Sofa-Fußballer: Bolzen wie Beckham - DER SPIEGEL
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Sofa-Fußballer Bolzen wie Beckham

Statt sich auf dem Rasen zu quälen, lümmeln sie den ganzen Tag auf dem Sofa und zählen trotzdem zur Fußball-Weltklasse. Was passionierte Gamer auf ihrer Spielkonsole treiben, ist virtueller Spitzensport - sehr zur Freude der Spiele-Industrie, die den E-Sport-Boom nach Kräften fördert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dominik ist acht Jahre alt und hätte es am Samstag in Hamburg beinahe bis ins Endspiel geschafft. Im Viertelfinale schoss er seinen 31 Jahre alten Gegner mit 1:0 aus dem Turnier, im Halbfinale bekam die von ihm dirigierte Mannschaft, Bayern München, eine katastrophale 10:0-Packung. Dominik konnte die Schuld nicht mal auf Olli Kahn schieben, denn jede Bewegung des Bayern-Torwarts steuerte er selbst, über den Controller seiner Spielkonsole, auf der das Fußballspiel "Fifa Football 2005" läuft. Trost spendete ihm nach dem Desaster sein Vater, der ihn vergebens angefeuert hatte.

So wie Dominik zocken Millionen Kinder und Jugendliche weltweit jeden Tag ein oder mehrere Stunden an PC oder Konsole. E-Sport, so nennt ihn die Spielebranche selbst, um Ernsthaftigkeit und Ambitioniertheit zu unterstreichen, boomt - besonders in Deutschland. Bei den World Cyber Games in San Francisco, der inoffiziellen Weltmeisterschaft, konnten sich die Deutschen zwar nicht mehr - wie noch im Vorjahr - als die erfolgreichste Nationalmannschaft behaupten. Doch die Bilanz war trotzdem beeindruckend: Ein erster Platz im Raserspiel Need for Speed Underground, ein zweiter beim Egoshooter Unreal Tournament 2004 und ein dritter bei Fifa 2004, gespielt allerdings auf dem PC und nicht an der Konsole.

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Sofa-Fußballer: Der beste interaktive Kicker

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Microsoft gehört mit seiner Xbox zu den ganz Großen im Spielgeschäft, das mittlerweile mehr Umsätze generiert als die Filmindustrie. 60 Euro kostet in der Regel ein neues Spiel für die Konsole - und die Kids kaufen. Noch dicker im Spielebusiness als Microsoft ist Sony, dessen Konsole Playstation 2 seit Jahren den Markt dominiert.

Microsoft hat schon eine Menge Geld investiert, um das zu ändern. Neuestes Projekt ist eine interaktive Fußballweltmeisterschaft, die vom Fußballverband Fifa und Electronic Arts, dem Hersteller von "Fifa Football 2005", unterstützt wird. In Deutschland laufen derzeit die Vorrunden, so wie am Samstag und Sonntag in Hamburg. Der deutsche Sieger tritt am 19. Dezember in Zürich an, um gegen Gamer aus anderen Ländern um den Titel "Interaktiver Weltfußballer" zu kicken.

Das Erfolgsgeheimnis sind nicht schnelle Beine, sondern flinke und gleichzeitig feinfühlige Finger. Und natürlich, wie bei den echten Fußallern, die Taktik: "Das wichtigste, ist offensiv zu spielen", sagt Philipp Rodowski, ein 17-jähriger Gymnasiast aus Quickborn bei Hamburg. Rodowski spielt immer Juventus Turin, jeder hat halt seine Lieblingsmannschaft, und am Wochenende in Hamburg war Juventus das erfolgreichste Team.

Nach dem Sieg durfte Rodowski sich sogar ein bisschen fühlen wie ein echter Star: Ein Premiere-Kamerateam befragte ihn nach seiner Spieltaktik, am Sonntag vor dem Bundesligaspiel Hamburger SV gegen VfL Wolfsburg blickten 48.000 Zuschauer in sein Gesicht auf der Stadionanzeige. Der Weg bis nach Zürich ist noch weit, es folgen weitere Vorrunden in anderen Städten, bevor am 11. Dezember das deutsche Finale in Berlin steigt.

Doch bei allem Realismus, den das Gebolze auf der Konsole inzwischen erreicht hat, eingefleischte Fans nehmen das Ganze höchstens als Ersatzdroge für den wahren, wirklichen Fußball. So auch Schauspieler Peter Lohmeyer, der sich als Promigast beim Hamburger Konsolenturnier verdingte. Kurz vor den Halbfinals wurde der bekennende Schalke-Fan nervös und fragte die Organisatoren: "Habt Ihr hier irgendwo Premiere?" Und als ein Fernseher gefunden war, fieberte Lohmeiher richtig mit, bei der echten Bundesliga.

Holger Dambeck

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