die Multimediaausstattung moderner PCs zu manipulieren.

Herkömmliche Schutzprogramme sind wirkungslos

"Die Anbieter freier E-Mail-Adressen machen es Hackern viel zu leicht", klagt Peter Feil. Der Experte hatte sich bei einem solchen Anbieter als Systemadministrator, Abteilung für Virenschutz angemeldet - mit dem fiktiven Geburtsdatum 1900. Dennoch war die Registrierung erfolgreich. Dann versteckte er in einem Brief an Angelika Beer ein so genanntes trojanisches Pferd und erlangte so die Kontrolle über den fremden Rechner.

Das eingebaute Mikrofon öffnete sich. Gleichzeitig wählte der infizierte Computer Feils Telefonnummer und stellte so die Verbindung her, die Computerwanze war aktiv. "Keines der gängigen Virenschutzprogramme oder Intrusion Detection-Systeme hat mein Eindringen bemerkt", sagt Peter Feil. Kein Wunder. Denn Virenscanner schlagen nur Alarm bei Eindringlingen, die ihnen bekannt sind. Neue Formen des Missbrauchs bleiben so zunächst unentdeckt.

Ein Schock für die Bundestagsabgeordnete. "Wenn es für jeden so einfach ist, mich abzuhören, werde ich ja politisch handlungsunfähig", empört sich Angelika Beer. Wenn nicht der Sicherheitsfachmann Peter Feil von der Firma BOV die Politikerin abgehört hätte, sondern ein Krimineller, Spion oder ein politischer Gegner, was hätte passieren können?

"Dann hätte es zu diplomatischen Verwicklungen kommen können", erschrickt Beer und fragt: "Muss ich denn zur Schreibmaschine zurückkehren?"

So radikales Handeln ist nicht nötig. Es genügt, bei wichtigen Gesprächen Computer mit Mikrofon aus dem Zimmer zu verbannen. Es reicht allerdings nicht, nur das Mikrofon auszuschalten. Denn Angriffsprogramme können jederzeit das vorhandene Mikrofon aktivieren - unbemerkt.

Schwachstelle im System

"Das Hauptproblem ist die so genannte capi", erläutert Feil, der Sicherheitskonzepte für die Wirtschaft erarbeitet. Fast jede ISDN-Anwendung eines PC in Deutschland basiert auf dieser Programm-Schnittstelle, kurz capi genannt. Es müssten mehr Schutzmaßnahmen bei den PCMCIA-Karten für ISDN-Anschlüsse implementiert werden, fordert Feil. Diese Karten im PC ermöglichen den Zugang zum Internet. Aber nicht nur das, sie sind gewissermaßen das Einfallstor in den Rechner.

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