Surftipp Die Hype-Maschine
Der erste Eindruck täuscht. Was da so bloggig, so "Web-2-0", so professionell daherkommt und uns mit Menü-Einträgen von "latest" ("neueste") über "popular" bis "spy" führt, ist genau das nicht, was es zu sein vorgibt: The Hype Machine ist keine Webseite, die aus den Millionen von Musikstücken und Downloadvorgängen im Web irgendwelche Charts der tatsächlich populärsten Stücke liefert.
Denn dann bekämen wir auch dort nicht mehr als die langweilige Dauerrotation der totgedudelten Mainstream-Titel, von denen uns jeder einzelne mindestens 20-mal am Tag per Radio verfolgt. Denn wenn die Masse über Popularität entscheidet, kommt dabei nicht mehr heraus als Konsensware. Der viel beschworene "Schwarm" ist nicht intelligent, wenn es um Geschmack geht.
Aber die Hype-Maschine hört nicht auf die Masse, und die Masse nicht auf die Hype-Maschine. Obwohl die Seite bereits seit 2005 online ist, bei Kritikern regelmäßig ein euphorisches Echo findet, sie sowieso fast immer die Zusammenstellungen der besten Musikseiten der Welt schafft, fristet sie ein eigentümliches Mauerblümchendasein. Vielleicht, weil sie erklärungsbedürftig ist: Sie ist keine Downloadseite im eigentlichen Sinn, kein Internet-Radio, kein Dienst, bei dem man sich nach Geschmack bedienen lassen kann. Sie ist eine unberechenbare Wundertüte.
Die Hype Machine ist eine Art Blog-Aggregator. Sie führt zusammen, was andere publizieren. Insofern ist sie eine Art Suchmaschine, bei der allerdings das Suchwort schon feststeht: Musik.
Unaufhörlich scannt sie angeblich Tausende von spezialisierten Blogs, erfasst dort Links zu Musik und zeigt diese auf ihrer Titelseite. Man kann sich die so gefundenen Titel sofort anhören und lesen, was irgendein Blogger, der das betreffende Lied gerade veröffentlicht hat, dazu zu sagen hat. Man kann stöbern und klicken und sich überraschen lassen, was da gerade populär ist bei den Web-publizierenden Musikbegeisterten. Hype Machine ist wie ein Schlüsselloch, durch das man eine Musik-vernarrte Szene beobachtet.
Zeitgeist Shuffle
Nebenbei beobachtet die Hype Machine aber auch die Beobachter. Was sie mögen - dokumentiert durch Aufrufen der Songs - das generiert sie zu ihren eigenen Charts, in denen dann Neues von Beck auf die Ting Tings trifft, eine traumhafte Liveaufnahme von Portisheads "Glory Box" und Neues von Vampire Weekend in Konkurrenz zu Ella Fitzgerald oder This Mortal Coil tritt. Dazwischen HipHop, aktuell gerade viel Reggae (es ist schließlich Sommer), Rock, Klassik, Jazz, Dissen-Musik und stimmungsvolle Elektroklänge. Was auch immer gerade geht.
Atemlos wird es dann, wenn man unter "spy" einfach nur beobachtet, was die anderen Nutzer gerade aufrufen. Die Liste erneuert sich alle 30 Sekunden, was weg ist, ist weg. Jeden dieser Titel kann man wiederum auch selbst aufrufen, entdeckt Neues, Schräges, Unerwartetes. Das alles kann über Minuten ganz schrecklich sein, langweilig und dröge, um Minuten später abzukippen in eine musikalische Mystery-Tour, bei der man nichts als Neuland entdeckt. Es ist, als lausche man "dem iPod Shuffle, den der Zeitgeist in der Tasche trägt", wie ein Blogger einmal über Hype Machine schrieb.
Apropos Blogger: Die Hype Machine wird des Öfteren kritisiert, weil sie - wie alle Aggregatorenseiten - von der Arbeit anderer profitiere, diesen also quasi Besucher vorenthalte. Man kann das so sehen, wirklich stichhaltig ist es aber nicht: Musik-Blogs sind eine riesige Szene, über die kaum jemand den Überblick hat. Viele Surfer wissen noch nicht einmal, dass es sie überhaupt gibt. Manche haben nur wenige Hundert Leser und Hörer im Monat, manche konkurrieren längst mit großen Musikzeitschriften. Man kann die Hype Machine auch einsetzen, um diese lebendige Szene überhaupt erst zu entdecken.
Naschen erlaubt, wer mehr will, muss zahlen
Denn es hat durchaus Vorteile, sich auch die Kommentare der Blogger auf deren Originalseiten anzusehen. Oft sind die Lieder eingebettet in Artikel, in denen sich dann weitere interessante Songs finden. Gerade bei exotischen Remixes oder Neuvorstellungen bieten manche Blogs viele Songs dann auch zum Download an: Die Hype Machine tut dies nicht. Hier gibt es nur Downloadlinks zu Musikshops, um jede Copyright-Verletzung nach Möglichkeit zu umgehen (bei den Bloggern ist das nicht unbedingt gewährleistet). Die Betreiber der Hype Machine wollen die Musikszene mit ihrem Metablog aber nicht schädigen, sondern stützen.
Genau so hat sich mancher naive Web-Nutzer die digitale Zeit einst ja auch vorgestellt, bevor die Musikindustrie zum großen Halali auf die eigene Kundschaft blies: Alles überall und jederzeit abrufen und hören, quasi ausprobieren zu können, und dann bei Gefallen zu kaufen. Bei der Hype Machine klappt das ganz prächtig: Link anklicken, ausprobieren - das Ding gehört fraglos zu den "Best of Web".