Street View: Google sehnt sich nach Liebe - DER SPIEGEL
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Street View Google sehnt sich nach Liebe

Googles Fotodienst Street View aus 20 deutschen Städten ist jetzt online - Teile Deutschlands liegen wegen hunderttausendfachen Widersprüchen hinter Pixelschleiern. Konzernvertreter werben bei Kritikern um Sympathie und schwärmen von den Vorzügen des Systems.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Seit dem heutigen Donnerstag sind zwanzig deutsche Großstädte in Street View virtuell durchwanderbar, mit Mausklicks kann man Straßen entlangspazieren und sich Hausfassaden, Vorgärten und geparkte Autos ansehen. Nummernschilder und die Gesichter von Personen sind gepixelt - letzteres hat ein Algorithmus erledigt, der menschliche Gesichter erkennt. Das führt dazu, dass vielerorts auch andere Objekte hinter einem Pixelschleier verschwinden, beispielsweise Wahlplakate mit Porträts.

Vermutlich nicht aus diesem Grund haben sich Politiker einmal mehr kritisch über den Straßenfotodienst geäußert. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), verwies auf die "Resonanz auf Google Street View und die hohe Zahl der Widersprüche in Deutschland". Es sei mit "Hunderttausenden" zu rechnen, wenn der Dienst bundesweit freigeschaltet werden sollte. 244.000 Einsprüche hatte es bereits aus den zwanzig Städten gegeben, die nun per Street View zugänglich sind. Im Zusammenhang mit Pannen bei der Verpixelung betonte Aigner, sie habe immer gesagt, dass dabei der Grundsatz "Gründlichkeit vor Schnelligkeit" gelten müsse.

Der netzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion Konstantin von Notz erklärte: "Wir hätten uns gewünscht, dass Google Street View von Beginn an die höchstmögliche Sorgfalt gegenüber den Datenschutzrechten der betroffenen Bundesbürger an den Tag legt. Leider konnte das erst durch erheblichen Widerstand der Datenschützer sowie der Widersprechenden erreicht werden."

"Bestimmt noch Fehler vorhanden"

Bei Google selbst wünscht man sich wohl sehnlichst mehr positive Resonanz auf den kostspielig hergestellten Fotoatlas. Auf dem Bild von der Google-Zentrale in Hamburg sind Mitarbeiter des Hauses zu sehen, die winkend und zum Teil kostümiert das Fotoauto begrüßen - so enthusiastisch waren die Reaktionen andernorts eher nicht.

Google versuchte bei einer Presseveranstaltung erneut, mehr Sympathie für das Angebot zu wecken. Europachef Philipp Schindler wurde nicht müde, von den Vorteilen von Street View zu schwärmen. Man müsse das Produkt nur einmal ausprobieren, um zu verstehen, wie nützlich es eigentlich sei. Peter Fleischer, Googles Mann für das Thema Privatsphäre und Datenschutz, sagte, viele der 244.000 Einsprüche seien wohl aus konservativer Vorsicht von Menschen gestellt worden, die den Dienst gar nicht kannten und einfach verunsichert waren.

Verstorbener Vater vor dem Elternhaus

Fleischer sagte aber auch: "Es sind bestimmt noch Fehler vorhanden." Aber die könne - und solle - jeder über die Funktion "Ein Problem melden" (links unten in der Street-View-Ansicht) bei Google anzeigen, damit sie zügig behoben werden können. Fehler gibt es tatsächlich einige: Vielerorts sind die Bilder von Häusern aus bestimmten Perspektiven mit einem Schleier überdeckt, aus anderem Blickwinkel jedoch sind die Fassaden zu erkennen. Vereinzelt sind auch Gesichter oder Nummernschilder nicht ausreichend gepixelt. Das Nummernschild eines Autos, das aus dem Innenhof eines Bordells kam, war nicht gepixelt - dieser Fehler wurde innerhalb weniger Stunden behoben.

