Sitefinder: Kidnapping im Netz - DER SPIEGEL
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Sitefinder Kidnapping im Netz

Wer sich bei der Eingabe von Webadressen vertippt, landet gemeinhin auf einer "Error"-Seite. Die Firma VeriSign hat darin ein Geschäft entdeckt: Sie leitet Irrläufer um zu einer Kommerzseite - und macht damit Millionen.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

www.Googglle.com - uups, vertippt. www.Ammazon.com - knapp daneben. www.Yahooia.com - hoppala, schon wieder nix.

20 Millionen derartige Tippfehler sollen Studien zufolge alleine im Dot-Com- und Dot-Net-Adressbereich des Netzes tagtäglich im Digi-Nirvana landen. "404 - File not found" respektive "Seite kann nicht angezeigt werden" verlautet es in solchen Fällen seit den Frühtagen des Netzes schnöd-weiß im Browser-Fenster.

Nicht mehr.

Wer sich seit Mitte des Monats bei der Eingabe einer .com- oder .net-Internet-Adresse vertippt oder eine nicht registrierte Domain ansurft, strandet automatisch bei einem still und leise aus der Taufe gehobenen Service der Silicon-Valley-Firma VeriSign. Die kann das, weil sie als von der Internet-Verwaltungsbehörde Icann bestallter Registrar für die .com- und .net-Adressräume wie eine Spinne im Netz sitzt. An VeriSign ist kein Vorbeikommen im .com-Raum. Ihr neuester Dienst nennt sich "Sitefinder", und das kann man wörtlich nehmen: er offeriert dem verirrten Surfer "Alternativ"-Webseiten, wo eigentlich keine sind - ob er will oder nicht.

Ganz uneigennützig, versteht sich, und "rein der Bequemlichkeit halber für die Internet-Nutzer", wie VeriSign-Sprecher Jim Hock beteuert: VeriSign, Muttergesellschaft des vom US-Handelsministerium mit der Verwaltung der zwei beliebtesten Top-Level-Domains (TLD) betrauten Firma Network Solutions (NSI), habe sich schließlich schon seit Jahren dem Ziel verschrieben, "die Bedienung des Netzes zu vereinfachen." Fehl-Anfragen werden daher jetzt einfach zum hauseigenen Online-Dienst umgeleitet, der dazu gleich noch eine Suchmaschine bereitstellt.

Such-"Dienst": Kunde ist der, der zahlt

Die ist nicht minder kommerzgeschwängert als die Auswahlseiten: Alternativen werden keinesfalls nach Relevanz, sondern schlicht nach Mammon selektiert. Suchanfragen an die gekoppelte Search-Engine listen etwa beim Stichwort "Yahoo" das Info-Portal auf Position zehn hinter Anbietern wie Airandhotel.com, Telcomcomplete.net oder Access-the-web.com.

Es dauerte nur Stunden, bis VeriSign den Zorn der gesamten Netzwelt auf sich vereinte. "Kidnapping samt Chaos" schreien die obersten Internet-Behörde Icann, das Internet Software Consortium ISC, das Web-Standardisierungsgremium IAB und internationale TLD-Verwalter unisono - die zudem auch um die Stabilität und Sicherheit der Internet-Architektur bangen.

Hauptbedenken in technischer Hinsicht: Die klammheimliche Umleitung auf die VeriSign-Suchseite erhöhe den gesamten Netzverkehr, anstatt lokale Fehlermeldungen zu generieren. IT-Administratoren klagen über das reine Chaos in ihren Netzwerken, da zahlreiche Applikationen bei Fehlkonfigurationen eben auf diese Fehlermeldungen und nicht auf "Redirecting" angewiesen sind. Mobil-Internet-Firmen beklagen Datenüberschwemmungen; Anti-Spam- und Datenschutz-Advokaten mahnen an, VerSigns Integration des auch "Wild Card" genannten Dienstes würde das Versenden von Spam-E-Mails erleichtern sowie kritische Nutzerdaten samt Passwörter aus .com- und .net-Fehlanfragen an VeriSign übermitteln.

Umleitung der Umleitung

Das ISC reagierte seinerseits auf die Beschwerdeflut mit einem Software-Patch, der den Kommerz-Umleiter blockiert und stattdessen wieder lokale Fehlerhinweise liefert. Über 17.000 Mal soll gemäß ISC-Präsident Paul Vixie der Programm-Fix schon heruntergeladen worden sein

"Noch schwerwiegender als die technischen Probleme wiegt jedoch, dass VeriSign das Vertrauen in die Kultur und Standards des Netzes verletzt", sagt Vixie. "Bislang konnte sich ein Unternehmen darauf verlassen, dass kein Konkurrent durch die Registrierung ähnlich lautender Firmen- oder Markennamen Zugriffe abgräbt." Nun jedoch verhökert die NSI-Mutter diesen Trash-Traffic hochoffiziell an den Höchstbietenden. "Der so oder so schon priviliegierte Monopolist VeriSign nutzt seine Position schamlos aus", wettert Icann-Sprecherin Mary Hewitt. "Das darf einfach nicht durchgehen."

