"Thema1" Provozieren ohne zu revolutionieren
Wenn der Berliner Kulturwissenschaftler Sebastian Lütgert zum "Last Tuesday" , dem Treff der Internet-Intellektuellen der Hauptstadt, ins Bootlab in den Bezirk Mitte bittet, kann sich das handverlesene Publikum meist auf kritische bis kryptische Theorie zu den aktuellen digitalen Diskursen freuen und bekommt mit ein wenig Glück noch die eine oder andere Seite gezeigt, auf die es nun wirklich nicht von selbst gekommen wäre. Das trifft wohl auch auf die Online-Zeitung "Thema1" zu - doch nicht etwa, weil es sich dabei um ein besonders ausgetüfteltes Beispiel von subversiver Netzkunst handelt, von dem wieder nur fünf Menschen auf drei Kontinenten etwas mitbekommen haben.
Eher liegt es daran, das die traditionelle Klientel des Treffs "Last Tuesday" eine andere Mediennutzung vorzieht - abends noch mal schnell in die digitale "taz" gekuckt und am nächsten Morgen die Zeitungen von perlentaucher.de schon mal vorsortieren lassen. Was hingegen "Sabbele & Bobbele" und andere Prominente so machen, interessiert wahrscheinlich in diesem Kreis so wenig wie "Dicke Dekolletee Detonationen", und andere bedingt ulkige "Thema1"-Kreationen wie "Mikka Einpakkekönne" oder das "Hackerschwabbelriesenbaby" finden andere witzig.
Vom Top-Thema "Britney" hat man in den Nebenräumen des angesagten WMF-Clubs auch schon mal gehört, doch für echte Betroffenheit wird höchstens das Ende von Viva 2 gesorgt haben, das "Thema1" dank persönlicher Verbindungen in den Sender vor allen anderen zu vermelden wusste.
Weit vorn bei Beckenbauer und Becker
Ebenfalls "weit vorn" waren die fünf Berliner, die für wenig Geld in einer 22-Stunden-Redaktion viel arbeiten, bei den Medienereignissen Beckenbauer und Becker. Auch gelang es ihnen, eine obskure Meldung über eine deutsche Insel vor Kuba weiterzuverbreiten. Die mit reichlich Klatsch und Gerüchten gefüllte Wundertüte scheint für die männliche Zielgruppe zwischen 16 und 36 auch ohne Marketing zu funktionieren - 10.000 Pageviews pro Tag, 1000 registrierte Besucher und ein harter Kern von Fans können sich anscheinend nicht irren.
Jacob Bilabel, der 30-jährige Geschäftsführer von "Thema1", erläutert sein Erfolgsrezept: "Was wir machen, ist digitaler Boulevard. Eine Form von Journalismus, die versucht, schneller, direkter und brutaler zu sein. Provozierender und polarisierender. Und die unterm Strich mehr Emotionalität in die Textgattung hereinbringt. Das fehlte uns bis jetzt."
Der Chef: Ein journalistischer Quereinsteiger
Bilabel selbst kann auf keine journalistische Ausbildung zurückblicken, sondern nahm den Quereinstieg: Während seines Studiums der visuellen Anthropologie und der Germanistik schrieb er für "Max", "jetzt" und "Brand Eins", arbeitete in der Unternehmenskommunikation von Philip Morris und diversen Agenturen.
Dass der Besuch einer Journalistenschule oder gar ein Studium in dieser Branche von Nutzen sein könnten, glaubt er nicht: "Es gibt Leute, die können schreiben, und es gibt Leute, die können nicht schreiben." Was die, die schreiben können, dann schreiben, und wie nah das Geschriebene an der langweiligen Faktenlage ist, scheint ihn weniger zu interessieren: "Ich glaube, dass der Wunsch der objektiven Darstellung das Problem von ganz vielen Medien ist."
Mit so einer Einstellung gerät man natürlich schnell in die Nähe des Printmediums mit den großen Buchstaben, das zuletzt selber durch den Versuch, Seile zu Schlagstöcken umzudichten, in die Schlagzeilen geriet. Doch mit den Meinungsbildnern aus dem Hause Springer will Jacob Bilabel, der sich in der Rolle des Provokateurs gefällt, nichts zu tun haben: "Ich glaube, dass wir den Boulevard an sich lieben, während die "Bild"-Zeitung nur die Agitation liebt." Erlaubt ist bei "Thema1" aber alles, was nicht ausdrücklich verboten ist oder ernsthaften juristischen Ärger verspricht.
Das Resultat dieses Konzepts bringt einer der zahlreicher als sonst erschienenen "Last Tuesday"-Besucher auf den Punkt: ""Thema1" ist deswegen cool, weil es wie die Simpsons funktioniert. Auf der einen Seite ist es für Leute wie uns eigentlich Satire, aber gleichzeitig funktioniert es auch auf der "Bild"-Zeitungs-Ebene. Ähnlich wie die Simpsons für Kinder eine Cartoonserie sind, während sie für andere eine bitterböse Gesellschaftskritik darstellen." Anders gesagt: Wer, wie die Macher von "Thema1", durch seine privilegierte gesellschaftliche Stellung Zugang zu der nötigen Bildung und hilfreichen Hintergrundinformationen hat und in der Lage ist, das mediale Geschehen zu durchschauen und eventuell sogar spielerisch zu betrachten, verfügt nun über ein weiteres Amüsement - zu den anderen möchte man lieber nicht gehören.
Trotz aller Provokation: Bestätigung für das Bestehende
Diese zynische Haltung, die sich in der Vergangenheit auch in Phänomenen wie "Bad Taste", Easy Listening und ähnlichen Trends ausdrückte, ist jedoch keinesfalls provokant. Bei Licht betrachtet, bestätigt sie sogar das Bestehende - selbst wenn sich die Macher als eher "links" betrachten und mit der CDU und Jörg Haider klare "Feindbilder" haben.
Veranstalter Sebastian Lütgert zieht daher auch eine eher nüchterne Bilanz: "Wenn es beim "Last Tuesday" einen Lernprozess gibt, dann haben wir gelernt, dass es so etwas wie ein anderes Arbeiten oder andere Inhalte im Netz eigentlich gar nicht gibt. Die Gegenstrategien sind den Strategien, gegen die vorgegangen wird, unglaublich ähnlich."