Taliban: Du sollst nicht surfen - DER SPIEGEL
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Taliban Du sollst nicht surfen

Die Religionspolizei der afghanischen Taliban hat eine Aufgabe mehr: Seit Samstag ist das Web-Surfen in Afghanistan generell verboten. Unbekannte Hacker protestierten, indem sie die Propaganda-Website der Taliban veränderten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Liste der Dinge, die man in Afghanistan nicht darf, wächst beständig. So lässt das radikal-islamische Regime der Taliban seine Religionspolizei akribisch darüber wachen, dass niemand Musik hört (es sei denn, religiöse), dass sich niemand rasiert, niemand Menschen oder Tiere abbildet - und niemand im Web surft.

Seit Samstag gilt ein generelles Surf-Verbot, das einer Abschaltung des Internet in Afghanistan gleichkommt. Selbst Regierungsbehörden und anderen nationalen, von den Taliban selbst kontrollierten Einrichtungen ist die Bewegung im Web künftig verboten - mit Ausnahme einer Dienststelle der Taliban-Zentrale in Kandahar, wo ein "vertrauenswürdiger Mitarbeiter" den digitalen Kontakt zur Welt hält.

Der war auch vor dem Verbot nicht sehr ausgeprägt: Von dem Verbot betroffen sind aller Wahrscheinlichkeit nach nur wenige tausend Menschen. Der bei weitem größte Teil der Bevölkerung des kriegs- und krisengeschüttelten Landes verfügt nicht über Web-Anbindungen: Dazu müsste man erst einmal eine Telefonleitung bekommen - und Strom. Doch selbst das ist nur in wenigen Teilen des Landes gewährleistet.

Betroffen von dem Verbot sind somit zum einen Regimekritiker, die einen weiteren medialen Zugang zur Welt verlieren, und die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, die über das Web versuchten, den Kontakt zu ihren Organisationen zu halten. Zwar wird in dem Regierungserlass kein Strafmaß für Verstöße gegen das Surf-Verbot genannt, doch ist von einer Überwachung durch die Religionspolizei auszugehen.

Es dauerte nur wenige Stunden, bis es zu ersten Protesten gegen den Regierungserlass kam. Noch in den Nachmittagsstunden des Samstags veränderten unbekannte Hacker die Propaganda-Webseiten der Taliban und versahen sie mit regierungskritischen Äußerungen und teils wüsten Beschimpfungen. Ein Argument gegen den Erlass werden die Taliban so schnell nicht aus der Welt schaffen können: Wie kann es sein, fragten die Hacker, dass man ein Medium verteufelt und es zugleich seit Jahren für die eigene Propaganda nutzt?

Eine Frage, auf die keine Antwort zu erwarten ist: Auch der Regierungserlass vom Samstag enthält keinerlei Begründung für das Surf-Verbot. Das sei Willkür, heißt es in dem Hacker-Protest: "Demnächst werdet ihr wohl noch das Atmen oder Schlafen verbieten."

Zahlreiche islamisch geprägte Staaten tun sich schwer mit dem Internet. In einigen gibt es seit Jahren mehr oder minder erfolgreiche Versuche, insbesondere pornografische Angebote weitgehend herauszufiltern. Zu einem generellen Surf-Verbot ist es bisher nirgendwo gekommen: Selbst erzkonservative Regime erkennen die wichtige Rolle an, die das Web heute spielt. "Kommt bloß nicht auf die Idee, zu behaupten", hieß es am Samstag auf der gehackten Propaganda-Website der Taliban, "Eure Regeln hätten irgend etwas mit dem Islam zu tun."

Taleban.com war auch am Montagmorgen noch offline.