Tiefergelegte Rechner: Wasserkraftwerk schlägt Pneu-PC - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Tiefergelegte Rechner Wasserkraftwerk schlägt Pneu-PC

Erste-Hilfe-Puppen? Autoreifen? Staubsauger? Da kann man doch einen prima PC draus bauen! Jedenfalls wenn man ein echter Case-Modder ist. Am Wochenende trafen sich die skurrilen Schrauber auf der Cebit zur Deutschen Casemod Meisterschaft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Hauch von Modellbahnschau wehte am Samstagnachmittag durch Messehalle 16. Aufgeregt prüften Aussteller den Sitz der Kabel und polierten ihre Schmuckstücke auf Hochglanz. Die Besucher drängten sich an den Absperrbändern, um einen Blick auf die Bastel-PCs zu erhaschen, an denen teilweise monatelang herumgetüftelt wurde.

Ob Erste-Hilfe-Puppe, Autoreifen, Staubsauger, Modellauto oder Beauty-Case - überall steckten voll funktionsfähige PCs drin. Case Modding heißt der Bastelsport, bei dem immer mehr Computerfans ihre grauen PC-Gehäuse mit Lack, Lampen und Plastikfenstern aufpeppen. Die erstmals auf der Cebit veranstaltete Deutsche Casemod Meisterschaft versammelte Geniales und Absurdes aus einer Szene, die ihre Bastelpläne via Internet austauscht.

Da waren zum Beispiel zwei Schüler aus Vreden im Münsterland, die mit Kohlefaser ein PC-Gehäuse in Form eines Schiffes bauten. Der PC schwamm in einem Wasserbassin; das Becken diente gleichzeitig als Wärmetauscher für das heiße Wasser aus dem Kühlkreislauf.

In der Moddingszene gelten wassergekühlte PCs als besonders hip. Nicht nur, weil die Rechner so kaum noch lärmen, sondern vor allem, weil sich das Wasser in den durchsichtigen Schläuchen bunt einfärben lässt. Mancher Rechner erinnerte deshalb auch an ein Aquarium: In der einen Ecke blubbert es ein bisschen, die Kabelstränge sehen aus wie Wasserpflanzen, bunte Lämpchen setzen das Plexiglasgehäuse ins rechte Licht.

Sven Köster, ein 19-jähriger Azubi aus Hamburg, kommt eigentlich aus dem Modellautosport. Jahrelang verstaubten die ferngesteuerten Flitzer im Schrank, bis er auf die Idee kam, einen ganzen PC samt DVD-Brenner in die Modelle hineinzuzwängen. "In den langweiligen Deutschstunden habe ich mit einem Freund viel rumgezeichnet", berichtet er. Der in Hannover gezeigte rote Ferrari ist schon sein dritter Sportwagen-PC, er ist damit schon ein sehr erfahrener Modder.

Gelernt hat er dabei eine Menge. Zum Beispiel, dass ein Netzteil besser nicht ins Modellauto gehört. "Ich habe mir immer mal wieder einen Schlag geholt", erzählt er. "230 Volt - das zieht schon relativ stark." Als er eines Tages sogar vier Mal hintereinander eine gewischt bekam, beschloss er auf ungefährlichere Notebook-Technik mit zwölf Volt umzusteigen.

Der 16-jährige Alexander Kröger aus einem Dorf in Niedersachsen rüstete seinen Rechner zur Kräuterlikör-Zapfstelle auf. "Ich trinke ja sonst nicht", sagt er grinsend. Probiert habe er durchaus schon mal, es hätte auch gut geschmeckt. Aber in der Öffentlichkeit will er lieber nicht zu einem der beiden Gläser greifen, in die der gekühlte Likör fließt. Kröger hat den PC einfach nur orange lackiert - der Schnapstank stammt aus dem Modellbau und wird normalerweise mit Benzin befüllt.

Die Casemod Meisterschaft wurde in drei Kategorien ausgetragen: Casemods (umgebaute PC-Gehäuse), Casecons (komplette Eigenkreationen) und Publikumsliebling. Die neunköpfige Jury bewertete Optik, Elektrik, Verarbeitung und vor allem den so genannten "Wow-Effekt" - also die Kreativität.

Fotostrecke

Case Modding Meisterschaft: „Das hab ich gedremelt“

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Industrie hat Modding längst als Geschäft entdeckt. Spezialisten wie Revoltec oder Sharkoon verwandeln PCs in blinkende Jahrmarktsbuden, die ein bisschen so aussehen wie Sexshops auf der Reeperbahn. Vom Plexiglasgehäuse, bunt schillernden Kabeln bis zur geräuschsensitiven Lüfterbeleuchtung ist alles im Angebot.

