Streaming statt Selling Amazon spielt Radio
Songza: Streaming-Service als Vermarktungsplattform - und mehr?
Foto:Es ging alles ganz schnell. Eine Webseite verschwand kurzzeitig, eine Pressemitteilung folgte bald darauf . Amie Street, ein vor drei, vier Jahren einmal höchst angesagter, auf Indy-Musik spezialisierter Musik-Webshop, wurde von Amazon aufgekauft - und soll bereits am 22. September geschlossen werden. Die Erklärung wurde gleich mitgeliefert: sonza , der Streamingdienst von Amie Street, wird weitergeführt.
Damit ist klar, dass Amazon neue Wege geht. Songza gehörte zu einer Welle von Streaming-Dienst-Gründungen, die ab 2005 im Web auftauchten. Wie viele Konkurrenten suchte sich songza anfänglich "seine" Lieder in den Streams von YouTube zusammen und griff sie einfach ab - lizenz- und urheberrechtlich war das wohl alles andere als astrein. Kurzzeitig avancierte der Service zu einem der Lieblinge der Musik-Web-Gemeinde mit eingeschränkten Ansprüchen an die Tonqualität von Musik. Technische Querverbindungen zum sehr ähnlichen Service Seeqpod, später auch Imeem sorgten für weitere Inputs - bis YouTube Anfang 2010 den Stream-Abgreifern durch eine Änderung in seinen Programmschnittstellen (API) vorerst den Hahn abdrehte.
Zu diesem Zeitpunkt hatten Klagen und Deals längst Spreu von Weizen getrennt. Ein guter Teil der Musik-Suchdienste und -streamer war in den Bankrott geklagt worden, andere hatten Lizenzen erworben oder sich kaufen lassen.
Jeder ein DJ
Seeqpod hatte bereits Anfang 2009 die Flügel gestreckt, songza war Ende 2008 aufgekauft worden - von Amie Street, an der Amazon zu diesem Zeitpunkt längst Anteile hielt. Es veränderte den Dienst binnen weniger Monate: An Stelle des "Ich suche mir einen Song egal von woher und spiele ihn"-Service trat ein an LastFM erinnernder "Radio"-Dienst, der seinen Nutzern erlaubt, persönlich gefärbte "Stationen" aufzulegen, die dann von allen Nutzern mit Songs bestückt werden können - allerdings nur solchen, für die songza über entsprechende Rechte verfügt. Das sollen derzeit immerhin acht Millionen sein.
Ein Abstimmungssystem sorgt dafür, dass die Playlist sich an der Popularität der Songs orientiert: Je mehr Stimmen ein Song bekommt, desto höher die Chance, dass er in die "Heavy Rotation" aufgenommen wird. Jeder kann darüber hinaus neue Lieder in die Playlist hineinwünschen. Ob die dann mehr als einen Durchlauf erleben, hängt von den Abstimmungsergebnissen ab.
Das klingt nach Mainstream, ist es aber nicht unbedingt. Denn die Playlists unterscheiden sich teils krass voneinander: Es ist der "Stationsgründer", der ihnen den ersten Spin, die Richtung gibt. Es wird wohl nur wenige Web-Musikservices geben, bei denen man derzeit eine Krautrock-Station mit Amon Düül II, Popol Vuh oder Kraan in der Heavy Rotation findet - geschweige denn eine Rainhard-Fendrich-Station für Freunde von 70er-Jahre-Barden und singenden Sozialarbeitern.
Songza kann, was Ping bisher nur will
Keine Frage, das ist teils krass, aber immer cool. Wer lieber Alejandro oder andere Mainstream-Gaga-Musik hört, wird natürlich ebenfalls bedient. Unter dem Strich ist songza nicht nur ein prächtiges, immer geschmacksorientiertes Beschallungstool für den Arbeitsplatz, sondern gerade darum auch ein Promotion-Werkzeug erster Güte: Das Auffüttern der thematisch orientierten Stationen sorgt dafür, dass Menschen mit Affinität zu bestimmten Formen von Musik immer wieder neue Songs entdecken. Irgendwie erinnert das frappant an Amazons "Wer sowas hört, mag auch ..."-Empfehlungs-Funktion.
Man braucht keinen Doktortitel, um hier Amazons ersten Ansatzpunkt zu entdecken: Jeder Song wird mit einem kleinen Bild, mit Künstlernamen und Titel präsentiert. Fährt man mit der Maus darüber, bekommt man die Wahl, entweder weitere Songs des Künstlers angezeigt zu bekommen - oder das Lied zu kaufen. Ein Klick weiter und man ist bei Amazon.
Dazu kommt werbliche Vermarktung. Zwar hat sich die Hoffnung, on-demand-Musikdienste im Web allein über Werbung refinanzieren zu können, inzwischen weitgehend als Illusion erwiesen - es reicht nicht. Im Mix mit Kauf-Promotion aber könnte sich das Streamen durchaus auszahlen.
Stream ist, was kommt, wenn der Verkauf nachlässt
Zumal es ja auch noch andere Werte gibt für Amazon: Der größte Konkurrent des Online-Händlers ist Apple, und auch der Konzern aus Cupertino bastelt an ähnlichen Diensten. Wie Amazon will auch Apple möglichst mit allem Handeln, was man in Form von Bits und Bytes ausliefern kann - Bücher, Filme, Musik. Eine Community-zentrierte, eine "live" stattfindende Veranstaltung fehlte Amazon bisher im Portfolio. Unter dem Strich ist songza schon jetzt alles, was Apples mit viel zu großem Tamtam angekündigter Empfehlungsdienst Ping einmal werden möchte, aber warscheinlich nie wird.
Dafür hat Apple einen Trumpf im Ärmel, dem Amazon bisher nichts entgegen zu setzen hatte: Apples beispiellos enge Verknüpfung von Hardware, Shop und Ware. Wie profitabel so etwas sein kann, hat Amazon mit dem Kindle ergründet: Bei E-Books erreicht Amazon Marktanteile, die an Apples iTunes Standing bei Musikdownloads erinnern. Gut möglich, dass das Hunger auf mehr gemacht hat.
Ein Dienst wie songza jedenfalls lässt sich noch viel weiter gefasst denken als nur als on-demand-Radiostation im Web. Gekoppelt an die richtige Hardware ließe sich daraus eine veritable Napster-Konkurrenz schmieden: An Streaming-Services wie songza könnte man sich in ein paar Jahren als die Keimzelle von on-demand-Entertainment-Datenbanken erinnern. An solchen strickt Amazon längst, soll etwa Pläne verfolgen, auch ins IPTV-Geschäft, zumindest aber in den Verkauf von Video-Flatrates einzusteigen - so wie Konkurrent Apple.
Das alles ist spekulativ, aber logisch. Der MP3-Verkauf, wie er von Apple und Amazon forciert wird, ist nur so lange sinnvoll, wie die stationäre und mobile Vernetzung noch nicht weit genug fortgeschritten ist, mit bezahlbarem Equipment überall live auf Datenbanken zuzugreifen. Das aber ist nur eine Frage der Zeit. Teure entsprechende Gerätschaften haben Firmen wie Sonos oder Philips seit Jahren im Programm. Irgendwann wird der Kauf einer MP3-Datei so anachronistisch sein, wie heute schon vielen der Kauf einer CD erscheint. Warum sollte man das tun, wenn man stattdessen gegen eine bezahlbare Pauschale auf Millionen Songs zugreifen kann?
Spätestens dann braucht ein Händler wie Amazon unbedingt einen Dienst wie songza.