Surftipp Fast zu schön, um wahr zu sein
Mit dem Wettbewerb "Miss Digital World", berichtet die italienische Zeitung "Corriere Della Sera", entstehe in Kürze "un concorso per modelle virtuali". Um das zu verstehen, muss man noch nicht einmal Italienisch können: Nicht Frauen aus Fleisch und Blut stellen sich der Konkurrenz, sondern Pixelgeschöpfe.
Die sind längst allgegenwärtig, und oft verschwimmen die Grenzen zwischen Blut und Byte: Kaum ein Film, kaum ein Illustrierten- oder Modefoto, das nicht im Nachhinein mit dem digitalen Zauberstab geschönt würde. Man hat sich so daran gewöhnt, dass Kinder digitale Trickfilme mittlerweile an ihrem Übermaß an Perfektion erkennen ("Sieht so nach Computer aus"), dass auch uns Erwachsene der Ersatz von Handlung durch Tricks im Film zunehmend anödet (Star Wars, Matrix).
Doch wem diese Übersättigung mit digitalen Bildern den Appetit verdirbt, läuft Gefahr, etwas zu verpassen. Denn längst haben die Designer einen Punkt erreicht, an dem sie die Perfektion digitaler Bilder schon wieder brechen und ihnen damit endlich das geben, was ihnen bislang fehlte: Leben durch kleine, natürliche Makel.
In vollendeter Form führt das der japanische Designer Koji Yamagami mit seiner kleinen Agentur Beans Magic vor. Was seine digitalen Werkstätten verlässt, wirbt für zahlreiche Produkte, taucht als gerenderter Statist in diversen Filmen, wertet durch spektakuläre Unterbrecher-Videosequenzen digitale Spiele auf.
Yamagami ist ein international gefragter 3D-Spezialist, obwohl er bei Verhandlungen bis heute auf Dolmetscher angewiesen ist. Warum sich seine Kunden trotzdem die Mühe machen, zeigt etwa sein Projekt "Mamegal" , das Yamagami nach eigener Aussage innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen für die Grafik-Softwarefirma Discreet umsetzte. Auf kommerzielle 3D-Software ("Brazil") zurückgreifend führt er vor, was heute State of the Art ist in Sachen virtuelle Personen.
Kulleraugen und Körpersprache
"Mamegal" ist ein junges, virtuelles Mädchen, eine idealisierte Kindfrau. Die Begegnung mit ihr ist verblüffend: Sie sieht ihren Betrachter aus dunklen, überraschend lebendigen Kulleraugen an. Ihre Mimik, durch ihre weiße Helm-Maske nicht wirklich verdeckt, signalisiert Interesse: "Ja? Was liegt an?"
Gerade dadurch zeichnen sich Yamagamis digitale Figuren aus: Ihnen fehlt das Blanke, Abziehbild-hafte, das bisher noch jeden digitalen Charakter entlarvte. Sie verfügen über echte Mimik und Körpersprache.
Wie das geht, verrät der Blick aufs Detail: Da fällt dann auf, dass die Stellung von Mamegals Pupillen ganz leicht asymetrisch ist, wenn sie sich halb dreht. Nicht ganz perfekt - wie im richtigen Leben. Die Lichtreflexion auf ihren Schneidezähnen, die man hinter ihrem Halb-Lächeln sieht, zeigt, dass auch die Oberfläche ihrer Zähne unregelmäßig abgenutzt ist. Kleine Rillen befinden sich darin, auch das ganz nah am Leben.
Wenn man sich einmal auf diese Entdeckungstour eingelassen hat, entdeckt man das Web als wahrhaft visuelles Medium: Erforschen lässt sich die Beans-Magic-Seite nur durch blindes Klicken auf blau hinterlegte Links. Ist die Navigation noch Englisch, findet sich in den Texten kaum ein vertrautes Wort - geschweige denn Schriftzeichen. Macht nichts, denn auch dieses Stochern ist abenteuerlich, die Website voller Überraschungen. Vor allem die Mpgs sprechender Figuren haben es in sich: Viel lebensechter hat man sowas noch nicht gesehen.
Und endlich begreift man, was digitalen Charakteren heute noch meistens fehlt: Die kleinen unzielgerichteten Bewegungen, Mimiken, Gesten, die uns zu Menschen machen. Wenn Yamagami eine dralle Latex-Schönheit mit dem Revolver fuchteln, Space-Motoräder be- oder Mauern überspringen lässt, dann ist das zwar gut gemacht, aber trotzdem ein Gähner. Wenn er hingegen ein virtuelles Gespräch mit einem gerenderten Teenager führt, dann ist es das kurze Schürzen der Lippe zwischen dem flirtenden Blick und dem aufbrechenden Lächeln, das uns ein "Wow!" entlockt. Noch schöner hätte das nur ein Mensch gekonnt.
Wichtiger Hinweis: Seit Veröffentlichung dieses Artikels sind die Server von Beans Magic zeitweilig schwer erreichbar. Die Links sind korrekt: Sollten sie nicht funktionieren, probieren Sie es zu einem späteren Zeitpunkt.