Tablet-PC-Launchparty: Komödienstadl im Silicon Valley - DER SPIEGEL
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Tablet-PC-Launchparty Komödienstadl im Silicon Valley

Kennen Sie den amerikanischen Home-Shopping-Kanal QVC? Falls nein, haben Sie nicht viel verpasst. Für Europäer sind solche Verkaufsshows kaum zu ertragen. So wenig wie die "Bob & Liz"-Show: Mit der nahm Microsoft Rache an seinen Kritikern im Silicon Valley. Die glauben nämlich, sie hätten den Tablet PC erfunden.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gestern war Feiertag, weltweit. Parallel zum "Launch-Event" in New York präsentierte Microsoft an zahlreichen Orten in aller Welt, was es neues, revolutionäres zu bieten hat. Die Präsentationsform kennt man aus dem Shopping-TV, auch, wenn die Gates-Company keine Bauchtrainer zu verkaufen hat, sondern Tablet PCs.

In San Francisco, immer noch Zentrum der amerikanischen IT-Industrie, stand die "Bob & Liz"-Show auf dem Programm.

Gemeint sind damit Microsoft-Vizepräsident und -"Evangelist" Bob McDowell und "Technology Solutions Specialist" Liz Levitt, die ungewollt komödiantisch das neueste Produkt aus Redmond präsentierten: Windows XP Tablet PC Edition. Sprich: das Betriebssystem für den Tablet-PC.

Das durchaus nicht unpfiffige, wenn auch alles andere als neue Konzept der Flachrechner mit Handschrifterkennung sollte an diesem, wie Microsoft wissen ließ, "IT-historischen Tag", dem Gates ja schon seit Jahren entgegenfiebert und der die Welt der Desktop- und Laptop-Computer revolutionieren soll, eigentlich im Vordergrund stehen. Tat es aber leider nicht.

Gut, der Launch-Event in San Francisco war nicht der Haupt-Schauplatz des insgesamt angeblich 70 Millionen US-Dollar teuren Einführungs-Spektakels. In New York präsentierten Gates und Ballmer, anderenorts gab es dann wohl Sparversionen des Konzeptes: "Cool, ey. Wow, die Handschrift wird automatisch erkannt und digitalisiert. Ja, digitalisiert. Wow. Cool, ey."

"Und wow, mit dem Radiergummi kann man sogar die Handschrift wieder wegradieren. Wow". Das sollte wohl für Laune sorgen: "Habt ihr auch alle Spass?" Und immer wieder schien ganz zufällig das Wort "Vorteil" aus dem Mund von Schnellsprecherin Levitt zu blitzen.

Vorteil? Für wen? Klar: Bill Gates

Der strafte hier am Nordzipfel des Silicon Valley seine größten Kritiker - und heimlichen Neider? - mit 90 Minuten Bob und Liz ab. Schließlich kann die IT-Community in der San Francisco Bay Area Microsofts neuestem Coup nicht viel Gutes abgewinnen - dessen Urheberschaft beansprucht nämlich das Silicon Valley für sich selbst.

Zur Erinnerung: In den letzten 20 Jahren haben sich mit Unternehmen wie Grid, General Magic, Eo, Agilis, Go Corporation, Apple oder Momenta bereits ein gutes Dutzend Valley-Firmen an "Stift-PC"-Konzepten versucht - und sind bitter auf die Nase gefallen. Der prominenteste Flopp ist wohl Apples im Sommer 1993 lancierter Newton - den man fraglos als Ahne sowohl des Tablets, als auch des PDA sehen kann. Und nun preist Gates den Tablet-PC, als hätte er alleine das Ei des Kolumbus gefunden.

Konkurrenz vom Markt verdrängt?

Nicht vergessen scheint im Valley auch, dass Microsoft aus Furcht um das eigene Betriebssystem-Geschäft Anfang der 90er Jahre die Entwicklung von Computern mit Handschrifterkennung gebremst haben soll: PC-Hersteller Compaq soll damals von Microsoft dazu gedrängt worden sein, von der Schrifterkennungs-Software der Firma Go ("PenPoint") auf das Microsoft-System Pen Windows zu wechseln - womit Go vom Markt gedrängt wurde. Das damals nicht einmal fertig entwickelte Pen Windows war jedoch nur wenig später eingemottet worden.

Kaum verwunderlich also, dass zumindest in San Francisco die gute Stimmung nicht überspringen wollte. Die Valley-Insider und "Pen-PC"-Pioniere räumen dem Tablet-PC erfahrungsbedingt allenfalls düstere Aussichten ein. Das zu teure "Tablett" sei viel zu nah dran am klassischen Laptop - nur eben mit Stift - und die Akkukapazitäten ebenso inakzeptabel wie die nicht mal vorgeführte, aber doch immer wieder gepriesene Spracherkennung. So lästern die einen.

Die anderen finden die Schrifterkennung nach wie vor nicht ganz zu unrecht mangelhaft - wobei Microsoft ja auch selbst eingesteht, in diesem Punkt keine allzu großen Sprünge gemacht zu haben seit den Flops von Newton & Co.

Doch nicht nur dieses Stückchen Ehrlichkeit ist den Redmondern zugute zu halten. Auch die präsentierten - und einleuchtenden - Einsatzbeispiele sprechen durchaus für einen Nischenerfolg des Tablet-PC: Anmeldeformulare im Krankenhaus ausfüllen, Inventur im Ladengeschäft erfassen, E-Mails handschriftlich in der U-Bahn beantworten. Auch so mancher Journalist im Publikum hätte sicher gerne seine Notizen gleich auf einem der von über 20 Microsoft-Hardware-Partnern vorgestellten Geräte gemacht.

Ob Gates' Lieblingskind Tablet-PC jedoch wirklich so viel marktreifer ist als die Gadgets, mit denen einst die Valley-"Geeks" scheiterten, werden schlussendlich die Käufer entscheiden. Die nächste Revolution ist sicherlich längst in Mache, und Bob und Liz bereiten vielleicht schon ihre neuen Texte vor. Wetten, dass "Wow!" darin vorkommt?