Von Internet-NGOs bis zum US-Handelsministerium reicht die Front der VeriSign-Kritiker - bisher ohne jeden Effekt. Die Klagen häufen sich, doch VeriSign sieht Prozessen kühl entgegen: Vorerst rollt der Rubel, und nicht zu knapp. Weiter...

Gemeinsam fühlte man sich stark und machte VeriSign ordentlich Dampf - bislang jedoch ergebnislos. Offenen Beschwerdebriefen, Abmahnungen, mindestens zwei Unterlassungsklagen und drohendem juristischen Ungemach seitens des US-Handelsministeriums zum Trotz ist der "Seiten-Finder" weiter munter online - der offensichtlich zahnlose Tiger Icann und die anderen Netz-Guru-Gremien gleichzeitig ziemlich blamiert. Andere Firmen wie der US-Domain-Administrator NeuStar, der sich an einem vergleichbaren Service versuchte, waren dagegen unter ähnlichem Druck schnell eingeknickt.

Staat und NGOs machtlos?

Nicht so VeriSign - Branchenbeobachtern zufolge schon seit Jahren einer der "Bad Boys" im Online-Zirkus. Dieser Tage stehen die Kaliforniern etwa auch seitens der US-Wettbewerbsbehörde FTC unter Beschuss: VeriSign habe .com- und .net-Domain-Inhaber mit bewusst verwirrenden E-Mails bezüglich der Verlängerung von Registrierungen getäuscht und eine Gebührenüberweisung gefordert. Am Mittwoch wurde die Webfirma nun zur Entschädigung Irregeführter verdonnert.

Der pikante Sitefinder-Konflikt scheint sich dagegen nicht so schnell aus der Welt räumen zu lassen. Fast zwei Wochen dauert der groteske Streit um den Falschtipp-Eliminierer nun schon an. Icann und Department of Commerce prüfen nach wie vor ihre juristischen Optionen - die gemäß Icann-Kritikern wie Karl Auerbach oder Harald Alvestrand von der Internet Engineering Task Force (IETF) aufgrund laxer Verträge jedoch sehr begrenzt sind. "Die Rechtslage ist ziemlich verzwickt", muss auch Hewitt zugeben.

"Wenn die ICANN trotz all dieser technischen und konzeptionellen Probleme Sitefinder nicht lahm legen kann, sendet das das verheerende Signal aus, dass sich Domain-Verwalter alles erlauben können", erklärte Harald Alvestrand gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Wenn überhaupt, ist eine Schlichtung des Zwists frühestens nach einer für kommende Woche eigens wegen Sitefinder in Washington anberaumten Expertenkonferenz zu erwarten. Auch der letzten schriftlichen Icann-Forderung, den Fehltast-Eliminierer unverzüglich abzuschalten, kam man in Mountain View nicht nach. "Wir sehen keinen Grund, den Dienst offline zu nehmen", gibt sich Hock vielmehr stur.

Der Handel mit Irrläufern boomt

Schließlich avanciert dieser längst zum Goldesel: Seit Start sollen 65 Millionen Web-Nutzer Sitefinder in Anspruch genommen haben; elf Millionen Mal soll die Suchmaschine genutzt worden sein. Analysten gehen davon aus, dass der kontroverse Kidnapper-Service jährlich dreistellige Millionenbeträge zusätzlich in die VeriSign-Kassen spülen dürfte.

Und damit macht sich VeriSign gleich zwei weitere Feinde: AOL und Microsoft. "Bislang floß das Gros dieser Einnahmen in deren Taschen", sagt Vixie. Die beiden IT-Titanen machen schon seit Jahren Kasse mit über entsprechende Browser-Funktionen zwangsumgeleitetem Fehlverkehr auf eigene Suchdienste. Microsoft zeitweise sogar derart erfolgreich, dass die MSN-Findemaschine in Zugriffstatistiken den Such-Meister aller Klassen, Google, überflügelte. Sitefinder schnappt AOL und Microsoft den Falschtipp-Traffic nun vor der Nase weg.

Im Gegensatz zu den Rivalen Popular Enterprises - der klagt auf Schadensersatz in Höhe von 100 Millionen Dollar - und Go Daddy haben weder Microsoft noch AOL ihre Justitiare bemüht. Bislang zumindest. "Damit ist aber noch zu rechnen", sagt Vixie. "Wenn die Icann den Dienst schon nicht alleine stoppen kann, kann zusätzlicher Druck nicht schaden, Sitefinder endlich den Garaus zu machen."