Spurensuche: "Sie verlassen jetzt West-Berlin" - DER SPIEGEL
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Spurensuche "Sie verlassen jetzt West-Berlin"

"Bitte klicken Sie auf das Schild", wird der Surfer aufgefordert. Doch "Achtung: Sie verlassen jetzt West-Berlin": Eine Zeigefingerbewegung später erreicht er das Zentrum der DDR. Ein Web-Wanderführer zum Tag der Deutschen Einheit.
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Berlin - Die Deutsche Demokratische Republik mag untergegangen sein - im Internet lebt sie fort: Hunderte von Websites beschäftigen sich mit diesem anderen, von manchen verdrängten, von anderen vergessenen, von einer neuen Generation nie erfahrenen deutschen Staat. Dabei reicht das Spektrum von wissenschaftlichen Quellen über sentimentale Reminiszenzen bis hin zu satirischen Texten.

Fotos, Bücher und Liedertexte sind auf speziellen DDR-Seiten zu finden. Sogar die Erfindung und Rettung der Ost-Ampelmännchen wird erläutert. Elf Jahre nach der Wiedervereinigung erfährt die DDR im Internet eine Renaissance. Von Ostwitzen über Zonentalk bis hin zu Kuriosa rund um den ehemaligen DDR-Chef Erich Honecker .

Das Internet-Forum Zonentalk ist DDR-Alltag pur. Dort erinnern sich Ostdeutsche an ihr Leben vor der Befreiung in die blühenden Landschaften. Sie berichten mit Witz und Ironie von einer vergangenen Lebenswelt, die vielen "Wessis" bis heute gänzlich unbekannt ist.

Die "nackten Männer an der Ostsee" sind zum Beispiel einer gewissen Gisela in Erinnerung geblieben. Man habe sie in ihrer ganzen Variationsbreite und in allen möglichen Ausführungen betrachten können, schreibt sie begeistert. Cathrin hingegen beklagt die immer wieder aufflammende Ost-West-Debatte. Sie findet es "traurig, dass es nach mehr als zehn Jahren immer noch diesen Ossi-Wessi-Konflikt gibt", und schlussfolgert, dass "wir uns wohl nie richtig vertragen werden. Andere Chatter nutzen den Zonentalk nur als Kontaktbörse und suchen nach Verflossenen aus Kindergarten, Schule oder Tanzstunde.

Unter den vielen privaten Homepages kann man praktisch alles finden, was es in der DDR mal gab und was heute noch an die DDR erinnert. Das World Wide Web eignet sich ideal als Zufluchtsort für "Ostalgiker". DDR-Geschichte wird zum Teil reanimiert und zum Teil auch korrigiert. Manchmal ist schwer zu erkennen, was ernst und was ironisch gemeint ist, wie zum Beispiel beim "Offiziellen Internet-Organ der DDR-Staatsregierung im Exil" : So heißt es dort: "Liebe Bürger der DDR - verzweifeln Sie nicht! Die DDR, unser Vaterland, wird immer existent sein, zumindest im Herzen derer, die nicht zu Verrätern wurden. Zeigen Sie Mut, werden Sie Mitglied in der SED und kämpfen Sie mit uns für die Wiedererrichtung unseres Vaterlandes, der DDR."

Der elfte Jahrestag der Deutschen Einheit steht unter dem Motto "Die Zukunft gestalten - Deutschland erneuern". Doch nach diesem Ziel trachten längst nicht alle Internetportale. Im Gegenteil: Stellenweise wird für den Wiederaufbau der Mauer und für eine "neue DDR" geworben. Auch staatstragende Honecker-Zitate gibt es zuhauf. Um zusätzlich Salz in die Suppe zu streuen, überfluten auch noch elektronische Grußkarten und DDR-Witze das Netz – wie zum Beispiel dieser: "Hallo, hier Genosse Mayer. Mein Papagei ist mir entflogen. Sollte er gefangen werden, nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich seine politische Einstellung nicht teile."