Taobot Hausbesuch im Bungalow
Wenn sich Multimedia-Agenturen im Web präsentieren, dann müssen sie drei Dinge vorweisen: erst mal als Eigenreferenz eine möglichst gut gestaltete Website. Dann jede Menge Fakten: die besonderen Fähigkeiten der Agentur, die Liste der bisher bedienten Kunden, eine Beschreibung der Mitarbeiter und als Referenz eine Übersicht über die bisherigen Arbeiten. Solche Dinge lassen sich in der Regel über Buttons wie "Service", "Clients" oder "Team" abrufen.
Als Drittes gibt es da noch die so genannten Soft Skills, die etwas schwieriger zu vermitteln sind. Denn die zahlungskräftigen Kunden - Marketingfachleute aus den großen Unternehmen - wollen mehr als nur gute Leute: Sie wollen eine Agentur, die cool ist. Die technisch richtig was drauf hat. Die die besten Grafiker und Texter kennt. Die international Anerkennung findet. Die rund um die Uhr für sie arbeitet. Mit Mitarbeitern, für die Freizeit ein Fremdwort ist. Eine Agentur, die eigentlich nicht für Geld, sondern aus Leidenschaft arbeitet.
Das alles kann man natürlich auf die eigene Promotion-Website schreiben.
Machen auch viele, wirkt aber ziemlich unglaubwürdig. "Wir arbeiten Tag und Nacht nur für Sie" - das erinnert doch eher an einen Schlüssel-Notdienst als an die tolle Web-Agentur.
Eine weit nettere Lösung zur Präsentation von harten Fakten und übertriebenen Soft Skills hat die junge Agentur Taobot aus Alsheim bei Mannheim gefunden: Die drei Webdesigner und Programmierer haben einfach ihre Agentur als begehbaren 3-D-Bungalow in Flash nachgebaut. Wer also was über Taobot wissen möchte, der muss mit einer Spielfigur - einem Avataren - in die Agenturräume eintreten und sich die Infos holen.
Branchenübliches Aufschneiden mit Selbstironie
Das Ganze dürfte die älteren Gamefreaks unter uns zunächst an Larry Laffer erinnern - die jüngeren vielleicht an die Sims. Ähnlich wie in einem PC-Spiel lässt sich die Spielfigur mit den Pfeiltasten durch das Haus steuern. Informationen über die Gegenstände und Personen werden über Comic-artige Sprech- und Gedankenblasen vermittelt.
Dabei kann man sich nicht nur die oben erwähnten Fakten über Taobot abholen, sondern kriegt die Soft Skills der jungen Programmierer und Designer mit einer gehörigen Portion Selbstironie serviert. Wer auf die Kaffeemaschine zugeht, erfährt, dass hier der Kaffee mit der "Doublestrong-twentyfourhours-neversleep-workallday-Mischung" gekocht wird. Und im Garten trifft man wie nebenbei auf die international anerkannten Flash-Künstler Tony David Cray und David Emberton - damit der Besucher direkt weiß, in welcher Liga und mit welchen Freunden die Taobot-Leute spielen.
Mit Tricks zum 2,5-D-Feeling
Die gesamte 3-D-Welt ist liebevoll gestaltet und sieht überhaupt nicht nach Flash aus. Das liegt daran, dass die Designer auf die üblichen Vektorgrafiken verzichtet und das gesamte Haus aus GIF-Grafiken in Flash zusammengesetzt haben.
Damit so eine Anwendung nicht riesengroß wird und auch für Modembesitzer akzeptabel bleibt, mussten die Programmierer einige Tricks anwenden: Durch die Verwendung der isometrischen Perspektive (einer schrägen Aufsicht, bei der die Kanten eines dreidimensionalen Würfels gleich lang dargestellt werden) können viele Objekte und die Avatare einfach gespiegelt werden, wenn sich von links nach rechts drehen - das spart schon die Hälfte der Dateigröße ein. Dazu kommt, dass die Räume via Streaming nach und nach in den Hauptspeicher des Rechners geladen werden. Während der Besucher noch durch die Empfangshalle geht, werden die hinteren Räume der Agentur einer nach dem anderen bereitgestellt.
Da Flash über gar keine 3-D-Funktionen verfügt, sind echte 3-D-Welten mit Flash eigentlich nicht möglich. Will man zum Beispiel einen drehenden Würfel mit Flash darstellen, so muss man die Drehung durch eine Abfolge von Einzelbildern wie in einem Trickfilm simulieren. Von daher handelt es sich bei dem Taobot-Haus eher um die Simulation einer 3-D-Welt - die aber wurde ziemlich gut gemacht.
Da bei so einer 2,5-D-Welt nicht vorab definiert werden kann, welches Objekt sich vor und welches sich hinter dem Avatar befindet, muss das Bild bei Bewegungsänderungen ständig neu berechnet werden. "Wir haben ein Gitter mit unsichtbaren Linien über den Fußboden gezogen" erzählt Danny Franzreb, Gründer und Programmierer von Taobot. "Sobald der Besucher mit seinem Avatar eine dieser Linien überschreitet, wird die Position der Objekte neu berechnet."
Von diesen technischen Finessen sollen die Besucher nichts mitkriegen. "Sie sollen Spaß haben und sich darüber wundern, was mit Flash alles möglich ist", sagt der 23-jährige Franzreb, der in seiner Freizeit auch schon mal Vorträge über Flash in Singapur hält. Einer der schönsten Effekte ist übrigens, wenn bei einem Raumwechsel die vorn liegenden Wände transparent werden, damit der Avatar weiterhin sichtbar bleibt.
Der Spaß hat natürlich seine Grenzen. So schön die Site auch gestaltet wurde - in punkto Interaktivität und 3 D ließe sich mit Flash sogar noch einiges mehr realisieren.
Vorgemacht haben dies zum Beispiel Less Rain aus London und Berlin mit dem Funkhaus Chat für Radio FFN. Hier können sich bis zu 30 Nutzer frei im Raum bewegen, sich gegenseitig sehen und miteinander chatten. So etwas geht bei Taobot nicht. "Wir wollten das Ganze ursprünglich als großes Online-Game konzipieren. Dazu braucht man aber deutlich mehr Manpower, als wir zurzeit zur Verfügung haben", gibt Franzreb zu. "Aber wir wollen ja noch wachsen."
Wer zum Wachstum beitragen und sich bei Taobot bewerben will, sollte den Raum mit dem netten Schriftzug "Jobs" aufsuchen. Und haben Sie dann immer noch Lust auf den Job, so dürften Sie zumindest in Bezug auf die Selbstironie gut zu den Taobot-Gründern passen...