Tech-Pioniere: Der alte Mann und die Bitströme - DER SPIEGEL
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Tech-Pioniere Der alte Mann und die Bitströme

Normalerweise fragen Opas ihre Enkel, wenn sie Rat in Computerdingen brauchen - nur in seltenen Fällen ist das umgekehrt. Der Computer-Guru Joseph Weizenbaum allerdings, der in den sechziger Jahren am MIT an Künstlicher Intelligenz forschte, ist heute auch einer der schärfsten Kritiker möglicher Technikfolgen.
Von Urs Zietan
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit seinen 82 Jahren sollte Joseph Weizenbaum eigentlich ein Vertreter der letzten wirklich vordigitalen Generation sein. Ist er aber nicht, denn er gehört zu den Pionieren der Digitaltechnik. In unzähligen Artikeln werden ihm zudem eine ganze Reihe teils akademischer Attribute zugesprochen: Ein Philosoph sei er, ein Experte für Künstliche Intelligenz, ein Medien- oder Gesellschaftskritiker.

Nichts davon ist falsch, vor allen Dingen aber ist er eines: Der Digitalpionier Weizenbaum gilt heute als einer der informiertesten Kritiker des kritiklosen Umgangs mit Computern und sonstiger Technik, die den Alltag immer stärker bestimmt. Auf diesem Gebiet ist er eine absolute Autorität. Weizenbaum selbst bezeichnete sich einmal als "Dissident und Ketzer der Computerwissenschaft".

Für viele junge Leute, die mit Digitaltechnik ganz selbstverständlich groß geworden sind, ist er gerade deshalb so etwas wie ein Guru. Wohl auch darum drängten sich kürzlich in Köln rund 100 junge Studenten in einen kleinen Vortragssaal und lauschten gespannt den Ausführungen des Informatik-Seniors mit dem grauen Pferdeschwanz, dem buschigen Schnauzbart und dem frischen Humor. Einige der Studenten filmten ihn mit der Videokamera, tippten seine Worte umgehend in den Laptop oder nahmen sie als MP3 auf.

Das Ungewöhnlichste daran war wohl der Ort der Veranstaltung und die Art des Publikums: Studenten der Kunst, der Philosophie, der Sozialwissenschaften fanden ihren Weg in die Gastvorlesung an der Kunsthochschule für Medien. Es gibt nicht viele Informatiker, die so ein Publikum finden.

Berühmt wurde Weizenbaum, als er Mitte der sechziger Jahre im Rahmen seiner Forschungen über Künstliche Intelligenz am Massachusetts Institute of Technology (MIT) das Programm "Eliza"  schrieb, das mit rund 200 Zeilen Programmcode eine Unterhaltung zwischen einem Psychotherapeuten und einem Patienten simulierte.

"Das kann heute jeder zwölfjährige Hacker schreiben", sagt Weizenbaum heute. Doch die User in den Sechzigern waren begeistert und fühlten sich vom Computer verstanden, der jedoch nur vorausberechnete Floskeln ausspuckte. Weizenbaum spricht heute von einer "Parodie".

"Uterus-Neid" als Antrieb der KI-Forscher?

Heute gilt der emeritierte MIT-Professor, der vor zehn Jahren aus den USA in seine Geburtsstadt Berlin umgezogen ist, als strenger Kritiker in Technik-Dingen. Trotz aller Rechenleistung wird ein Computer seiner Auffassung nach niemals in seiner Entwicklung einem Menschen nahe kommen. Das liege unter anderem daran, dass Mensch und Maschine nicht miteinander kommunizieren können, denn "wir wissen mehr, als wir sagen können", sagt er. Man könne alles mit Worten ausdrücken, "nur nicht die Wahrheit".

Zuwider ist ihm das vermeintliche "Dogma" mancher seiner Forscherkollegen: "Der liebe Gott war ein mittelmäßiger Ingenieur und wir können es viel besser."

Er wirft denjenigen, die Künstliche Intelligenz (KI) schaffen wollen, "Uterus-Neid" vor: "In der KI-Community gibt es nur Männer. Die besten Köche, Komponisten und Autofahrer sind Männer, aber wir können keine Kinder gebären. Jetzt glauben wir, dass wir es könnten."

Doch ein künstliches Gehirn könne man niemals einem anderen Menschen einsetzen, egal wie perfekt und ausgereift die Technik auch noch werde - immer bleibe ein profunder Unterschied: "Das Gerät hat nicht das Bedürfnis, die Mutter zu riechen." Den Forschern fehle es an Demut, wenn sie versuchten, Antworten auf alle Fragen zu bekommen: "Nicht jeder Aspekt ist berechenbar."

"Frage nach dem Endnutzen"

Doch wird Weizenbaum darauf angesprochen, warum er zum Technik-Kritiker geworden sei, streitet er das ab: "Ich bin kein Computerkritiker. Computer können mit Kritik nichts anfangen. Ich bin Gesellschaftskritiker." Er sei sogar technikbegeistert.

Tatsächlich kann er, wenn es zu diesem Thema kommt, mit der gleichen Begeisterung schwärmen, mit der er über Technik schimpft. Wenn er etwa von Supercomputern spricht, die 69 Teraflops rechnen können, dann leuchten seine Augen durch die schwarze Hornbrille: "Ich bin begeistert davon, was wir geschaffen haben." Allein die Tatsache, dass Fernsehzuschauer live und in Echtzeit in brasilianische Fußballstadien gucken können, begeistert den Apparate-Kritiker. Die Bitströme, die aus dem Stadion in den Himmel und über Satelliten wieder auf die Erde gelenkt werden, ohne dabei mit anderen Bitströmen in Konflikt zu geraten - das fasziniert ihn.

"Der Mensch ist der Maßstab. Er hat biologisch bestimmte Bedürfnisse, die er befriedigen muss - oder sterben."

Was er verachtet, ist die Tatsache, dass viele Wissenschaftler sich keine Gedanken darüber machen, welche Folgen ihre Forschungen haben können. Seine Botschaft erzählt er, wo immer er gefragt wird, und ist dabei ein genialer Geschichten- und Witzerzähler. Sie ist einfach, aber nicht selbstverständlich und richtet sich vor allem an Naturwissenschaftler: "Frage dich immer, was der Endnutzen deiner Arbeit sein wird."

Es bestehe oft der Reiz, alles auszuprobieren, was möglich ist, selbst wenn dabei Menschen getötet würden: "Der Forscher kann etwas und es macht ihm Spaß", sagt er, "aber menschliche Probleme lassen sich nicht mit technischen Mitteln lösen."

    Lesetipp:
    Joseph Weizenbaum: "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft"
    368 Seiten, Suhrkamp, November 2003.

    Das Buch ist eine überarbeitete Neuauflage seines längst zum Klassiker avancierten Bestsellers aus dem Jahre 1976, deutsche Ausgabe 1977/78, der nichts an Aktualität verloren hat.