Sucks500.com: Willkommen im Meckerspace - DER SPIEGEL
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Sucks500.com Willkommen im Meckerspace

Dan Parisi sammelte als Porno-Unternehmer (Whitehouse.com) und Cybersquatter (Madonna.com) zweifelhaften Ruhm. Als Betreiber von Sucks500 entwickelt er sich zum Schrecken der amerikanischen Geschäftswelt.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dan Parisi erhält ständig Drohbriefe. Absender der unliebsamen Korrespondenz: amerikanische Unternehmen, Politiker, prominente Künstler - respektive deren Anwälte. Und allesamt fordern sie die Herausgabe von Internet-Adressen. Die Advokaten von Merrill Lynch etwa wollen die Rechteübertragung der Domain MerrillLynchSucks.com erwirken, Wäschemogul Victoria's Secret fordert VictoriasSecretSucks.com. Der Begriff "suck" bedeutet nicht nur "saugen" oder "lutschen", sondern umgangssprachlich ebenfalls "nerven" oder "ankotzen".

Sehr zum Unmut der amerikanischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hat Parisi mehr als 700 Domains mit dem Sucks.com-Suffix registriert. Die illustre Liste liest sich dabei fast wie ein "Who is Who"-Katalog: AvisSucks.com, BellsouthSucks.com, GeorgeBushSucks.com, JenniferLopezSucks.com, GMSucks.com, CiscoSucks.com, TacoBellSucks.com, TomCruiseSucks.com et cetera et cetera. Zu einem der populärsten Angebote zählt neben ChinaSucks.com auch GovernmentSucks.com. Parisis persönliche Lieblingsdomain ist dagegen MicrosoftSucks.com. Der Geschäftsmann aus New Jersey hatte die Web-Adresse eigens für 5000 Dollar einem Gates-Nörgler abgekauft.

"Die Leute sollen sich beschweren, beschweren, beschweren", erklärt Parisi. "Daher stelle ich ihnen dieses Online-Forum zur Verfügung, wo sie über Firmen diskutieren können." Und dies gilt bei seinem gigantischen Beschwerdeportal Sucks500.com ebenso für enttäuschte Verbraucher wie für Angestellte.

Wieder mal Probleme mit dem HP-Drucker? Der Ford schluckt zu viel Sprit? Der Dell-Rechner schmiert ständig ab? Man braucht nicht lange im Netz zu suchen, um seiner Frustration virtuellen Freilauf lassen zu können. Einige Beispiele: "HomeDepot sucks! Der Service ist einfach total miserabel", schimpft Sucks500-User Sabien. Ein anderer Poster mokiert, man bekomme bei der amerikanischen Baumarktkette stets minderwertiges Sperrholz angedreht. Fashionhändler Gap "sucks", weil er seine Klamotten in lateinamerikanischen "Sweat Shops" fertigen lasse - so zumindest die Behauptung eines Users. MadCow00 hält Pepsi Cola für eine abscheuliche und eigenen "Statistiken" zufolge gar schwer krankheitserregende Limo. Sexangebot finanziert Verbrauchersite

Mehr als 100.000 Dollar hat der ehemalige Asbestsanierer und Umweltberater bislang in die Domains investiert. Das Geld stammt von seiner Website Whitehouse.com - seit Jahren eines der lukrativsten Sexangebote im Cyberspace. Sehr zum Missfallen der amerikanischen Regierung, die ihrerseits unter Whitehouse.gov zu erreichen ist, macht Parisi mit dem Online-Auftritt pro Jahr zwei Millionen Dollar Profit. Dabei startete Whitehouse.com ursprünglich - wie eben Sucks500.com - als "Free Speech"-Forum, über das erzürnte Bürger ihren Unmut über den amerikanischen Polit-Alltag hätten kundtun sollen. Nachdem sich jedoch nur wenige Besucher auf die Seite verirrten, stieg der Internet-Entrepreneur ins boomenden Webporn-Business ein.

Vor drei Jahren launchte Parisi unter der Domain Madonna.com ein weiteres Online-Sex-Angebot. Der Fall machte international Schlagzeilen, und auf Beschwerde der gleichnamigen Pop-Ikone nahm der Familienvater die Inhalte vom Netz. Madonna klagte dennoch vor der UN-Schiedsstelle für Domainstreitigkeiten, der World Intellectual Property Organization (WIPO), und gewann schließlich die Rechte an "ihrer" Domain. Das Genfer Schiedsgericht befand, Parisi sei ein Cybersquatter, der die Popularität der Pop-Diva ausnutzen wolle.

Wie das Luftfahrtunternehmen Lockheed Martin Corporation oder auch der New Yorker Bürgermeisterkandidat und Medienunternehmer Michael Bloomberg schmerzhaft erfahren mussten, gingen Rechtsstreitigkeiten um "Sucks"-Domains dagegen bislang stets günstig für Parisi aus. Die Dutzenden Drohbriefe lassen den New Jerseyer mittlerweile entsprechend kalt. Zahlreiche Unternehmen sichern sich daher nun auch präventiv einschlägige Abwandlungen ihrer Firmennamen als Webadresse - darunter etwa Porsche oder der amerikanische Umzugsriese U-Haul. Die Investmentbank Merrill Lynch schaffte es immerhin noch, die Domain MLSucks.com zu registrieren.

Die Unternehmen bangen um ihren guten Ruf im Netz. Wie eine Studie von Hill & Knowlton vergangenes Jahr ergeben hat, fürchten sogar 60 Prozent aller amerikanischen CEOs Negativschlagzeilen aus der Online-Welt. Und Sucks500.com - erst jüngst von Sucks.com umbenannt, um eine Verwechslung mit Erotikangeboten zu vermeiden - ist mittlerweile der Schrecken des "Corporate America": Mehrere tausend Internet-Surfer tummeln sich täglich im "Sucks"-Universum. Nichtsdestotrotz sollen Parisi zufolge einzelne Firmen wie beispielsweise Intel oder American Express das Online-Angebot sogar begrüßen.

Aus aktuellem Anlass startete der 40-Jährige vergangenen Freitag auch ein TerrorismSucks-Forum. Auf die Registrierung einschlägiger "Kontra"-Domains zur Terrorattacke will Parisi allerdings verzichten. Einige Netizen waren zudem bereits schneller: Ein Mann aus Illinois sicherte sich etwa BinLaden-Sucks.com. Dieselbe URL ohne Trennstrich wird vom Top-Level-Registrar Network Solutions nicht vergeben. Eine Internetagentur in Ann Arbor registrierte TalibanSucks.com und betreibt hierunter nun ein Diskussionsforum.

Dan Parisi will nicht fotografiert und in den Medien abgebildet werden.