Talentsuche online: Im Web ist Musik - DER SPIEGEL
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Talentsuche online Im Web ist Musik

In Musik-Communitys geht die Post ab, kreativ, spielerisch, viel versprechend. Manche Plattformen wollen bilden, manche schnüffeln nach Talenten - Bildungspolitik und Branchenmultis suchen den Weg zur Jugend.
Von Ralf Blittkowsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ende September herrschte in der Oberhausener Musikschule erwartungsvolle Spannung. Um 10 Uhr Samstagmorgens startete dort das Internetprojekt Start-ab, der größte Sound-Remix-Wettbewerb Europas.

Unter der Schirmherrschaft von NRW-Vizeministerpräsident Michael Vesper luden Musikschulen aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden Jungtalente und Amateurmusiker zur Improvisation nach vorgegebenen Klangbeispielen ein. Bis Sonntagabend hatten die Heimmusiker Zeit, die Vorgabetracks musikalisch zu verfremden, eigene Tonkünste unter Beweis zu stellen und der Jury zurückzusenden.

Eher verlegen sind dagegen die Ansätze von Musikschulen und Musikpädagogik, um auf das frappierend offene musikalische Stilbewusstsein der Generation @ zu reagieren. In Regensburg sucht Anfang Oktober der Fachkongress "Musik - Neue Medien - Bildung" unter Vorsitz des Deutschen Musikrats nach neuen Wegen in der Musikausbildung.

Johannes Goebel, Referent des Kongresses und Leiter des Instituts für Musik und Akustik am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM), markiert die Kluft zwischen musikpädagogischen Konventionalismus und Neuen Medien: "Das Verständnis über Funktion und Möglichkeit des Internet in schulischen Bereichen geht leider immer noch zwischen den Versprechungen der Computerindustrie und der Unerfahrenheit der Lehrer völlig an dem vorbei, was das Internet kennzeichnet." Johannes Goebel sieht den Nutzen des Internet weniger in vernetzten Musiker-Communitys, sondern im hörenden Kennenlernen vielgestaltiger weltmusikalischer Stile.

Das Web ist ein Mitmach-Medium

Das multimediale World Wide Web ist dennoch ein Medium der Aktion. Wer einen Synthesizer an die Soundkarte anstöpseln kann, erwartet nicht Klassik, Pop et cetera aus den Subwoofern, sondern probiert, selbst in die Tasten zu greifen und eigene Klangkünste unter Beweis zu stellen.

Seit Sommer diesen Jahres findet die populärmusikalische Talentsuche auch im Internet statt. Dem Glücksfall einer Begegnung von Musiker, Band und Produzent will seit Sommer das A-Jugend-Projekt auf die Sprünge helfen. Das Projekt mit dem Kreisklassenamen, das auf einer Idee des Universal-Music-Chefs Tim Renner zurückgeht, setzt gezielt das Internet als Community-Plattform ein, um musische Nachwuchstalente hier zu Lande zu entdecken.

Die drei Produzenten des A-Jugend-Projekts Annette Humpe, Wolfgang Stach und Matthias Arfmann, die per E-Mail und Chat für die A-Jugend präsent sind, stehen für die drei populären Musikrichtungen Pop, Rock und Rap. Wolfgang Stach, Zuständiger für die Sektion Rock und Produzent der Band Guano Apes, begreift das A-Jugend-Projekt als ausgezeichnete Nachwuchsbörse, um kreative Liaisons zwischen der Talent suchenden Musikindustrie und ambitionierten Musikern zu stiften.

Die Anonymität nimmt Hemmungen

Außerdem falle den unerfahrenen Musikern die Kommunikation und die Präsentation per E-Mail leichter. Der Produzent erwartet, über die A-Jugend-Community Material von Talenten zu entdecken, die zwar hörenswert musizieren, sich aber weniger gut vermarkten können.

Auch mit im Team ist Annette Humpe, einst Diseuse der Neue-Deutsche-Welle-Band Ideal, die von Zeit zu Zeit die virtuelle Music-Community Inwire-Studios nutzt, um mit der A-Jugend-Szene zu chatten und eingesendete Projekte online vorzustellen.

Die Inwire-Studios des Hamburger Spezialisten für Musiksoftware Steinberg nutzen Amateurmusiker rund um den Globus, um Instrumental- und Gesangsparts innerhalb einer Session zusammenzutragen und vielgestaltigen Musikstück zu verflechten. Die Kommunikation meistern die Internetmusiker in Chats und die kreative Arbeit offline an ihren Instrumenten.

So entstehen phantasievolle Techno-Hymnen, bei denen die Vocals aus Kalifornien, der Bass aus Frankreich und die Keyboards aus Ungarn stammen können.

mFox alias Michael Fuchs hat sich mit seinen Synthesizerklang-inspirierten Stücken in und außerhalb der virtuellen Inwire-Community einen Namen gemacht. Für ihn besteht kein Zweifel, dass seine Musikkunst im Kommen ist: "Für elektronische Musik und Mixes, die in einem virtuellen Studio entstehen, sehe ich in jedem Fall Vermarktungsmöglichkeiten. Im Grunde ist es ja nichts anderes als ein Musizieren im Studio, mit dem Unterschied, dass Musiker weltweit verteilt sind und das Ganze sich virtuell abspielt."