Surftipp: News von und für Knackis - DER SPIEGEL
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Surftipp News von und für Knackis

Auch an Justitias Haftanstalten gehen die modernen Zeiten nicht vorbei. Vergangen die Zeit heimlich geschmuggelter Kassiber: Das Web und (im Knast verbotene) Handys schlagen die Brücke zur Außenwelt. Manche Nachricht mag im Knastblog landen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit zweieinhalb Jahren ist der Düsseldorfer Rechtsanwalt Udo Vetter, seines Zeichens Strafrechtler, mit seinem Weblog "Lawblog" im Internet aktiv. Nicht wie sonst üblich mit einer drögen Kanzleiseite, sondern mit Geschichten und Berichten aus dem Dasein eines Anwalts.

Hier findet sich Erstaunliches und Skurriles aus dem Leben eines Strafverteidigers. Neben Kampfnotizen aus dem Gerichtssaal oder Stilblüten des bürokratischen Überbaus von Antragsformulierungen wird dem Leser auch der eine oder andere Blick ins Private erlaubt, wenn es z.B. um die Auswahl eines geeigneten Fitness-Studios geht.

Das Blog um, für und von Knackis

Um gleichsam eine Rundumversorgung für etwaige verurteilte Mandanten zu gewährleisten, ist der Anwalt nun mit einem weiteren Weblog an den Start gegangen, dem Knastblog. Hier soll nicht so sehr die Perspektive des Anwalts im Vordergrund stehen, sondern ganz allgemein die Erfahrungen aller an Justitias Welt Beteiligten: "Von der U-Haft bis zur Resozialisierung. Rechtliches, Menschliches, Kurioses - hier soll alles seinen Platz haben."

Schließlich stellt ein Aufenthalt hinter "schwedischen Gardinen" ein einschneidendes Erlebnis dar, und nicht nur für den Häftling selbst, der unter Umständen seine Arbeit und sein soziales Umfeld verliert. Auch für die Angehörigen, die Familie, ergeben sich oft harte Belastungen. Themen, die in der allgemeinen Berichterstattung selten Platz finden, das gilt auch für die über 100 deutschen Weblogs mit juristischem Fokus.

Das Knastblog ist keine anwaltliche Soloveranstaltung, wer "Gefangener, Angehöriger, Anwalt, Sozialarbeiter, Pfarrer, ehrenamtlicher Helfer oder Justizmitarbeiter" ist, wird ausdrücklich ermuntert, etwas zum Thema beizutragen will.

Doch wie schreibt einen Beitrag, wer hinter Gittern sitzt? Wem da noch verschwörerisch geschmuggelte Kassiber vorschweben, erfährt, dass auch im Strafvollzug längst moderne Zeiten begonnen haben. Nicht zuletzt leben viele der Häftlinge im offenen Vollzug oder haben auch dann und wann Hafturlaub - und damit Zugang zum Internet. Aber natürlich können Zuschriften nach alter Schule auch auf dem Postweg eingesandt werden.

Schon mit seinem Lawblog hatte Vetter bei manchen Kollegen heftiges Stirnrunzeln verursacht, die eine Verletzung anwaltlicher Standespflichten und unzulässige Eigenwerbung bemäkelten. Natürlich leugnet Vetter nicht einen gewissen "PR-Effekt", den seine Aktivitäten im Netz mit sich brächten, aber darin liege nicht sein primäres Ziel. Ihm mache das Bloggen eben mehr Spaß, als das halbe Wochenende auf dem Golfplatz herumzustehen.

Vetter überlegt derzeit, das Knastblog auch WAP-fähig zu machen. Auch wenn die Benutzung von Handys im Gefängnis verboten ist.

Richard Meusers