Simulations-Schau: Schlepper, Laster, Düsenjets
Simulations-Messe Mit dem Schleppkahn durch Paris
Einige Kilometer vom Pariser Großflughafen "Charles de Gaulle" steuert Kopilot François einen A320 im Anflug: "Full Flaps, gear down". Die Checkliste zur Landung wird routiniert abgerufen, die Crew im Cockpit bedient Schalter, François schiebt den Hebel für das Fahrwerk nach unten. "Du bist zu hoch", ruft Gérard Gaillard seinem Flugschüler zu, während Kontrolllichter blinken und eine automatische Stimme die Höhe über dem Boden ansagt, "weniger Schub, Nase runter".
François umklammert den Joystick, korrigiert den Anstellwinkel, und nur Sekunden später setzt die Maschine mit ziemlichen Krachen auf der Betonpiste auf. Der junge Mann legt die Regler auf "Reverse", mit heulenden Triebwerken kommt der Airbus zum Stehen. "Na immerhin keine Bruchlandung", kommentiert Gérard das wenig elegante Manöver, während sich François erschöpft aber glücklich die klammen Handflächen wischt.
Die Landung mag schweißtreibend sein, gefährlich war sie nicht eine Sekunde. Denn Anflug und Touchdown finden auf festem Boden statt, das Cockpit der A320 ruht gut verschraubt in der Ausstellungshalle des Pariser Museums für Luft- und Raumfahrt. Und François erlebt den Stress nicht im Beisein besorgter Passagiere, sondern nur unter den Blicken kenntnisreicher Zuschauer: Zum vierten Mal laden die Organisatoren der "Mondial Simulation" Fans der virtuellen Realität in die Hangars am Flughafen "Le Bourget".
20 Millionen Euro Staatsförderung für die nachgeahmte Wirklichkeit
Hier stehen originale Exponate der Fluggeschichte: Zwei- und Dreidecker aus den Pionierzeiten der Luftfahrt, Passagier-Klassiker wie die Caravelle oder Düsenjäger der Baureihe Mistral und Mirage. Dazwischen drängen Profis und Amateure des "serious gaming" vor täuschend echten Jet-Cockpits.
Kinder, Studenten und vor allem gestandene Familienväter versuchen sich an Fahrständen von Schiffen und Eisenbahnen oder brettern hinter dem Lenkrad des Citroeën-GT über internationale Rennstrecken. Bedächtigere Fahrer lassen sich auf die nicht minder große Herausforderung ein, schwere Trucks über Europas Autobahnen zu steuern, während abenteuerlichere Gemüter den Raumflug der "Apollo 11" nachvollziehen.
"Vom Virtuellen zum Reellen", heißt das Motto des Salons, und die wachsende Zahl der Aussteller beweist die Bedeutung der Branche - genauso wie die Schirmherrschaft von Nathalie Kosciusko-Morfizent, in der Regierung zuständig für die Entwicklung der Computerindustrie. Immerhin hat die Staatssekretärin für 40 Projekte der Spiel- und Profi-Simulation 20 Millionen Euro lockergemacht, damit Frankreichs Firmen "den Rückstand aufholen gegenüber den Märkten jenseits von Ärmelkanal und Atlantik".
Die Investition dürfte sich lohnen, denn die virtuelle Realität spielt nicht mehr nur bei der Ausbildung von Piloten, Zugführern oder Kapitänen eine zentrale Rolle; es gibt kaum einen Bereich in Industrie oder auch Verwaltung, der nicht per Computer-Modell nachempfunden werden kann, gleich ob Nuklearversuche, chirurgische Eingriffe oder selbst Haarschneiden.
Schlepper-Konvoi zieht am Louvre vorbei
"Boooooho" dröhnt das Horn durch die Messehalle: Kommandant Didier Blanchon steht neben dem Fahrstand auf der Brücke eines Schleppers und beobachtet, wie ein Messebesucher seine tiefliegende Schute auf der Seine mitten durch das Zentrum von Paris bugsiert. Eiffelturm und Louvre werden sichtbar, unter der Brücke Alexandre III wird es eng: Gegenverkehr, Gefahr durch Ausflugsdampfer oder Freizeityachten machen die Fahrt des 110 Meter langen Konvois zur wahren Herausforderung.
"Dabei haben wir die Strömungen noch gar nicht einprogrammiert", sagt Alain Pourplanche, Leiter beim Studienzentrum für Meeres- und Strömungstechnik in Paris. Seine Experten haben die mathematischen Modelle entworfen, mit deren Hilfe angehende Kapitäne der Binnenschifffahrt realitätsnahe Erfahrungen sammeln. "Ohne das Training am Computer wäre die Ausbildung unserer rund 50 Studenten gar nicht denk- und finanzierbar", so Pourplanche.
Simulation inklusive Schleudersitz
Mit Blick auf möglichen Nachwuchs hat auch die französische Luftwaffe ihren Stand organisiert. Sechs Mirage-Cockpits warten auf Freizeitpiloten, die sich gut fünf Minuten so fühlen dürfen, als seien sie Piloten bei der berühmten Kunstflugstaffel "Patrouille de France". Gleich neben der Simulation, die eher einer schlichten Jahrmarktattraktion gleicht, hat die Luftwaffe ein echtes Cockpit aufgebaut, Schleudersitz inklusive.
Beim nachgeahmten Notfall wird der Amateurpilot mit Zischen und Pfeifen in die Luft gejagt - allerdings nur 80 Zentimeter. "Wir wollen die jungen Leute über die Möglichkeiten einer beruflichen Karriere bei uns informieren", erklärt Oberst Eric Gagnepain das Engagement der Militärs. Nicht zu übersehen: "Die Luftwaffe rekrutiert!" steht am Stand nebenan.
Selbst die Zivilluftfahrt dürfte vom Interesse der "ernsthaften Spieler" profitieren. PC-Piloten beginnen oft mit Software wie dem Microsoft Flight Simulaor oder X-Plane, investieren dann in aufwendigere Zusatzgeräte wie Steuerhorn und einer echten Cockpit-Umgebung nachempfundene Instrumente und gewinnen damit am Boden den Geschmack für das echte Fliegen - vom "Virtuellen zur Realität", das Messe-Motto bewahrheitet sich.
Ein Wackel-Cockpit für 12.000 Euro
Auch Damien, der am Steuerhorn seiner Cessna auf die Landebahn von Chamonix zudreht, hat angebissen. "Ja, Fliegen könnte mich schon interessieren", sagt er im Cockpit der einmotorigen Maschine, während er Umdrehungen und Kraftstoffmischung regelt. Sein Kumpel Alexandre, 737-Pilot bei der "Euro-Airpost", hat es schon geschafft. Für die Ausbildung kann das Training am Heim-Simulator allerdings "nur der erste Schritt" sein, schon weil die Bewegungen des Flugzeugs bei den Cockpit-Nachbauten nicht nachempfunden werden.
Wer die perfekte Illusion vom Fliegen will, braucht daher in allen vier Achsen bewegliche Sitze und mehrere Monitore, die das luftige Erlebnis optisch rundum erfahrbar machen. Auch diese Technik gibt es auf der "Mondial" zu bestaunen: "Industrie Design Simulation" etwa bietet mechanisch gesteuerte Sitze, bei denen das Fliegen auch physisch nachvollziehbar ist. Der Preis für derart anspruchsvolle Installationen: Je nach Ausstattung ab 12.000 Euro - da bleiben die meisten am Boden der wirtschaftlichen Wirklichkeit.