Soldaten gegen Rumsfeld Friendly Fire im Chat-Room
Bis vor kurzem waren die Fronten noch klar: Die Demokraten versuchten, das Irak-Desaster politisch auszuschlachten, die Republikaner wehrten die Angriffe routiniert ab - die konservative Klientel stand fest an der Seite des Präsidenten und seiner Truppe. Jetzt aber scheint Donald Rumsfeld in "friendly fire" zu geraten: Auf militärnahen, linksliberalen Umtrieben unverdächtigen Internet-Seiten wird vermehrt der Rücktritt des Verteidigungsministers gefordert.
Die Zweifel an der Arbeit des Verteidigungsministers wachsen nach dem Folterskandal auch unter Soldaten. Auf dem Messageboard von "militarycity.com", einem Forum der Military Times Media Group, häufen sich die Angriffe. Stan Hutchinson, ehemaliger Hauptfeldwebel, schreibt zum Beispiel: "Rumsfeld selbst ist so versessen darauf, die Truppenzahl niedrig zu halten, dass es Leben kostet." Auf einer weiteren Seite äußert sich ein Teilnehmer: "Ich hab Rumsfeld und seine Kumpel im Fernsehen gesehen, wie sie versuchen, ihren Arsch zu retten. Du kannst sicher sein, die werden es irgendeinem kleinen Gefreiten anhängen."
Rumsfeld selbst schürt die Verdächtigungen durch weitere Geheimniskrämerei: Das Pentagon verhinderte, dass weitere Folter-Bilder aus dem Irak veröffentlicht werden, allein Kongressmitglieder haben für drei Stunden die Möglichkeit, das Material zu sichten, bevor es unter Verschluss kommt. In einer als dringend bezeichneten E-Mail verbot das Ministerium zudem seinen Mitarbeitern, sich den Untersuchungsbericht zu den Misshandlungen von der Internet-Seite des US-Fernsehsenders FoxNews herunterzuladen.
Der Frust steigt
Auch im Internet-Portal "Military.com" lassen User ihrem Frust freien Lauf: "Wir brauchen eine Führung, welche die komplexe Welt, in der wir leben, ein wenig besser versteht", schreibt ein "OldAFcop". Rumsfeld habe die Soldaten in ein aussichtsloses Unternehmen geschickt - unzureichend vorbereitet und ohne Konzept für den Nachkriegs-Irak. Ein User, der sich "Airborne_Daddy_99" nennt, setzt nach: "Rumsfeld allein reicht nicht. Feuert Condi (Condoleezza Rice), (Justizminister John) Ashcroft, Dick (Cheney) und insbesondere George (Bush)!"
In den Militär-Foren stellen die Kritiker inzwischen die Mehrheit. An der grundsätzlichen Zustimmung zum Irak-Einsatz und zur Linie des Präsidenten ändert das allerdings nichts. Häufig ist gerade die mangelnde Fürsorge Rumsfelds für seine Soldaten Grund für die Klagen: Seine Pläne zum Umbau des Militärs hätten deren Bedürfnisse ignoriert; der Verteidigungsminister würde sich "einen Dreck um das Militär scheren".
Rumsfeld hatte am Freitag während einer Befragung durch ein Untersuchungskomitee des Senats eingeräumt, die politische Verantwortung für die Vorfälle im irakischen Gefängnis Abu Ghureib zu tragen. Einen Rücktritt schloss er dennoch aus: "Wenn ich Zweifel an der Effektivität meiner Arbeit hätte, würde ich sofort zurücktreten", so Rumsfeld. Angesichts der desolaten Lage im Irak sind Zweifel aber durchaus angebracht - an der Effektivität seiner Arbeit genauso wie an seiner Fähigkeit, die Lage realistisch einschätzen zu können.
"Auf den Müllhaufen der Militärgeschichte"
Es ist kein Zufall, dass sich die Kritik auf Rumsfeld konzentriert. Schon vor dem 11. September waren die Militärs nicht gut auf den als arrogant und beratungsresistent geltenden Falken zu sprechen: Mit seinen hochfliegenden Plänen von der computergesteuerten Hightech-Armee stieß er das militärische Establishment vor den Kopf. "Auf die alten Strategien wartet der Müllhaufen der Militärgeschichte", dozierte Rumsfeld damals.
Mit jedem Leichensack aus dem Irak wird nun klarer: Die "let's keep it cheap"-Strategie des Pentagon-Chefs ist gescheitert. Die Soldaten fühlen sich von ihrer zivilen Führung im Stich gelassen. "Retired", ein User auf "militarycity.com", hat denn auch einen eindeutigen Wunsch: "Trete zurück, Rummy, du bist an allem Schuld."
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