Sprechfreie Zone Am Tag der Stille wird gesurft
Hamburg - Es ist der Tag der Stille. Die Mönche des Franziskanerklosters Eggenfelden schweigen andächtig. Nur das monotone Geräusch eines Computers durchdringt den Raum - und das Klappern der Tastatur: Trotz Schweigezeit im Kloster ist das Surfen im Internet auch an diesem Tag erlaubt. "Wir sitzen ja nicht stundenlang vor dem Internet", versichert Pater Johannes. "Aber hin und wieder eine E-Mail schreiben, das stört niemanden."
Fünf Brüder teilen sich in dem bayerischen Konvent einen Internetanschluss. Sogar mit einem eigenen Auftritt sind sie im World Wide Web vertreten, der einem privaten Fotoalbum gleicht: ein gemeinsamer Kegelabend, die tägliche Gartenarbeit und das gesellige Beisammensein. Zugleich werben die Mönche bei den Surfern für ihre Meditationskurse und geistlichen Übungen. Geselligkeit und Spiritualität gehören schließlich zusammen.
Doch nicht in allen Klöstern stößt das Internet auf Begeisterung. Gerade traditionellere Ordensgemeinschaften wie die der Klarissinnen, Karmeliterinnen oder Benediktiner äußern Vorbehalte gegen die Cyberwelt. Die Berührungsängste mit dem Internet kann Pater Wolfgang von der Vereinigung der Deutschen Ordensobern (VDO) nicht so recht verstehen. Gerade für die Mönche, die in Klausur leben, also nur in besonderen Fällen ihr Konvent verlassen, sei die Erfindung des Internets "geradezu genial", erzählt der VDO-Generalsekretär begeistert. Die Priester könnten via Internet "weltweit Bibliotheken erreichen, ohne nach Außen in Erscheinung zu treten". Außerdem könnten die Ordensgemeinschaften das World Wide Web nutzen, um dort ihren Glauben zu verkünden. Einige Orden würden bereits Predigtdienste ins Internet stellen und Seelsorge betreiben.
Mehrmals im Jahr treffen sich etwa hundert Brüder zum "audiovisuellen Ordenstreff". Vor allem älteren Glaubensdienern soll ein Zugang zu neuen Medien verschafft werden. Knapp die Hälfte der 5500 Ordensmänner in Deutschland sind nach Angaben des VDO älter als 65 Jahre und haben meist noch nie einen Computer bedient. Die mehr als 36.000 Ordensfrauen, die anders als die Männer häufig auch in Pflege- oder Lehrberufen tätig sind, verwalten gemeinsam mit den Brüdern eine Internetseite . "Gerade jüngere Schwesterngemeinschaften setzen sich intensiv mit dem Internet auseinander", sagt Schwester Cäcilia von der Vereinigung der Ordensoberinnen Deutschland. "Wir müssen uns mitteilen, auf der Höhe dessen sein, was passiert - obwohl wir unser Leben dem Glauben widmen."
Für die 3000 bis 6000 Jugendlichen, die in den Sommermonaten für jeweils eine Woche in der französischen Gemeinde Taizé in Burgund ihre Ferien verbringen, dauert das Schreiben einer kurzen E-Mail eine halbe Ewigkeit. Auf dem großzügigen Gelände der ökumenischen Bruderschaft gibt es für die "Auswärtigen" nur einen Computer mit Internetanschluss. "Da muss man schon mal Schlange stehen", gesteht Bruder Emil, der seit 25 Jahren in Taizé lebt und auf seinem privaten PC täglich rund ein Dutzend E-Mails verfasst. Da aber "keine Technik dieser Welt menschliche Kommunikation ersetzen kann", sei dieser Engpass in seinem Konvent "überhaupt kein Problem". Von einem Internet-Entzug bei seinen Besuchern könne "überhaupt nicht die Rede sein", sagt der Ordensdiener.
Die Homepage der Gemeinde Taizé exisitert in 26 verschiedenen Sprachen. Egal, ob auf dänisch, indonesisch oder rumänisch: Das Läuten der Glocken und die gregorianischen Gesänge klingen im Internet immer gleich. Gerade für die jüngeren Besucher ist das Leben in Taizé ein religiöses Abenteuer. Auf sie warten triste Zimmer, durchgelegene Betten mit rauen Decken, kalte Duschen und Weißbrot mit einem Stück Butter zum Frühstück. Dennoch steigerten die Entbehrungen das Behagen der Jugendlichen, glaubt Bruder Emil: "Die Cyberwelt wird hier schnell zur Nebensache."