Deutscher Konzern im Wandel SAP eifert Google nach
Schon am frühen Morgen waren sie in Bussen von der nahe gelegen Silicon-Valley-Niederlassung des Konzerns angekarrt worden, um der Umbenennung einer der größten Veranstaltungshallen Nordkaliforniens beizuwohnen. Sie heißt ab sofort nicht mehr Hewlett-Packard-Pavillon, sondern SAP-Center.
Die Stimmung ist aufgekratzt. Jonathan Becher, globaler Marketingchef, betritt die Bühne. Er ruft ins Mikro: "Wir wollen nicht mehr nur dazu beitragen, Unternehmen besser zu steuern. Wir wollen die Welt neu erfinden! Wir sind eine Macht, mit der man rechnen muss!"
Start-ups werden massiv umworben
Meine Kollegin Michaela Schießl und ich haben in den vergangenen Wochen für eine große Reportage im aktuellen SPIEGEL viel Zeit bei SAP verbracht. Wir haben mit Vorständen und Aufsichtsräten, Entwicklern und Betriebsräten und natürlich Hasso Plattner gesprochen. Wir haben dabei einen Konzern erlebt, der sich grundlegend wandelt. Entwicklungszyklen werden radikal verkürzt, von Jahren auf wenige Wochen. Statt weniger riesiger Software-Pakete für Konzerne sind zahllose kleine Apps für alles und jeden gefragt. Start-ups und externe Entwickler werden massiv umworben.
"Intellektuelle Erneuerung" lautet das Schlagwort, das in diesen Tagen überall bei SAP zu hören ist. Herbeiführen soll sie Vishal Sikka, oberster Technologiechef des Konzerns und Zögling des Gründerpatriarchen Hasso Plattner. Sikka wuchs als Sohn eines indischen Eisenbahners auf, promovierte an der Elite-Uni Stanford und gründete zwei erfolgreiche Start-ups, bevor er 2002 zu SAP kam. Der Inder sagt, er fühle sich sehr wohl bei einem Konzern mit "deutscher Seele". In seinem Büro steht ein signiertes Foto von Steffi Graf, dem Idol seiner Jugend. Gerne zitiert er aus Hermann Hesses "Siddharta" oder philosophiert über die Quantentheorie oder Albert Einstein.
"Direkter Kontakt zum Konsumenten"
Sikka soll für den detailverliebten Konzern in großen Bahnen denken. "Alle Dinge werden zunehmend durch das Digitale ersetzt, Atome werden zu Bits, das ist die große Verwandlung, die um uns alle herum derzeit stattfindet", sagt Sikka. "Wir werden zunehmend durch Software regiert." Die Aufgabe von SAP sei es, diesen Prozess zu begleiten, "der Welt zu helfen, sich durch Software neu zu erfinden."
Gelingen soll das vor allem dank Hana, der neuen Datenbank-Technologie des Konzerns. Mit ihr können große Datenmengen erheblich schneller als bisher analysiert werden. SAP könne nun "völlig neue Sachen bauen, die wir nie zuvor gemacht haben, die in vielen Fällen auch technisch gar nicht möglich waren". Sikka sagt, SAP wolle sich keinesfalls mehr nur auf Unternehmenssoftware beschränken. Er spricht von Anwendungen für das Gesundheitswesen, Sport und werdende Mütter. Es geht "um den direkten Kontakt zum Konsumenten".
So hat SAP jüngst etwa eine Anwendung für die San Francisco 49ers gebaut, mit der das Management des Football-Teams neue Spieler-Einkäufe analysiert. Eine App für die amerikanische Basketball-Profiliga NBA bereitet Spieler-Statistiken auf.
"Ihr könnt hiermit entwickeln und verkaufen was ihr wollt"
Hinzu kommt: Hana ist eine Plattform, ein "offenes Ökosystem", betont Marketingchef Becher. SAP sei damit erstmals nicht mehr eingeschränkt auf die eigenen Entwickler. "Wir gehen damit nach draußen, zu Tausenden kleinen und großen Unternehmen und bieten an: Ihr könnt hiermit entwickeln und verkaufen was ihr wollt."
Fast 500 Start-ups konnte der Konzern bereits dafür gewinnen, Software auf Basis von Hana zu entwickeln - darunter etwa Anwendungen zum Hochgeschwindigkeitshandel an Börsen oder zur Fehlerbehebung bei Robotern. "Unser Ziel muss es sein, jeden Software-Entwickler auf dem Planeten für unser Ökosystem begeistern zu können", sagt Becher.
"Zwang zur Schnelligkeit"
Die großen Pläne bedeuten dabei aber: Alles muss viel, viel schneller werden. "Die Menschen sind ungeduldig mit Technologie geworden", sagt Sikka. Als Beispiel nennt er Waze, eine Navigations-App entwickelt von einer kleinen israelischen Firma. "Innerhalb eines Jahres hatten die Millionen Nutzer." Vor wenigen Wochen hat Google die Firma für rund eine Milliarde Dollar gekauft.
"Neue Produkte werden in unglaublich kurzer Zeit angenommen", sagt Sikka. Die Spielregeln für die IT-Branche haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Verbesserungen müssen in kleinen, ständigen Happen statt mit einem riesigen Update serviert werden. Wer sich zu viel Zeit lässt, wird überholt. Bei SAP habe man das of genug gesehen in den vergangenen zehn Jahren:"Viele unserer Produkte haben nicht funktioniert." Die neue Philosophie bei SAP heiße deswegen: "Zwang zur Schnelligkeit".
Doch mit der Geschwindigkeit steigt auch der Druck. Viele fühlen sich angesichts des geforderten Tempos zunehmend wie ferngesteuerte Kodierknechte. "Die Mitarbeiter werden verheizt", klagt Betriebsrat Ralf Kronig und verweist auf die steigende Zahl der Langzeitkranken in der Firma. Die Schlagzahl wird aber künftig eher noch steigen. Das Ziel bis 2020: eine Gewinnmarge von 35 Prozent.
Die ausführliche Geschichte über den Wandel von SAP und die Folgen für die Belegschaft gibt es jetzt im aktuellen SPIEGEL.