Fleischer wies einmal mehr darauf hin, dass Street View keine Echtzeitdaten zeige. Man könne deshalb nicht feststellen, wo sich jemand aktuell aufhält, nur weil man ein Bild von ihm in Street View sieht. Die ältesten Fotos in Street View stammen von 2008, die jüngsten sind in diesem Februar aufgenommen worden. Das kann durchaus seltsame bis beunruhigende Konsequenzen haben: Mancherorts springt die Jahreszeit von einem Bild zum nächsten von Sommer auf Winter um, von grünem Blätterdach zu kahlem Geäst. Ein SPIEGEL-Redakteur machte beim virtuellen Besuch in der Straße, in der sein Elternhaus steht, eine beunruhigende und traurige Entdeckung: Street View zeigt seinen vor gut einem Jahr verstorbenen Vater, der auf der Straße steht, mit dem Blick offenbar das Google-Fotoauto verfolgend.

Zwei Jahre Datenschutzverhandlungen hier, eine Woche in Frankreich

Mehr als einmal wurde von den Google-Vertretern darauf hingewiesen, dass man in keinem anderen Land den Datenschützern gegenüber so viele Zugeständnisse gemacht habe wie in Deutschland. Auf die Frage eines Journalisten hin, ob dieser Prozess in Deutschland denn länger gedauert habe als in anderen Ländern, sagte Googles Datenschutzbeauftragter Fleischer: "Die Verhandlungen mit den Datenschutzbehörden in Deutschland haben sich über zwei Jahre hingezogen, die Verhandlungen mit den Datenschützern in Frankreich waren nach genau einer Woche beendet."

Auf die Frage, ob er aufschlüsseln könne, in welchen Städten oder Stadtteilen besonders viele Anwohner eine Verpixelung beantragt haben, erklärte Fleischer, dazu lägen ihm keine Daten vor. Auch mit Vergleichszahlen für andere Länder kann er nicht dienen.

Wo derzeit noch schwarze Bilder zu sehen sind, sei unklar, für welche Gebäude in dieser Umgebung valide Anträge auf Verpixelung vorliegen. Das könne manchmal ganz schlichte Gründe haben, etwa, dass ein handschriftlich gestellter Antrag nicht lesbar sei, erklärte Fleischer. Man bemühe sich, solche Fragen zügig zu klären.

Der Erste Bürgermeister von Oberstaufen, Walter Grath, trat als Street-View-Fürsprecher auf. Die Panoramabilder von Oberstaufen waren von Google, auf besonderen Wunsch der Stadtvertreter, bereits Anfang November veröffentlicht worden. Für Google war es ein Testlauf, für den Urlaubsort eine Werbemaßnahme. Grath zufolge habe es in seiner Stadt überhaupt keinen Widerstand gegen Google Street View gegeben. Eine Umfrage unter den Bürgern habe er nicht durchgeführt, bevor er bei Google anfragte, ob man Oberstaufen wohl bevorzugt abfotografieren könne. Er sei ja schon seit 25 Jahren Bürgermeister und kenne seine Gemeinde. Außerdem hätten selbst jene Oberstaufener, die ihre Häuser haben unkenntlich machen lassen, mitgefeiert, als die Bilder der Stadt online gestellt wurden.

Vertreter von Firmen wie Immobilienscout24.de, HRS, Expedia, Eventim, aber auch von der Unesco und dem ADFC sollten bei Googles Presseeinladung zeigen, wie sich Street View in kommerziellen Webseiten nutzen lässt. Google gestattet das, ohne Gebühren zu verlangen. Eventim oder Immobilienscout24 etwa fügen in ihre Webseiten Street-View-Links ein, die ohne Umweg direkt zum jeweiligen Ort führen. So kann man sich dann die nähere Umgebung eines zu buchenden Hotels oder den potentiellen neuen Wohnort mit einem Klick aus der Nähe ansehen. Wenn dort nicht zu viel verpixelt werden musste.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes wurde diese Aussage des Googles-Datenschutzbeauftragten Fleischer als Stichelei gegen die deutschen Datenschützer gewertet: "Die Verhandlungen mit den Datenschutzbehörden in Deutschland haben sich über zwei Jahre hingezogen, die Verhandlungen mit den Datenschützern in Frankreich waren nach genau einer Woche beendet." Tatsächlich was das aber seine Antwort auf eine entsprechende Frage eines Journalisten. Wir haben die Stelle entsprechend geändert und bitten den Fehler zu entschuldigen.