In der Moddingszene sind solche Fertiglösungen freilich verpönt. Hier zählen Kreativität, selber Schrauben und Findigkeit, wie die 31-jährige Mara Dickes aus Osnabrück betont. Die Webdesignerin ist eine von drei Frauen in der Endrunde, die übrigen 52 Teilnehmer sind männlich. Dickes hat ihren PC in eine Art Beauty-Case gebaut. "Ich gehe oft zu LAN-Parties und wollte die Riesenkisten einfach nicht mehr schleppen." Womit ganz nebenbei auch die Sinnfrage des Ganzen geklärt ist.

Doch mit einem Haltegriff am PC war es noch lange nicht getan. Die Osnabrückerin gravierte auch noch Symbole aus der keltischen Mythologie in das Plexiglas, im Modderjargon heißt dies "dremeln". Anschließend mattierte sie die Oberfläche mit einem Schwamm, damit die bunte Innenbeleuchtung besser zur Geltung kommt. Das Abdeckgitter am Netzteillüfter hat sich ihr Spieleclan extra bei einem Spezialisten anfertigen lassen. Vorlage war ein keltisches Symbol.

Dem lästigen PC-Wuchten von LAN-Party zu LAN-Party hat sich ein 15-jähriger Schüler aus Chemnitz auf ganz andere Weise entledigt. Er rollt seinen Rechner einfach, denn dieser steckt im Innern eines Autoreifens. Auf die Idee zum Gummi-PC brachte ihn sein Vater. Der hatte beim Einparken den Schlappen seines Geländewagens an einer Bordsteinkante ruiniert. Mit Plexiglas und vielen Schrauben konstruierte Christian Müller ein Gehäuse in den Breitreifen. Die Tüftelei hat sich gelohnt: Müller gewann den Publikumspreis.

Noch cleverer bugsierte Heiko Burike seinen PC durch die Messehalle: mit einer Fernbedienung. Sein grüner Modell-Ferrari fährt dank 12-Volt-Batterie von selbst - rechnen kann er allerdings nur im Regal an der Steckdose. Der 29-jährige Computertechniker aus dem Münsterland hat den Wagen angeblich nur für seinen Sohn gebaut. "Papa ich hätte gern einen Computer im Auto", soll dieser gesagt haben. "OK, dann bau ich dir so ein Ding", lautete seine Antwort.

Drei Monate lang schraubte Burike jeden Abend und bedankte sich hinterher brav bei seiner Familie dafür, dass er das auch durfte. Der Sportwagen ist gut motorisiert, beim Anfahren drehen die Räder durch wie bei einem richtigen Zuhälterschlitten. Hoffentlich schrottet sein Sohn das 1800er Duron-System nicht an der nächsten Kinderzimmerwand.

Burike holte mit seinem Selbstfahr-PC den dritten Platz in der Kategorie Casecons. Der erste Preis ging an Alexander Siener aus dem Dorf Heuchelheim in Rheinland-Pfalz. Der Leiter einer Heizungsbaufirma hat sein Gehäuse komplett selbst zusammengeschustert. Mit 36 Jahren gehört Siener schon zu den Modding-Senioren in Hannover - die meisten Schrauber waren noch Schüler oder gerade in Ausbildung.

Sieners Perfektion in allen Details brachte ihm die meisten Punkte bei der Jury. Das Aluminiumblech wurde gebogen und gefräst und anschließend gebürstet, damit es auch richtig edel daherkommt. Natürlich läuft die Athlon-Maschine mit Wasserkühlung - Ehrensache für den Heizungsbauer, der den Wasserkreislauf auch regelmäßig fachmännisch entlüftet. Ein Knopfdruck auf der Fernbedienung lässt das Aluminium-Gehäuse nach hinten fahren und den Kühlwasserbehälter nach oben klappen - zum Luftablassen oder zum Nachfüllen.

Wer die uhrwerkgleiche Mechanik gesehen hat, macht sich keine Sorgen mehr um die Zukunft des deutschen Handwerks. Nicht mal Klauen lässt sich der Aluminium-PC: Sobald er angehoben wird, heult die Alarmanlage los.

Bei den Casemods siegte Benjamin Franz aus Herne im Ruhrpott. Auf seiner Webseite plexmod.de beschreibt er haarklein den Weg vom grauen Langweilergehäuse zum gelb lackierten Modell "Sunray". Der Junge muss auf jeden Fall einen guten Werkunterricht genossen haben - Sunray erforderte das volle Bearbeitungsprogramm von Holz, Metall, Plastik und schließlich noch professionelles Lackieren. Das Ergebnis sieht aus wie ein perfekter Designer-PC.

Weniger gut sahen die Silberpokale aus, die die Sieger der Deutschen Casemod Meisterschaft bekamen. Eigentlich wären auch diese ein Fall für Case-Modder. Die Dinger waren nämlich so hässlich, dass nur eine Dremelsession und eine ganze Armada bunter Kaltlichtkathoden noch etwas hätten retten können. Aber egal. Das wichtigste war ja "Ruhm und Ehre", wie der deutsche Casecon-Meister Siener betonte.

Mehr lesen über